Mittwoch, 21. April 2010

Autos und Beziehungen

Man bezieht auf ein Auto auch Begegnungen und Erlebnisse. Mir geht das mit einer bestimmten Person so. Sie fährt einen zweitürigen BMW 1er in weiß. Im April oder Mai 2009 war das zum ersten Mal wichtig, als ich mit ihr sprechen wollte. Um sicherzugehen, dass sie noch im Ort war, fuhr ich an ihrer Arbeitsstelle vorbei und suchte zunächst nach einem viertürigen, silbernen Ford Focus 1, da ich diesen als ihren Wagen vermutete (der Abi-Aufkleber war eindeutig). Hingegen, ich fand den 1er vor, den ich schon zuvor gesehen hatte. Seitdem ist das so: Wenn ich so ein Auto sehe, ruft mir mein Gedächtnis ihr Gesicht wieder zurück. Und ihr glaubt gar nicht, wie viele zweitürige, weiße BMW 1er herumfahren. Bei uns in der Gegend wohnt einer, der einen hat. Bei VIERtürigen Ausgaben dieses Wagens ist es nicht ganz so schlimm. Auf der Startseite von BMW: Der 1er, zweitürig, weiß. Es gibt dieses Auto in vier verschiedenen Karosserieversionen und in elf verschiedenen Farben. Macht zusammen vierundvierzig Varianten. Gut, manche davon sind schlecht geeignet als Webseitentitelleistenfahrzeug. Beispielsweise der Viertürer in Marrakeschbraun metallic. Wobei ich den auch gerne mal sehen würde. Sieht interessant aus.
Auch wenn dieses Phänomen weiter beobachtbar bleibt, nimmt es doch ab. Könnte mit einer gewissen Abgebrühtheit zusammenhängen. Abnahme von was los ist? Keine Spur. Nur die Abstumpfung, die Mattia in „Die Einsamkeit der Primzahlen“ durch seine Klischee-Emozüge, sprich Selbstverletzungen, sich selbst antut. Viele Parallelen.
Es kann im Gegenteil gar von einer Ausweitung gesprochen werden. In den Hellsing-Mangas wurde die Belagerung von London ja auch immer schlimmer, obwohl die Meisten schon am Anfang starben. Man darf sich nicht auf das von außen Sichtbare konzentrieren und glauben, man hätte irgendein Problem gelöst, weil man es nicht mehr sieht. Der Flächenbrand im Untergrund kann weitaus höllischer schwelen, als man sich das von der Oberfläche erdenken kann. Es wird also nicht besser. Es weitet sich aus. Nun, ich schau zwar nicht mehr jedem 1er in weiß hinterher (letzte Nacht hatte ich wieder von ihr geträumt, die Details kommen im nächsten Eintrag), was zum einen daran liegt, dass mein Blick geschärft ist auf die Einzelheiten (M-Sportpaket, Felgen, Anzahl der Türen, Kennzeichen, Beklebung, …), zum anderen dem Umstand geschuldet ist, dass ich genau weiß, dass sie nicht mitten in der Woche mal eben 800 km zurücklegt und ausgerechnet hier her kommt, um zufällig von mir gesehen zu werden, zumal diese Vollidioten die Aero-Infrastruktur mal eben verboten haben, ohne zu wissen, dass es neben dem Ätna auch noch Flughäfen gibt. Allerdings gibt es da andere: Neulich, auf dem Weg zu einer Vorlesung, ich war nicht mal mehr 50 Meter vom Hörsaal entfernt, stand auf dem Parkplatz ein BMW X5 (kann auch ein X1 gewesen sein, ich lese schon lange nicht mehr die ams) in schwarz. Das wäre alles nichts Besonderes gewesen, hätte der Wagen keine Borbet-Felgen getragen. Er war schwarz und nicht weiß, er hatte ganz und gar nicht das Format des 1ers, und die Türenanzahl schon zweimal nicht. Aber es war ein BMW mit Borbets. Les Misérables - Javert’s Arrival. Welcher Vollidiot wäre so sadistisch, gerade jetzt dieses Lied zu spielen? Ich war ja gerade dankbar dafür, dass die von last.fm beim Abspielen von Jefferson Airplane - Somebody to love eine Live-Version genommen haben. Mit der richtigen Version hätten die das noch mehr aufgekratzt (siehe geschlossener last.fm-Blog). Und jetzt läuft My Favorite Things von den Lennon Sisters. Entweder die wollen einen Fear and Loathing in Las Vegas-Nachmittag machen (zumal auch Jumpin‘ Jack Flash aus der Rumpelkammer gesprungen ist und ich glaub sogar Mama told me not to come) oder die wollen mich ärgern. Aber ich lass mich nicht provozieren. Höchstens von dem BMW X5,1 mit Borbet-Felgen. Nach der Vorlesung musste ich mir den einfach nochmal ansehen. Den ganzen Weg nach Hause hab ich wohl nichts Anderes im Kopf gehabt als … sie. Der Skiurlaub, auch der blieb davon nicht verschont. Wie gern hätte ich ihr zum Geburtstag gratuliert, aber ich weiß ihre Nummer nicht, und ich hatte da unten kein Internet. Der Skiurlaub muss dennoch ausgewertet wer … och nö, nicht auch noch Fantaisie Impromptu, ist zwar geniale Driftmusik, aber ich drifte gerade nicht. Ihr macht es einem aber auch schwer. Jedenfalls muss der noch ausgewertet werden, weil das so schön zu diesem Thema passt. Also:
Wir fuhren einen schwarzen Toyota Avensis Kombi, nicht die neue, postmoderne Karrete, sondern die bekannteste Modellversion. Auf der Fahrt kam dann eine Diskussion auf, die dem Gespräch in diesem Pub in diesem Buch sehr geähnelt haben muss, ich hab vergessen, wie es heißt, es wurde von Malmsheimer bei „Was liest du“ vorgestellt, es war von Tony Hawk, aber nicht der Skater, es ging um einen Typ und einen Kühlschrank, mit dem er rund um Irland trampen soll, wobei ihn der Kühlschrank 130 Pfund kostete, was einer Ver-Lambda-hoch-t-fachung des Wetteinsatzes von 100 Pfund nahekommt. Dabei (in dem Pub um den Kühlschrank und bei der Fahrt in dem schwarzen Toyota Avensis Kombi) kam die Frage, wie man ihn denn nun nennen sollte. Ich schmiss den Namen Bonnie in die Runde, die Anspielung auf Bonnie und Clyde wurde ungefragt verstanden. Seitdem heißt dieser Toyota Kombi der Baureihe Avensis, lackiert in schwarz, Bonnie. Das ist insofern interessant, weil mir seitdem … ihr werdet es schon ahnen. Nach der gleichen Vorlesung fiel mir außer dem X5 ein weiteres Fahrzeug auf, eigentlich sehe ich oft einen schwarzen Vento mit nachgerüsteten Klarglasleuchten, in diesem Fall sah ich auch einen Toyota Avensis Kombi mit einer Farbe, die man als schwarz beschreiben könnte. Instinktiv suchte ich nach der Vignette an der Windschutzscheibe. Ich fand nur den Aufkleber, der die Euro-4-Norm bescheinigte. Mir fiel auf, dass der Wagen ein Facelifting trug, also neueren Baujahres war. Man erkennt das meistens an den Leuchten, wenn die nichts bringen, soll man auf die Schürzen schauen. In den meisten Fällen ist man damit sehr zuverlässig unterwegs. Seitdem sehe ich fast nur noch schwarze Toyota Avensis, auch Limousinen, nicht nur Kombis, wobei ich einfädeln muss, dass ich in jungen Jahren hinter einem Toyota Avensis Kombi einmal einen Opel Vectra Caravan vermutete, obwohl dieser zu der Zeit noch nicht auf dem Markt war und, wie sich später herausstellte, auch ein völlig anderes Heck hatte. Die Frontlampen sind ähnlicher, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Ah, jetzt spielen sie den namensgebenden Titel von The Perfume - The Story of a Murderer. Viel besser. Wenn sich mein Wunsch doch noch erfüllt, dann will ich, dass sich genau dieser Titel in meinem Kopf abspielt. Und am besten noch The Crowd Embrace danach.
Es ist nicht so, dass überproportional viele Avensis oder BMWs mit Borbet-Felgen in der Welt herumfahren. Es ist nur die selektive Wahrnehmung. Diese ist auch Ursache dafür, dass man irgendwo war oder irgendwas erlebt hat, und wenig später kommt im Fernsehen eine Reportage über diesen Ort, so als hätte sie nur darauf gewartet, dass man Urlaub macht, um dann in den Äther gesendet werden zu können. Das sagen meine Eltern nach fast jedem Urlaub (zumindest gefühlt). Das ist aber normal. Das kommt eben doch nicht so oft vor, dass es sonderlich nennenswert ist. Es kann auch sein, dass man einen Ausflug nach 10 km weiter weg macht und dann kommt eine Reportage über Indien. Oder man kommt zurück aus Indien und merkt wegen der Indien-Reportage nicht, dass in China ein Sack Reis umgefallen ist oder über der schwedisch-finnische Grenze berichtet wird, die zeitweise eine schwedisch-russische Grenze war. Man sieht nur das, was man sehen will. LSD wird einem nicht die Doku mit der nordischen Grenze zeigen.
Wenn ich das Projekt abgeliefert habe, wird sie sich vielleicht wieder konventionell bemerkbar machen.
Und nachdem mir neulich ein silber-weißer Toyota Avensis Kombi der neuesten Generation über den Weg fuhr, dachte ich: „Jetzt führt irgendjemand das Ganze ins Absurde.“

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