Tag 8
STRANDTAG! Ich nahm an, es würde wie sonst auch nach
Hiddensee gehen. Irrtum. Es geht nach Prora. Darum starten wir auch am Bahnhof
und nicht an der Fähre. Am Abend zuvor fragte ich Torben, wie die Anwesenden
das lösten, und sie fuhren in Fünfergruppen. Er wollte herumfragen, ob im
Hostel noch welche ohne Sitzplatz sind und mir das am Morgen durchgeben. (Es
kam keine Meldung, wonach ich darauf schließe, dass alle unter Dach und Fach
waren bzw. vom anderen Bahnhof starteten.) So kam ich früh am Bahnhof an, in
der Hoffnung, noch ein paar Leute abzugreifen. Es waren nicht besonders viele
da, was die Vermutung bestätigt, dass die meisten den kürzeren Weg gegangen
sind. Robert ist mit bei den fahrenden Leuten, aber alle haben schon ihre
Gruppen festgelegt. Nein, eine nicht. Maki ist wie ich noch gruppenlos. Es
keimt die Überlegung, eine Fünfergruppe zu verkleinern auf einen Vierer und
dann noch eine Drei-Personen-Gruppe zu bilden. Gute Idee, wenn die Karten nicht
bereits bezahlt worden wären. Damit werden wir auf den nächsten Zug angewiesen
sein, aber Robert meint, dass an solch einem warmen Tag einige Leute Kurs
Richtung Rügen nehmen würden und sich so eine Gruppe finden lassen würde. Dann
stiegen sie in den Zug ein und wir gingen Richtung … Speicher. Ich glaube, ich
komme hier mit dem zeitlichen Verlauf etwas durancheinder. Der nächste Zug
würde in jedem Fall noch eine Stunde auf sich warten lassen, und zu dem
Zeitpunkt hatten wir die Info, die ich Robert zuschrieb, noch gar nicht
bekommen, sie kam also nicht von ihm. Sorry. Im Speicher war Manja, die wir,
Maki und ich, prompt fragten, ob noch Leute frei wären, die später fahren
würden. Sie sagte, dass dem nicht so wäre, und dass die Sonnenmacher erst
nachmittags gegen zwei fahren. Von IHR bekamen wir dann die Info mit den
Leuten, die wahrscheinlich Kurs gen Rügen nehmen würden. OK, dann also wieder
zum Bahnhof und Ausschau halten nach Leuten. Dabei gab es ein Problem: Die
Leute kamen irgendwie nicht so wirklich. Wir quatschten alle an, die sich an
den Fahrkartenautomaten begaben, denn die zielstrebig vorgehenden mussten ja
bereits eine Karte besitzen. Von allen Leuten wollte keiner nach Rügen. Nun
wollten wir auch nicht nur zu zweit fahren, weil das ein paar Euro zu teuer
geworden wäre. Unseren Warteplatz hatten wir bei den Sitzbänken eingerichtet, Maki
hatte eine Zeitung gekauft, durch die wir blätterten. Dabei las ich zum ersten
Mal etwas von der Pussy Riot-Geschichte. Sobald jemand am Automaten stand,
sprang jemand von uns auf, manchmal auch wir beide, und quatschten die Leute
an. Da sich aber niemand meldete, mussten wir auch den kommenden Zug
davonfahren lassen. Ich weiß nicht, ob danach noch einer durchrauschte. Es kam
bereits die Überlegung auf, dass, wenn sich keiner finden lasse, der auch in
die Richtung fahren will, wir den Strandtag sausen lassen und in der Innenstadt
bleiben. Maki telefonierte mit den bereits am Ziel angekommenen Leuten und
fragte nach einer Lösung. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie diese aussah.
Maki leistet sich eine Träne. Bis dato sah ich sie nie weinen oder kurz schluchzen. Ich denke, das unterstreicht die Beschissenheit des Momentes. Vorher dachte ich wiederholt an den angepissten Morningtalk mit LeFloid, der in einem letzten Part zur Sprache kam. Diesmal passte die allgemeine Laune tatsächlich gut dazu.
Aber dann sollte es doch anders kommen. Es fanden sich
tatsächlich zwei Leute, die nach Rügen fahren wollten, so dass wir ein
Viererticket kaufen konnten. Zwar stiegen sie in Bergen aus, was für sie
billiger gewesen wäre, weshalb sie nur bereit sind, den Bergen-Preis zu
bezahlen, aber das genügt uns als Verbilligung. Ich dachte vor einer Stunde
daran, dass man die Karte auf dem Rückweg noch anderen Leuten andrehen kann, um
Geld herauszukriegen. Jetzt hatte ich das wieder vergessen, und am Abend sollte
es Maki selbst noch einfallen. Ich hätte nicht mehr daran gedacht. So konnten
wir dann endlich in den Zug hineingehen. Im Zug selbst praktiziere ich meine
vor dem Palais begründete Collagen-Technik, bei der mehrere in der Umgebung
befindliche Dinge auf eine Seite gebannt werden, auch wenn das maßstabs- und
winkelmäßig überhaupt nicht hinkommt. So kann man einen Moment zusammenfassen.
Zwei solcher Seiten kamen zusammen, eine mit dem dicken Stift und eine mit dem
dünnen. Beim dünnen stehen die Gebäude im Vordergrund, an denen wir auf Rügen
vorbeifahren. In erster Linie Gebäude, die an den Bahnhöfen stehen, weil die
lange genug stillhalten. Ein kleines verwachsenes Bahnhofshäuschen steht in der
Mitte. Uns gegenüber dann noch zwei Jungens, bei denen ich nicht mehr weiß, ob
sie unsere Fahrkartenerlöser waren. Einer hat sein T-Shirt ausgezogen. Diese
Praxis sollte ich im Verlauf des Sommers noch ein paar Mal sehen, zuletzt auf
der gamescom am wärmsten Tag des Jahres. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle
den Kontrollör, von dem ich fast behaupten möchte, dass er auch derjenige war,
der unseren Fahrkartenschaffner auf der Rückreise von der Sassnitztortur
spielte. Ich erinnerte mich, dass der Typ von damals ziemlich schräg war, und
das traf auch auf diesen zu. Ich meine, es ist im Prinzip die gleiche Strecke,
nur in anderer Richtung. Die Schrägheit des Schaffners äußerte sich darin, dass
er in sehr schneller Abfolge mehrmals den Wunsch, die Fahrkarten einzusehen,
aussprach, jeweils mit verschiedenen Formulierungen. Gleichsam doubletime-artig
ratterte er die Teilsätze fehlerfrei herunter. Das kam uns sehr strange vor.
Wo wir gerade von der Sassnitz-Geschichte sprachen: Ich
erzählte Maki davon. Die Reaktion entsprach dem, was ich nach der Äußerung
dieses Erlebnisses gewohnt bin, in Maki-Abwandlung. Nach dem Umsteigen dauerte
es nicht mehr lange, bis wir am Zielbahnhof ankamen. Robert stand schon bereit,
uns abzuholen. Wir gingen vor zum Strand. Die ewig langen KdF-Bauten hatte ich
schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen, ich glaube, dass ich sie bei der
Sassnitz-Tour auch übersah, weil ich nicht ganz so weit in Richtung Süden fuhr,
sondern ein, zwei, vielleicht auch sieben Kilometer weiter nördlich kampierte.
Und dann kamen wir an. Hach ja, schön, mal wieder an diesem Ort zu sein, mit nur
sehr wenigen Stunden Verspätung und ohne heftigsten Gegenwind und vor allem
nicht so leergelutscht. Die Gruppe hatte sich hundert Meter weiter links (also
in diesem Fall nördlich) niedergelassen und den Skizzenfestival-Schriftzug in
den Sand geschrieben.
Der Tag läuft so dahin. Da ich es eh nicht vorhatte (wie
immer), hatte ich meine Badehose erst gar nicht mitgenommen. So machte ich mich
denn erst einmal auf dem Handtuch breit und kritzelte drauf los. Zwei Seiten,
mehr sollten es heute nicht werden, aber das genügt auch. Denn wir haben heute
keinen Workshop, und ich glaube, dass der Strandtag beim dritten Festival da
auch nur eine Ausnahme war. Letztes Jahr fand schließlich auch keiner statt.
Die von meinen Füßen entfernten Schuhe halten diesmal schön still, die
Perspektive Richtung Norden verhaue ich beim ersten Versuch, der zweite sieht
gut aus, weil ich mal ausnahmsweise beim richtigen Startpunkt beginne, also
beim Fluchtpunkt bzw. bei dem, was davor rumhängt. Aber eine Sache fehlt hier.
Ware von Mikasa. Ja, ich hätte jetzt so richtig Bock auf Beach-Volleyball. Der
Platz wäre jedenfalls da. Maki hat jetzt einen eingecremten Rücken. Ich habe
noch nicht das mit dem Wechselgeld am Bahnhof erzählt: Um dieses beim
Kartenkauf passend dabeizuhaben (ging nicht anders), kaufte sie kurzerhand noch
einmal die gleiche Zeitung und ich eine Streuselschnecke. Diese wird nun ihrem
Zweck zugeführt. Danach wird ein wenig geratzt, weil der Schlafmangel der
letzten Tage langsam eklatant wurde. Da die Raum-Zeit-Struktur des Tages nicht
so ausgefeilt war (d.h. wir hatten an diesem Tag keine Ortswechsel), geht es
erst mit dem Eintreffen der Sonnenmacher gegen zwei weiter. Das macht aber
nichts, da wir mit dem Zug ohnehin auf Höhe der Mittagszeit ankamen. Die
Sonnenmacher hatten das Abendessen in Rohform dabei. Ich half ein wenig beim
Tragen, hatte aber keine Lust, wegen der kurzen Strecke noch extra die Schuhe
anzuziehen. Zwei- bis dreimal liefen wir. Die Kiste mit den Lebensmitteln
stellten wir in ein Halb-Iglu, da wir keinen anderen Sonnenschutz hatten.
Erwähnte ich eigentlich schon, dass ich Franziska seit Tagen
nicht mehr gesehen habe? Ich verwechselte sie am ersten Tag mit Salom; mein
Fehler fiel mir auf, als Salom tatsächlich eintraf. Dann stand ich ihr beim
Kennenlern-Workshop gegenüber, und später bemerkte ich, dass sie irgendwie
nicht mehr da war. Hm.
Wir brauchen einen besseren Sonnenschutz. Daher bauen wir
ein Tarp auf. Normalerweise hatte ich den Begriff als Verdrehung in Bezug auf
den Satz „It’s a trap“ verwendet (Das ist eine Falle). Es ist im Prinzip eine
Plane, die in zwei Metern Höhe mit Stangen fixiert wird. Dort drunter platziere
ich die Wasserflaschen, denn die sollen auch gekühlt werden. Prompt wird der
Schattenplatz von einigen Leuten bevölkert. Unter anderem Till. Es entsteht ein
Gespräch, und es kann sein, dass ich an diesem Punkt von Tills
Hochzeitszeichnertätigkeit erfahre. Er betätigt sich als Zeichner auf
Hochzeiten, für Leute, die etwas Anderes als Fotos haben wollen. Und es wäre
kein Strandtag, wenn Till nicht wenigstens so tun würde, als würde er
versuchen, Maki ins Wasser zu schmeissen. Zumindest seiner Meinung nach. Er
hebt dann aber doch nur kurz die Füße an, begleitet von einem markanten
Neeeeeeeiiiiiiiiinn.
Zum Glück ist die Theke diesmal auch für Free Participants
geöffnet, denn ich brauche dringend einen Schluck Wasser. Der Öffnungszustand
gilt dann nachher ähnlich auch für das Essen; die Sonnenmacher schnippeln das
Gemüse für die gegrillten Gemüsesachen (die allerdings abgezählt sind) und es
sind mehrere Grills vorhanden. Vor dem Festival hatte ich mehrmals im Kopf,
beim Befüllen des Grills mit Kohle den Kohle-Song von Rahmschnitzel und Gronkh
zu trällern, aber dazu kam es nicht, weil die Füllungszuständigkeit schon stand
und ich den Moment verpennt habe. Als der Grill belegt wird, ist es später
geworden, ich möchte fast sagen, dass unser Eintreten in den Schattenbereich
unfern ist. Mit anderen Worten, es wird demnächst kühl werden, ein krasser
Gegensatz zum bisherigen Wetter. Die Teilnehmer suchen sich daher wärmere
Kleidung. Und wärmeres Essbares, denn so gegen sieben wird der Grill
freigegeben. Man kann sich etwas von den Grill-Menschen geben lassen, und es
sind diesmal auch Tofu-Würstchen dabei. Die Brötchen liegen in einer Kiste aus.
Eine Schlange bildet sich. Danach probiere ich zum ersten Mal überhaupt Tofu.
Die Konsistenz ist weicher als die von Fleisch, aber kann man definitiv machen.
Es bewährt sich, dass ich meinen Flaschenöffner am Start habe. Zwar sind auch
hier die meisten Herren der Ansicht, dass eine geschlossene Flasche gut mit
einer anderen geschlossenen Flasche geöffnet werden kann, aber bei der letzten
bin ich dann doch im Vorteil. Ich selbst nehme keine. Mir fällt auf, dass ich
den Flaschenöffner mal ein wenig säubern müsste. (Hab ich inzwischen gemacht,
am Tag der gamescom). So manche der Anwesenden müssen sich dann doch in etwas
Langärmeliges wickeln, ich nicht. Ätsch. Eine bemerkenswerte Sache ist der
Zustand meiner Haut. Durch konsequentes Ausweichen und Herumdrehen habe ich keinen
Sonnenbrand bekommen, obwohl ich keine Sonnencreme draufgepackt habe. Dass ich
dies nicht tat, liegt daran, dass ich das noch nie mochte. Also das Gefühl von
Creme auf der Haut. Luxusproblem willkommen. Die Zugabfahrzeiten kenne ich
nicht, dafür aber die Sonnenmacher, die den Zug um neun angesagt haben, der in
etwa einer Stunde abfährt, so dass wir das geordnete Aufräumen beginnen.
Zunächst die Flaschen und das Tarp. Dieses lässt sich leicht demontieren, bin
auch hier wieder dabei. Die Flaschen gibt so ziemlich jeder selbst zurück,
manche liegen herum. Ein Regenschirm, der als Sonnenschirm gebraucht wurde, tut
es ihnen gleich. Das animiert zu einem Foto für Owyanna, die bekanntermaßen
Schirmleichen sammelt. Letztes Jahr wäre sie im Innenhof des Speichers fast
ausgeflippt, wäre sie anwesend gewesen. Zwar gelingt die fotografische
Verewigung, jedoch der Schirm ist in einem gar intakten Zustand, makellos
möchte man sagen, selbst angesichts des in der Gestaltung beeinträchtigten
Musters, welches auf einen gleichsam helmutkohlschen Zeitraum hinweisen mag.
Damit ist es keine Schirmleiche und nicht zu gebrauchen. Den Schirm vom ersten
Tag erwähnte ich schon, oder? Ich glaub schon. Die Flaschen, nun, sind gut
zusammenräumbar, da der Kistenplatz immer noch da ist, und danach können die
persönlichen Utensilien gepackt werden. Handtuch rein, Schuhe anleinen, und gut
ist. Angeleint werden sie über die Schnürsenkel am Rucksack, der so einige
Befestigungsmöglichkeiten offeriert. So macht sich der Pulk auf, den Bahnhof zu
erreichen, was angesichts barer Füße zur stacheligen Geschichte verkommt. Mit
gutem Zeitvorsprung erreichen wir die Bahnhaltestelle tröpfchenweise. Was genau
Oscar gesagt hat, weiß ich nicht mehr, aber ich glaube, spätestens am folgenden
Tag outet er sich als Minecraft-Fan. Sieht man dann später bei den
Best-Of-Bildern, aber dazu übermorgen. Maki hat die gleiche Idee, die ich auch
bereits hatte, die ich dann wieder vergaß, nämlich noch zwei andere Leute
mitzunehmen und dafür zwei Euro verlangen. Sehr gut. Bin im Übrigen immer noch
barfuß, als der Zug eintrifft, und gehe auch barfuß rein. Spätestens hier
erzähle ich Maki von der Sassnitz-Geschichte … nein, sie kommt hier nur nochmal
auf, denn am Strand zeigte ich schon ungefähr, wo ich damals kampierte. Gegenüber
den anderen Beiden konnte ich es dann erneut erzählen. Der Zugabschnitt ist
kurz, nach neun Minuten kommt der Umstieg. Anhand der Landschaft kann ich meine
damalige Route nachkonstruieren. Hach ja, Nostalgie. (Das ist zwei Jahre her,
also laber hier keinen von Nostalgie.) Die meisten von uns steigen dann auch
tatsächlich am Rügenbahnhof aus. Ich selbst fahre weiter und winke jemandem von
unseren Leuten, wahrscheinlich Maki, zum Abschied. Da nun alle den gleichen Weg
gehen und demzufolge an meinem Fenster vorbeilaufen, beziehen sie alle das
Winken auf sich und so winke ich nicht nur für Maki, sondern gleich für die
ganze Belegschaft. Hajo. Beim Hauptbahnhof dann raus und immer noch barfuß
weiter. Das Fahrrad muss zunächst vom Fahrradständer genommen werden, denn das
habe ich vergessen zu erwähnen, dass ich mit dem Rad zum Bahnhof gefahren bin,
heute früh. Da ich kein Licht am Start habe, schiebe ich die Karre kurzerhand.
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