Dienstag, 13. März 2012

Leeeebkuchen

Achtung, Spoiler!

Schon wieder ein Name, den ich übersehen habe. Music composed by Alexandre Desplat. Hätte mir auffallen müssen. Allerdings wurde die auch nur sparsam eingesetzt, genauer gesagt, nur während des Vor- und Abspanns. Zu lesen der Titel:

Der Gott des Gemetzels

Endlich Gelegenheit, ihn zu sehen. Endlich die Gelegenheit, die Review von Sir Donnerbold lesen zu können, ohne Spoiler mitzukriegen. Das habe ich noch nicht gemacht, ich will meinen Text nur aus mir selbst heraus abgeben.

Also: Zwei New Yorker Ehepaare, die sich zu einem Gespräch treffen, weil der Sohn von den Besuchern dem Sohn der anderen beiden mit einem Stock zwei Zähne gezogen hat. Es soll ein versöhnliches Gespräch werden … wird es aber nicht.
Wenn man in den Film hineingeht, denkt man zunächst, dass der offen ausgetragene Konflikt erst gegen Ende des Films vom Zaun bricht. Das stimmt nicht. Er trägt die gesamte zweite Hälfte. Innerhalb dieser werden alle möglichen inneren Verschlossenheiten weggebrochen und die tiefsten Gedanken treten zutage. Dabei merkt man schon am Anfang, dass der Konflikt vorprogrammiert ist, schon in den ersten paar Sekunden knallt es sehr subversiv. Dazu passt auch das zu businessmäßige Äußere der beiden Besucher (Winslet und Waltz). Beide wirken so, als wären sie direkt aus hochdotierten Jobs zum Gespräch gekommen, wobei das möglicherweise sogar stimmt.
Auch wenn der Konflikt schon am Anfang durchscheint, so ist er bis zu einem bestimmten Punkt vermeidbar. Besonders interessant finde ich, wie dieser Punkt zustande gekommen ist. Dafür ist erst etwas Charakterisierung nötig:
Waltz ist in der Runde am ehesten derjenige, der für das Vorankommen zum Streit verantwortlich ist. Kaum verwunderlich, da sein Rollenprofil eine erneute Landa-Variante ist. Zwar verfestigt er sich damit weiter auf ein bestimmtes Rollenprofil, welches er im Laufe seiner Karriere garantiert nicht durchgehend hatte (also zu Tatort-Zeiten und davor), aber an diesen Rollen kann man sich nicht satt sehen. Er ist ständig am Telefonieren mit seinem ollen Pharmareferenten und fängt dabei auch als Erster mit der Flucherei an. Man wartet die komplette erste halbe Stunde fast nur darauf, dass er, nachdem der, öhm, Kuchen auf den Tisch kam, sagt: „Attendez la crème.“ Mit am witzigsten fand ich, als die beiden zum ersten Mal im Begriff waren, zu gehen, und den beiden dann doch noch Kaffee angeboten wurde, und Landa darauf lakonisch bemerkt: „Haben sie auch Espresso?“ (bejaht) „*Landagrinsenmodus on* Dann nehme ich ihr Angebot an.“ Man merkt seinem Charakter die Lust an der Provokation an, und er macht das so gut, dass sich der Streit irgendwann von alleine trägt und er fast nicht mehr eingreift, sondern nur noch beobachtet.
Daher könnte man am Anfang meinen, dass er derjenige ist, der den Point of no Return festlegt. Tut er aber nicht. Er legt die Vorbereitungen dafür. Winslet ist diejenige, die den Ausbruch markiert, obgleich sie bis dahin einzig darauf bedacht ist, genau das zu verhindern. Ich mag nicht mit voller Sicherheit sagen, ob das, was sie tat, was zum Ausbruch führte, als letzter Versuch gemeint war, genau das abzuwenden, aber wenn dem so ist, dann hat dieser Schlag, an dem der Reiher den Punkt ohne Rückkehr überflogen hat (kleiner Insider), seine Intention verfehlt, denn so sind die beiden Parteien zum ersten Mal in diesem Gespräch separiert, wodurch die innerlich mittlerweile getroffenen Gedanken manifestiert und unumstößlich untermauert werden. Von diesem Punkt an ist der Streit nicht mehr zu verhindern. Wenig später wird er ausgefochten. Dann wollen die Gäste gehen, da die Diskussion, wie nun jeder weiß, zu nichts mehr führen kann, aber weil keiner den Gegenüber gewinnen lassen will, wird die Auseinandersetzung fortgesetzt. In meinem Kopf stelle ich diese Szene, die ja den zweiten Gehversuch markiert, dem ersten Gehversuch gegenüber. Ich mag solche Momente, in denen ein Bild, welches vorher schon einmal zu sehen war, nochmal auftaucht, aber in neuem Kontext.
In der Wohnung wird der Streit dann, diesmal mit Alkohol, fortgesetzt. Und von dort an gibt es kein Halten mehr. Alle äußern ihre tatsächlichen Gedanken. Keiner hat mehr Hemmungen. Die Ehepaarstruktur ist nicht mehr gegeben. Allianzen werden neu gebildet und halten für teilweise nicht mal wenige Minuten. Die Männer tun sich zusammen, um noch mehr achtzehnjährigen Single Malt zu trinken, später werden die Zigarren ausgepackt. Das Telefon, das längst alle in den Wahnsinn getrieben hat (außer Landa), wird versenkt, und die beiden Frauen kriegen sich nicht mehr ein (obwohl sie sich den einen oder anderen heftigen Schlagabtausch vorher lieferten), es geht jeder gegen jeden, und dabei ist ihm für den kurzfristigen Zweck jeder Koalitionspartner recht, egal was kurz zuvor mit ihm lief.

Und dann ist Schluss, nachdem das Telefon wieder funktioniert. Der Film kommt einem eher wie eine Dreiviertelstunde vor, also knapp über Kurzfilmlänge. Das ist natürlich unter Anderem bedingt dadurch, dass der Film prinzipiell nur aus einer Szene besteht und der Konflikt langsam aufgebaut wird, fast ohne große Sprünge (abgesehen davon, dass der Reiher den Point of no Return überfliegt).

Was lässt sich zu den Figuren innerhalb der Konstellation zusammenfassen?

Waltz: Treibende Kraft hinter dem Konflikt, löst ihn aber nicht unmittelbar aus. Steckt von allen am wenigsten Treffer ein, also einen einzigen, der dafür recht heftig ist, von dem er sich dann recht fix wieder erholt. Wenn jemand den Konflikt beherrscht und es geradezu genießt, ihn zu beobachten, dann er.
Winslet: Anfangs stets darauf bedacht, den Konflikt mit Händen und Füßen zu verhindern, löst ihn dann aber selbst unbeabsichtigt aus. Bewegt sich danach im Mittelfeld, greift nicht allzu heftig an, kann sich aber aggressiv verteidigen.
Reilly: Hat die Schnauze gestrichen voll von seiner Subordination. Hier hat er die Chance, dieser mal zu entgehen. Trägt kaum zum Konflikt bei, hat eine allgemein schwache Verteidigung, die aber durchaus ihre Sternstunden haben kann. Verfällt ab und zu in seine alten Rollenmuster.
Foster: Vordergründig gute Motive, aber der Vordergrund ist zu kurz. Nicht in der Lage, andere Ansichten zu respektieren, kann ihre eigene Meinung nach Zusammenbruch der Ordnung nicht mehr durchsetzen und ist damit am häufigsten allein. Nur als hin und wieder auftretende Koalition durchsetzungsfähig.

Ich hab Hunger. Leeeebkuchen.

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