Montag, 26. April 2010

Wann genau hat Hip Hop eigentlich aufgehört, zu existieren? - Teil 2

Wo sind die Dendemänner, wenn man sie mal braucht?

Ich erinnere mich gern an Old School Hip Hop. Im Stil von Cypress Hill oder dem, was Anfang der Neunziger in Deutschland los war. Da war das noch einfach: Eine hübsche Beatline, zwei, drei Instrumentenlinien drüber und ein guter Text. Mehr brauchte es nicht. Mit der Zeit ist davon fast nix mehr übrig geblieben. Prominentestes Beispiel des Umstieges: Die Fantastischen Vier. Sie haben ein Statement abgegeben, wonach Hip Hop tot sei, und es sich daher nicht mehr lohne, für ihn einzustehen. Deshalb sind sie auf Pop umgestiegen. Guten Pop, muss man ja auch mal sagen. Aber eben kein Hip Hop mehr. Woher kommt das? Waren sie ausgebrannt? Sind ihnen für das Genre die Themen ausgegangen? Oder haben sie am Ende doch nur schlicht und einfach Recht?
Das mit dem Elektro-Scheiss sagte ich bereits. Aber dass sich auf Grund der massenhaften Vermehrung dieser Spielart jetzt die wirklichen Protagonisten davon abwenden … Was wiederum zeigt, dass ich mit meiner Vermutung leider Recht habe. Denn Fanta4 sind nicht die einzigen, die das machen. Weiteres Beispiel: Deichkind. Wer Kabeljau Inferno nicht kennt, hat von deutschem Hip Hop keine Ahnung. Das ist ein Klassiker. Und dann tauschen die so mir nichts, dir nichts den Frontmann aus und gehen auf Party-Electro-Kurs. Dass die vorher Hip Hop gemacht haben, wissen wahrscheinlich nur die Wenigsten, die meisten haben die Jungs bei Stefan Raab kennen gelernt. Und dann ging das los.
Was Fettes Brot jetzt macht, wisst ihr selber gut genug, die haben so was ähnliches wie Deichkind in der Mache, zwar nicht so extrem, aber immer noch die Wir-packen-uns-in-Plastikfolie-ein-Story. Auch zu Electro geworden.
Eine der besten Größen im Geschäft in diesem Land ist ja wohl eindeutig Dendemann, da wird mir jeder Kenner zustimmen. Qualitative Texte, eine verkratzte Stimme und ein guter Beat. Dann kam Stumpf ist Trumpf 3.0. Eine Electro-Rock-Hommage. Panikangst? Nicht wirklich. Bei Dende kann man immer davon ausgehen, dass der sich dabei was gedacht hat. Und so auch hier: Der Titel ist mindestens eine Hymne an die EAV (und ihr Lied Stumpf ist Trumpf). Und da das nunmal eine Electro-Rock-Band ist (oder Teile davon trägt), macht sich ein Hip Hop-Beat nicht so gut dazu. Das Problem ist aber: Es bleibt nicht bei dem einen Lied. Dendes Aufmachung sieht komplett nach 80er-Jahre aus. Oh Gott oh Gott. Wenn es ein Jahrzehnt gab, in welchem wirklich beschissene Mucke herausgekommen ist, dann doch wohl eindeutig das Jahrzehnt der us-amerikanisch-japanischen Frontantriebs-Pappkartons, eingeleitet durch die Ölnichtzurverfügungstellung Mitte der 70er. Und das kommt jetzt wieder? Mit Dende? AAAHHHH!!!
Aber bevor wir uns rituell selbst verbrennen und dabei von der Kirche runterspringen, sollten wir uns den Text ansehen. Anzünden kann man sich danach immer noch, und wer weiß, vielleicht gibt es ja später viel bessere Gründe, sich selbst umzubringen.
Was ist die Essenz des Textes? Ich sag es euch: Dende kann noch so intelligent texten, noch so sehr pushen, aber letzten Endes siegt doch die seichte Unterhaltungsmittelindustrie mit flachen Witzen. (Was haben die Besucher von Neues aus der Anstalt beim Auftritt von Ingo Appelt nicht alles in Grund und Boden geklatscht.) Ist jetzt seine Neuerfindung wie eine Art Seitenwechsel zu sehen? So à la Saruman? Nein, dafür ist sich Dende zu schade. Wahrscheinlicher ist, dass er das System persifliert und so versucht, lächerlich zu machen. Und wenn das nicht klappt, kann er noch mal eine Systemwiederherstellung durchziehen. Warten wir einfach "Vom Vintage verweht" ab. Kann zwar sein, dass sich das dort fortsetzt (war bei Minutes to Midnight von Linkin Park eh nicht anders). Aber selbst wenn: Ich hab eben gerade nicht gegen eine Wand geredet. Und außerdem: Die Eröffnung von abersowasvonlive war auch Electro-Rock. Und außerdem kann das Ganze auch nur eine Erscheinung der Retro-Welle sein, die halt jetzt von den 80ern Besitz ergreift.
Ich will aber nicht entwarnen: Sollte Dendemann tatsächlich zu den Electronicern übergelaufen sein, steht es um Hip Hop - zumindest in Deutschland - beschissen. Und wen wir dann dafür zum Schafott stoßen können, erzähl ich euch nächstes Mal, auch wenn ihr es für die deutsche Szene sowieso schon wisst.

Bis dende

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