Großeltern zu Besuch. Nach Jahren. Die kennen meine Bude noch nicht. Also ist Aufräumen angesagt. Als ich mit dem Balkon relativ fertig war, war zwar das Fensterbrett sauber, aber es lag noch so ein Abflussmuffenstück aus PPlastik da drauf. Ich überlegte, es herunterzunehmen und eventuell wegzuschmeißen, ließ es dann aber doch dort liegen. Falls dann jemand sagen würde, warum das da läge und im Begriff wäre, dieses Muffenstück aus Plastik zwecks weiterer Aufräumarbeiten zu entfernen, würde ich ihm entgegnen: „FINGER WEG! Das ist Kunst.“ Die Ausführung würde so aussehen:
Das Fensterbrett ist weiß. Es ist lang, gleichmäßig, aber dadurch schrecklich monoton. Die Farbe wird nur durch eine leicht dunklere Spur durchbrochen. Ansonsten tristes Weiß, welches mir Unschuld vorgaukeln will und dabei so sterbenslangweilig ist. Dagegen muss zwangsläufig ein Aufschrei gehen. Das Abflussmuffenstück hat nur den Zweck, diese Tristesse aufzubrechen und dagegen anzukämpfen. Es durchbricht den Farbton, lenkt die Aufmerksamkeit auf sich, nicht zuletzt durch seine Unförmigkeit, die im scharfen Kontrast zu der Glätte des Fensterbrettes steht. Und seht ihr noch etwas? Das Muffenstück ist grau. Wenn man schon mit einem Einheitsgrau, was als ultimatives Symbol der Tristesse gilt, gegen etwas protestieren kann, wie trist muss dieses Etwas dann noch sein? Dieses Etwas muss dringend beseitigt werden. Wir müssen aufrütteln.
Ich hab jetzt nicht wirklich meine Fensterbank interpretiert, oder? SCHEISSE!!! Wie trist muss es um die moderne Kunst stehen, wenn man eine Fensterbank interpretieren kann? Da muss was geändert werden.
Liebe Kunstwissenschaftler, es mag ja schön sein, wenn ihr die Idee der absoluten Abstrahierung fortführt und sagt: Alles ist Kunst. Oder: Alles müsse bewundert werden, wenn man es nur zur Bewunderung ausstellte. Ist euch dabei aber noch nie die Idee gekommen, dass das Ganze dadurch ins Lächerliche gezogen wird? Wenn alles Kunst ist? Sogar die breitgeschmierte Vogelscheisse am Fenster von dem Rechnerraum, in dem ich gerade sitze? Mathematische Begründung: „Alles“ heißt nach der Gauss-Verteilung viel Durchschnittliches, ein bisschen Beschissenes und nur ganz wenig Überragendes. Allein dadurch ist man gezwungen, keine Lust auf Kunstbeschäftigung zu haben. Ich erinnere mich noch, dass ich in der Schule mit der Motivation in die Kunststunden ging, etwas ästhetisch Ansprechendes zu schaffen. Naja, eigentlich kam die Motivation hauptsächlich durch den darauffolgenden Nachmittag, aber ihr wisst, was ich meine. Dass Kunst in erster Linie dazu da sein soll, etwas zu bewirken, etwas zu verändern, Gesellschaftsmodelle zu kritisieren, sie also, kurz gesagt, interpretierbar ist, auf diese Idee kam ich erst an einem Zeitpunkt, an dem dieses Wissen wahrscheinlich schon von einem erwartet wurde, also in der elften Klasse. Man kann das als Kulturschock bezeichnen. Bis dahin hätte ich nämlich meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass das Schaffen von Kunst einfach nur, weil sie gut aussieht, eher die Regel ist als die Ausnahme. Mittlerweile muss ich mit ansehen, wie ein 60-teiliges Besteckset von WMF für 99,95 Euro interpretierbar wird. Und das ist für mich ein wichtiger Grund, zu sagen: Wenn einer meiner Bilder interpretieren will, dann gibt es was auf’s Maul. Ausnahmen davon sind mit einem roten Filzstift gekennzeichnet, es klebt ein Zettel daneben, wo draufsteht: Hallo Leute, bitte interpretiert dieses Bild, ich habe es so angelegt, dass eine Interpretation möglich ist, aber auch nur eine, also seht zu, dass ihr das rauskriegt, mir ist nämlich gerade ein wenig mulmig zumute.
Also: Hört auf, über ein Bild zu diskutieren. Kuckt es euch lieber an. Und wenn jemand eine reinweiße Leinwand mit Lippenstift knutscht, dann ist das kein Kunstverbrechen, dann ist das nach deren Definition wieder ein neues Kunstwerk und allemal ein Protest gegen die weiße, unschuldige Tristesse.
Und jetzt mach ich noch einen El Camino.
