Tag 6. Das ist der 25.7.2012. Der Text entsteht am zweiten
August, und somit wird es immer schwieriger, sich zu erinnern. Um es genau zu
sagen, kann ich mich bereits am Folgetag nicht mehr erinnern, was in der
Frühstückszeit passierte. Mehrmals waren wir dazu auf dem Balkon, und ich saß
an der südlichsten Stelle, so dass ich der einwirkenden Sonnenstrahlung hin und
wieder auswich. Ein anderes Mal waren Ellis nicht mehr da, sondern schon
losgefahren, dadurch war ich allein. Keine Ahnung, wie die Zuordnung zu den
einzelnen Tagen aussah. Könnte daher durchaus durcheinander geraten.
Der heutige Workshop wird von Salom und Sandra geführt (bei
Sandra hab ich beim Speeddating facial gefailt). Er trägt den Namen „Fische im
Weltall“. Wenn man sich Fische ansieht, dann befinden sie sich oft in einem
Schwebezustand, wenn sie im Wasser herumschwimmen. Da es einen ähnlichen
Zustand im Weltraum gibt, liegt eine Verbindung nahe. Die Aufgabe für heute ist
es, Fische an das Leben im Weltraum mit technischen Mitteln anzupassen. Dafür
werden in der ersten Phase Fische gesammelt, danach technische Zeichnungen
(mehr oder weniger) und zum Schluss wird kombiniert, also eine Metamorphose
durchgeführt. Die beiden ersten Phasen gehen dabei fließend ineinander über,
die Reihenfolge ist auch nicht so wichtig. Die Metamorphose ist gegen 16:30
(glaube ich) am Alten Markt angesetzt.
Mein erster Satz zu der Beschreibung des Workshops: „Da hat
sich jemand in die Explorer-Ausstellung vom letzten Jahr vertieft.“ Habe ich
gedacht, nicht gesagt. Zur Erinnerung: Im letzten Jahr gastierte die
Explorer-Ausstellung von Christian Wielka in unserer ehemaligen Turnhalle, die
jetzt an das Meeresmuseum angeschlossen ist. Dort wurden selbstgefertigte
Tiermodelle gezeigt, die den Charakter von Luftschiffen hatten. Wenn man das
Konzept in noch größere Höhen verlagert, also noch weiter vom Erdboden
entfernt, kommt man schon so ziemlich bei unserem heutigen Workshop heraus.
Unterstützung bei dieser Verknüpfung lieferte mir ein kurzer Moment vor der
Workshopbeschreibung, bei dem eines der im Durchgang hängenden Bilder vom
letzten Jahr diskutiert wurde, auf welchem eines der Exponate vom Explorer zu
sehen war. Einer der Teilnehmer fragte, ob man sich die noch ansehen könne. Ich
erwähnte, gewissermaßen als Passant, dass diese Ausstellung bereits letzten
Oktober weiterzog, und auf Nachfrage erklärte ich, dass das eine geschlossene
Sammlung ist und somit kein Ausstellungsstück zurückblieb, Es erinnerte mich
natürlich auch an die immer noch nicht beendete Zeichnung, die ich eh nicht
mehr brauche, da das besides-Projekt mittlerweile eingestellt ist, aber das nur
am Rande.
Fische findet man am ehesten in einem Meeresmuseum. Für die
Technik konnte zum Speicher in die Werkstatt zurückgekehrt werden, wo allerlei
Druckmaschinen herumstehen. Das Ozeaneum ist erste Anlaufstelle, und ich
glaube, Torben war hier auch mit am Start. Wobei im Prinzip jeder für sich
durchmarschiert. Dieses Mal war ich kurz auf dem inzwischen freigegebenen
PInguindach, um jemanden zu suchen, ich fand ihn dort nicht. Auch bei diesem
Ozeaneumsbesuch erhielt ich einen Anruf von Ellis, und ich glaube, es war auch
fast dieselbe Stelle, nämlich bei der Nebenausstellung mit dem Kleinkino in der
Mitte. Erwähnte ich schon, dass ich an diesem Tag meinen Grundsatz brach, dass
ich nicht während des Laufens zeichne? Noch nicht allzu weit vom Speicher
entfernt, lief vor mir Löwenmähne, und damit haben wir einen weiteren
Kunstnamen, weil ich nicht weiß, wie sie hieß. Wegen ihrer Frisur hätte ich aus
ihr beim Katzenfestival-Workshop einen Löwen gemacht. Einen Löwen und keine
Löwin, denn die tragen keine Mähne. Die Skizze wurde jäh unterbrochen, als sie
vor dem Meeresmuseum nach links zur Stadtmauer abbog. So musste ich die linke
Seite zurechtimprovisieren.
Es kam der Aufgabe sehr gelegen, dass die Muscheln im
Ozeaneum recht früh abgefrühstückt werden. Im Weltraum benötigt ein Lebewesen
eine äußerst gute Panzerung gegen das Hochvakuum. Muscheln sind gepanzert, also
haben wir hier das erste sichtbare biologische Merkmal. Blöderweise habe ich
nicht so viele gemacht, im Grunde genommen nur zwei, und davon eine aus zwei
Perspektiven. Man will ja auch weiterkommen durch die Ausstellung und sich
nicht an einer Einzelfrage aufhalten. Im weiteren Verlauf ging es mir darum,
möglichst viele Fisch- und Meeresbewohnerformen einzufangen, um aus dieser
Zusammenstellung die am besten geeigneten Merkmale herauszunehmen. Darum waren
meine Skizzen des Tages auch kaum schattiert.
Noch im gleichen Stockwerk fing die Formsammlung an. Ein
recht großer Fisch war dabei, der auf einer Zeichnung wie ein Wal anmuten
könnte, aber keiner sein kann, weil dieses Exemplar Kiemen hat und eine
Walheckflosse immer waagerecht ist. Im Gegensatz dazu sind die bei Fischen
senkrecht. So kann schnell unterschieden werden, ob man es mit einem Fisch oder
mit einem Säugetier zu tun hat. Haie durften ebenso wenig fehlen wie
Schwarmtiere, die im interstellaren Raum nützliche Kooperationen ausführen
könnten und … ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass mich dieser Workshop
so sehr fasziniert. Als Biochemiker kann ich etwas zu den Prozessen und
Überlebensstrategien der Organismen sagen, und ein bisschen Technikaffinität
kommt auch dazu. Daher ist das auch derjenige Workshop, den ich selbst nach
Ende des Festivals noch verfolgen möchte. Der walförmig getarnte Fisch hatte
mich noch an etwas Anderes erinnert: Man kennt aus Science Fiction-Werken sehr
große Bergbauschiffe. In Atlantis hat man gigantische U-Boote zu Gesicht
bekommen, was hier den Bogen zu den Fischen schlägt, und in Rock Raiders sah
man die LMS Explorer als Raumschiff zum Abbau und Transport von kosmischem
Material. Das war dasjenige Beispiel, welches ich am häufigsten sah, es gibt
noch unzählige andere. Erwähnen mag ich aber nur noch die USG Ishimura aus Dead
Space. Bedenkt man, dass das Museum eher tiefseemäßig beleuchtet ist, lässt
einem das einen gehörigen Schauer über den Rücken fahren.
Einen Stock tiefer sind immer noch Exponate zu sehen, die
schön still halten. Eine Flunder kommt ebenso an den Start wie eine Qualle. Ich
finde, die Qualle ist gut gelungen. Mit ihren Nesselbündeln macht sie was her.
Insgesamt gesehen ist hier und im sich anschließenden Ostseebecken die nötige
Vielfalt an Formen vorhanden, die ich mir wünsche. Große Heckflossen, kleine
Heckflossen, beides zu finden an langen, massigen und dennoch schmalen Körpern,
Seenadeln, bauchige Stromlinien wie eine Comiczigarre, kleine Fische mit der
Form einer Rundkopf-Magnumpatrone, an der Seite eingefurchte Fische, was man
für die Panzerung verwenden könnte, Krebse in allen Größen (manches lasse ich
aber auch aus, weil es schon vor zwei Tagen in Striche überführt wurde) und so
weiter. In der Teilausstellung mit dem Kino kommen neben einem Mondfisch
(passt, weil ein Mond im Weltraum ist) die ersten technischen Berührungspunkte.
Es stehen mehrere Tiefseeschlitten zur optischen und chemischen Untersuchung
parat, und das ist eine gute Ergänzung: Warum sollte ein technisch angepasster
Fisch einen Planeten nicht mit einer Art Scout untersuchen? Bereits die halbe
Ausstellung überlege ich am Konzept des Weltraumfisches im
biologisch-astronomischen Sinne herum: Welche Körperform? Was für
Sicherungsmechanismen? Und das Wichtigste: Wie sieht der Stoff- und
Energiewechsel aus? Es ist klar, dass dafür Himmelskörper besucht werden
müssen, und da gibt es eine Menge an Feinheiten abzuklären. Das soll nicht Teil
dieses speziellen Postings werden, sondern gesondert aufgeführt sein. Kurz
hinter der technischen Abteilung stehen Schiffsmodelle, und da die ja bei ihrem
Rumpf durchaus fischähnlich sind, ab rein ins Skizzenbuch.
Weiter unten, beim Ozean in der Nähe, ein Becken mit einem
versunkenen Schiff als Hintergrund. Ruft erneut den Dead Space-Impuls hervor
und ist für die technische Seite natürlich ein gefundenes Fressen. Man kann das
so abziehen, dass der Fisch tatsächlich wie ein lebendes Raumschiff aufzufassen
ist, mit einer Bordbesatzung, die sich auf und im Fisch bewegen muss. Die
Formen werden danach mit ungewohnten Perspektiven abgeschlossen. Ich treffe auf
andere Leute mit Skizzenbüchern, manche halten sich unten beim Aufenthaltsraum
für den Ozean auf und erklären Anwesenden Fragenden, was wir machen. Hin und
wieder klinke ich mich ein. Oben noch andere Leute, die rückwärts durch die
Ausstellung gehen, also gerade erst hineinkamen. In der Walhalle (ich denke bei
Walhalle immer an Walhalla, auch bedingt durch Iron Sky vor kurzem) gibt es
nicht zu viel zu vertellen, ich weiß noch, wie ich Torben darauf hinwies, dass
die Beschreibung für den formaldehydrierten Kalmar weiter links steht. Ich weiß
nicht mehr, wann ich beim Festival auf meine Tätigkeit im Seepferdchenclub
einging und die Präparationsarbeiten zur Sprache kamen.
Es war inzwischen nach eins und draußen waren Torben und
ich. Am Ufer war Maki, die noch vor uns durch die Ausstellung kam. Sie sprach
über Japan und ihre Familie, ihr Vater baute Lauch an, obwohl er den nicht
mochte, ich mag Lauch eigentlich ganz gerne. Es gab noch bei irgendwem die
Möglichkeit, Comic-Zeichner zu werden. Irgendwer kennt so jemanden oder ist
einer, jedenfalls gibt es da einen Comic in Kleinauflage, und so ein
Comiczeichnerteam arbeitet quasi rund um die Uhr. Wir liegen so ein wenig da,
ich decke mein Gesicht mit dem Hut ab. Diese Perspektive ist später in Makis
Buch zu sehen. Da es aber irgendwann echt zu warm wird und ich meine
Mittagspause gewissermaßen hatte, gehe ich in den Schatten und dann auch weiter
in Richtung Innenstadt. Ich muss noch erwähnen, dass vorher noch jemand vom
Festival vorbeigekommen war und ein Beispiel dafür gegeben hat, dass man die
Reihenfolge beim Workshop auch umkehren kann, also erst die Technik, dann die
Fische, um die er sich sogleich im Ozeaneum kümmern wollte.
In der Langenstraße finde ich kurz vor unserem alten Haus
eine Bank, auf die ich mich setze um das Konzept zu vertiefen. Am Anfang stehen
die Bedingungen und welche davon am wichtigsten sind, unter die sich alle
Lösungen unterzuordnen haben. Da man sich im Weltraum nicht auf eine geregelte
Glucose-Versorgung verlassen kann, müssen andere energiereiche Stoffe her.
Dummerweise habe ich gerade keine Tabelle mit Standardbildungsenthalpien zur
Hand, mit der ich mögliche Reaktionen energetisch bewerten könnte. Das ist aber
eh unerheblich, da man die Vorratsstoffe in den Behältern sowieso nicht zu
Gesicht bekommt, dennoch lässt es mich nicht los. Im Speicher arbeiten Sylvain
und seine Bekannten/Familienmitglieder whatever an der Aufgabe, und ich glaube
fast, dass es diese Stelle war, an der in meinem Kopf die Verbindung zwischen
Lola (die Kleine) und dem Lied „Ich bin die fesche Lola“ entstand. Ich glaube,
mich stark zu erinnern, dass irgendwer diese Worte in den Mund nahm, und ich
fand das witzig. Beim Betrachten von Sylvains Arbeit überlege ich mir eine Art
Bemessungsgrundlage für die Komplexität einer Sache, die an dieser Stelle zu
lang wäre, es geht dabei darum, dass einige Sachen zwar technisch gut
ausgeführt sind, diese beim Bildgegenstand aber alle in einer Fläche liegen, es
ist schwer zu beschreiben. Ich komme immer noch nicht von diesen
Reaktionsgleichungen los und ich will jetzt die Enthalpien nachsehen. Wisst ihr
was? Das Büro ist ohnehin nur ein paar Meter entfernt, da kann ich das gleich
im Internet nachsehen. Und ich muss nicht mal meinen Krempel zusammenpacken,
ich bin gleich wieder da. Naja, ganz so kurz war es dann doch nicht, eher in
der Region einer halben Stunde. Dafür hab ich für meine Gleichung alle
Enthalpien gefunden. Dabei habe ich die von Schwefelsäure komplett falsch
eingeschätzt, der Betrag bei der Bildung aus den Elementen ist weitaus negativer
als bei Wasser oder Kohlendioxid. Ich hatte wahrscheinlich eine falsche
Sättigungsanalogie angenommen; beispielsweise ist ein Wassermolekül mit
Sauerstoff gesättigt, eins mit Wasserstoffperoxid ist übersättigt, weil der
Sauerstoff an sich selbst binden muss. Oder so. Jedenfalls ist trotzdem aus der
Reaktion noch genug Energie herausgekommen. Um das später vollständig oxidieren
zu können, wird aber der entstehende Schwefelwasserstoff eingebunkert, denn
wenn man den verbrennt, kommt da weitaus mehr Energie heraus. Man kann sich das
wie eine Gärung vorstellen, die unter anaeroben Bedingungen läuft, da kommt
auch fast nichts bei heraus.
Es war schon lange klar, dass ich die Ideen in zwei Konzepte
aufsplitte. Ein riesiges Schiff von Weltraumwal und einen schnellen, haiartigen
Jäger. Letzterer wurde gerade ein wenig vernachlässigt, also habe ich mich
darum gekümmert. Keine unnötigen Details an dieser Stelle, denn die Zeit
drängte langsam. Die Bemalung fing so gegen halb fünf an, und der Treffpunkt
war am Alten Markt. Das Technikkapitel habe ich etwas arg vernachlässigt, und
es kamen die ersten Zweifel an meiner Arbeitsweise auf. Auf dem Markt selbst
sah ich zunächst kaum jemanden, bis ich ein paar Leute auf den Treppen und im
Schatten gegenüber vom Rathaus sah. Erst danach bemerkte ich Salom und ein paar
Andere, wie sie im Bereich einer nassen Stelle waren. Es könnte Regenwasser
sein, aber später merkte ich, wie es immer noch da war, die Verdunstung dauerte
also länger, als ich dafür dachte, es war also keins. Im Treppenbereich zog ich
die Schuhe aus, denn es war warm. Was für eine Überraschung im Sommer. Salom
selbst ging nach ein paar Minuten mit ihrem Fahrrad und ich glaub Ballonhose in
die Gasse neben dem Rathaus, was wohl an dem speziellen Bemalplatz lag. Das
schwarze Papier war auf dem Gepäckträger. Allzu viel zeichnete ich nicht im
Schatten, mir fiel der „All Colors are beautiful/ACAB“-Schriftzug vom
letztjährigen Marathontag zunächst gar nicht auf. Aber dann war die Zeit
gekommen, zu der wir uns im Rathaus zwecks Bemalung versammelten. Schuhe aus
(ich zog sie zwischenzeitlich wohl wieder an oder ging gleich barfuß hinüber)
und los geht es. Die weißen Stifte lagen bereit, das Papier am Boden, und schon
gingen die Platzprobleme los: Direkt neben mir wollte auch jemand sein Werk
verwirklichen, und ich gab ein wenig Platz. Erst jetzt bemerkte ich vollends,
dass das Konzept, welches ich mir überlegte, für diesen Workshop viel zu
detailliert war. Das hier war eine Sache für einen Tag, und meine Gedanken
wären eher für ein Projekt von einer Woche mit Blaupausen und technischen
Zeichnungen gut gewesen. Hier bleibt bei dem hohen Abstrahierungsgrad im
Prinzip nur ein Fisch mit Anhängseln übrig. (Anmerkung: Mein Jäger, der über
dem fetten Schiff platziert war, sah bei der Präsentation gar nicht mal so übel
aus.) Erschwerend kam hinzu, dass der Platz, den ich meinem Wal zugestand,
nicht ausreichte, um den Anstieg seiner Bauchlinie Richtung Schwanzflosse
hinter den Zusatztanks zur Geltung zu bringen. Ich machte sie so lang, dass sie
den Bauch komplett überdeckten, wodurch er unnötig plump wirkte. Ich hab
versucht, das zu retten, indem ich die Tanks durchsichtig gestaltete. Ging so
halbwegs. Farbe wollte ich später auch keine mehr dranmachen, obwohl das
optional möglich war. An die Möglichkeit des Farbauftrags hatte ich überhaupt
nicht mehr gedacht.
Irgendwann später merkte ich dann, dass sich das hier ganz
schön ziehen könnte. Wir begannen um halb fünf, und das Scannen war erst weit
nach sechs. Bei der Präsentation im Palais wollte ich nicht mehr mit dabei
sein, da ich das Ergebnis schon kannte und mich vor allem vor meinem Machwerk
in Sicherheit bringen wollte. Für den Abend waren die Kulturschmiede und
möglicherweise auch der Film geplant. Ach ja, der Film. Den hatte ich ja noch
gar nicht erwähnt. Es gab eine Absprache mit dem Menschen von den
Sundlichtspielen. Ich wusste gar nicht, dass dort noch Filmbetrieb stattfindet.
Stattdessen dachte ich, dass nach der Vorführung der Rocky Horror Picture Show
(mit explizit erwünschter Publikumsbeteiligung) Schicht im Schacht gewesen
wäre. Offensichtlich nicht. Der Mensch bei den Sundlichtspielen hatte noch
viele Filme, die er in privater Runde vorführen könnte. Privat, weil wegen
„untersagt sind die öffentliche Vorführung auf Ölbohrinseln und so weiter,
Raubkopierer sind Verbrecher und der mit dem Messer ist auf Bewährung
rausgekommen“. Dazu wurde eine Liste erstellt und ausgehängt (im Hostel, glaube
ich, dort sah ich sie am Sonntag, als ich die Behauptung von Steven prüfte). Am
Mittwoch kam die Ansage, dass sich viele offenbar einen Spaß daraus machten und
die meisten den NC-17-Kurzfilm (laut Beschreibung) ankreuzten. Dann wurde ein
ernsthafter Aushang gestartet, und wenn bis um drei am Nachmittag (der
Zeitpunkt, als ich im Büro meine Reaktionsenthalpien nachgesehen habe) keine
ordentliche Einigung erzielt wurde, machen die Sonnenmacher einen für sich
selbst, also sie suchen sich einen Film aus. Ich glaube fast, dass der Film
dann am Donnerstag gezeigt werden sollte. Die Mittwochseinordnung für den Film
war also wahrscheinlich nicht richtig. Noch ein paar Worte zur Liste selber:
Ich habe einen bis zwei, vielleicht drei Titel von den zur Auswahl stehenden
gesehen, manche kannte ich vom Namen her, aber der überwiegende Teil war mir
gänzlich unbekannt.
Da es später am Abend noch woanders weitergehen sollte, ging
ich zum Speicher, um zu schreiben. Das muss in den Diaries der dritte Tag
gewesen sein, an dem ich da rumgeschraubt habe. Aber ich setzte mich nicht in
den Innenhof, sondern in den Eingangsbereich der Werkstatt. Dort kann man viel
mehr von der Musik und von den Sonnenmachern mitbekommen. Wahrscheinlich war es
dieser Tag, als Wiebque erst vorbeikam und dann die Musik anmachte. Ich dachte
zunächst, dass es entweder last.fm oder iTunes waren. Dies manifestierte sich
in den Tagen danach ebenso, aber ich glaube inzwischen, dass es Titel vom
Rechner waren. Also eigene MP3’s. Dafür sind in dem ganzen Raum irgendwo
Lautsprecher untergebracht, und manche davon wurden im letzten Jahr genutzt, um
die Audiospur des Wandbemal-Zeitraffers wiederzugeben. Es kann eine gute
Lautstärke damit erreicht werden. Von den Titeln erkannte ich keinen wieder.
Bei einem meinte ich, die Stimme des Sängers zu kennen. Muse? Nein, nicht ganz
passig. Dann kam ich zum Entschluss, dass es Jack White sein muss. Die
Instrumentierung war für die White Stripes zu üppig, dann eben The Raconteurs.
Nach dem Festival stellte sich heraus, dass es die Dresden Dolls waren, und
dass die entscheidende Stelle nicht Analog Anachronism, sondern Girl
Anachronism lautete. Von den anderen Titeln kenne ich die Tags immer noch
nicht, es war in jedem Fall eine tolle Playlist, und bei einem Lied lachte ich
so Einiges. Es wurde ziemlich leierig vorgetragen, und der Text war witzig. „…
denn ich hab viele Kochbücher, die ich nie brauche. Darin gibt es ganz bestimmt
viele Rezepte mit Mais.“ Ein wunderbarer Vexierreim. Und an alle Jungen, alle
Mädchen: Zieht eure T-Shirts aus (yeah yeah yeah).
Meine räumliche Position war an dem Tisch, der direkt rechterhand
steht, wenn man den Eingang zur Werkstatt passiert, noch vor dem Jackenständer.
An diesem Ort bekommt man viel mehr von dem Gedrehe der Sonnenmacher mit und
was alles an Arbeit anfällt. Da manch ein Laptop nicht so recht funktionieren
will, wie er soll, wird hin und wieder kurzerhand einer ausgeliehen. In solchen
zwischengeschobenen Minuten werden die Blogtexte geschrieben, also nicht meine
eigenen, die natürlich auch, aber bei mir mache ich das auf Papier, denn hätte
ich einen Läppi, würde das Abschreiben mangels Vorhandensein nicht so lange
dauern. Stattdessen stehen die Texte für den Sonnenmacherblog an. Dieses Mal
wird jeden Tag ein Update gefahren.
Die gescannten Skizzenbücher werden körbeweise herausgetragen, wenn ein größerer Teil fertig ist. Da ich gerade nicht viel zu tun habe und die Participants eh gerade nicht da sind, ist das die perfekte Gelegenheit, in fremde Bücher hineinzuluschern. Dabei möchte ich das Buch von einer speziellen Person erwähnen:
Die gescannten Skizzenbücher werden körbeweise herausgetragen, wenn ein größerer Teil fertig ist. Da ich gerade nicht viel zu tun habe und die Participants eh gerade nicht da sind, ist das die perfekte Gelegenheit, in fremde Bücher hineinzuluschern. Dabei möchte ich das Buch von einer speziellen Person erwähnen:
Ich hielt es bereits vorher beim Workshop „Be my
Zeichensklave“ in der Hand. Anhand der Linien und der Signatur dachte ich, es
wäre das Buch von Salom, da sie ebenfalls solche dünnen Striche zu zeichnen
vermag. Ist es aber nicht, es ist das Buch von Olga. Und beim Betrachten ihrer
Skizzen komme ich zu einer Schlussfolgerung: Sie ist GOTT. Ich meine, ein
derartiges zeichnerisches detailliertes Niveau kenne ich zwar bereits, aber ich
hätte nie geglaubt, dass dies im Rahmen von Skizzen, also bei einem in wenigen
Minuten gemessenen Erstellungszeitfenster, möglich wäre. Ich fand Olga schon
vorher cool und alles und wusste nur um ihre Buntstifttechnik, aber seitdem ich
ihre Skizzen in einem weiter reichenden Umfang gesehen habe, habe ich einen
unermesslich großen Respekt vor ihr und ihren Fähigkeiten. In einer Zeitung,
die ich wahrscheinlich am Bahnhof während des Strandtages las, stand drin, sie
wäre 28. Was? Ich hätte sie eher auf 22 geschätzt.
Da es nachher erst später weitergehen sollte, ging ich wohl
noch einmal los, um auch meinen Hunger zu beruhigen. Das mit dem Film war
erledigt, aber in die Schmiede sollte es noch gehen. So begab ich mich nach
Hause, um eine Kleinigkeit zu essen. Ellis meinten, ich könne noch duschen.
Dies lehnte ich mit Verweis auf den Aufenthalt in der Schmiede ab, so dass sich
das eh nicht lohnt, aber dann … naja. Mit einem halben Ohr nahm ich im Speicher
eine Zeit auf, bei der es weiterginge, und als diese Zeit kam, machte ich mich
mit dem Rennrad wieder auf den Weg. Ab zur Schmiede. Keiner in Sicht. Drinnen
auch nicht. Also wartete ich draußen. Auf der gegenüberliegenden Seite, wo es
halbwegs dunkel war, so dass man nicht sofort gesehen wird, sofern man sich
nicht bewegt. In der Tat kamen nach einigen Minuten zwei Radfahrerinnen, die
wie Anna und Anne aussahen. Das heißt, sie sahen so aus. Ob sie es tatsächlich
waren, vermochte ich bei der Beleuchtungssituation nicht zu verifizieren.
Zaghaft ging ich hinüber, und es sah nicht so aus, als wären sie es. Ging daher
wieder auf Abstand, und als sie reingingen, platzierte ich mich erneut auf der
Bank. Dann wurde mir das zu bunt und ich fragte die eben herauskommende
Bedienerin, ob denn nicht gerade zwei Sonnenmacher hineinspazierten. Ich fragte
sie bereits vorher, ob heute eine Skizzenveranstaltung auf dem Plan stand. Sie
hätte davon nicht erfahren, und es seien zwei Mädchen gerade hineingegangen,
aber sie wisse nicht, ob das Sonnenmacher waren. So musste ich es erneut
visuell abfragen, und diesmal konnte ich durch einen Blick tatsächlich
abklären, dass sie es nicht waren. Zudem hätte Anne dafür ihr Top wechseln
müssen.
In Windeseile zurück zum Speicher. Es sind noch viele
anwesend. Anna und Sophie sind im Hinterhof, der mittlerweile komplett dunkel
ist, wodurch sich sämtliche Zweifel in Wohlgefallen auflösen. Anna geht dann
ins Haus, Sophie legt sich auf die Bank und deckt sich zu. Es dauert etwa eine
Viertelstunde, bis es losgeht, zurück zur Schmiede. Dieser Absatz müsste, wenn
man die im Realen verstrichene Zeit zur Grundlage nimmt, viel länger sein.
Bei der Schmiede postieren wir uns draußen. Ein Weberknecht
zieht im Gespräch unsere Aufmerksamkeit auf sich, aber es kommt nicht zu
ästhetisch minderwertigen Überraschungen. Der Mensch vom Kino hatte einen
saudämlichen Unfall, weshalb er im Krankenhaus liegt. Das wussten wir bereits
seit dem Vormittag, jetzt kommen Details dazu. Was ich noch nicht wusste:
Wiebque hatte mitten im Festival eine Prüfung, also fährt sie kurzerhand mit
dem Zug zur Prüfung, legt diese ab, um dann wieder zurückzufahren. Wusste
bisher noch nicht, wo das war, jetzt weiß ich es. Mein Getränk während des
Abends bleibt ein klarer Apfelsaft, da ich meine Spenunzen ein wenig
zusammennehmen muss, denn der finanzielle Vorsprung, den ich mir für den
September aufbaue, fängt so langsam an, wegzuschmelzen. Der Aufenthalt hat den
Charakter der Resignation, insbesondere da die Wandmalaktion jetzt auch nicht
angesetzt ist, weil der zuständige Mensch erst am Freitag wiederkommt und es
daher erst am Freitag besprechbar ist.
Da heute an der Wand nichts geschieht, gerät der Ausflug
nicht ganz so lang, wie ich ursprünglich dachte. Anna und Lockheed gehen zu
Lockheeds Karre, in der sich eine Matratze befindet. Diese wird fortan auf dem
Kopf getragen. Wir verabschieden uns. Zuhause treffe ich tatsächlich noch auf
Ellis. Es ist gegen nach elf.
Es war das erste Mal, dass ich ohne Wiebque in der
Kulturschmiede war.
[Filmverschiebung, Annas Kleider]
[Torben Schmiede Anfahrt stimmt nicht, das war nach den Plakaten oder irgendwie so]
[andererseits bleibt für die Plakate fast kein anderer Tag mehr, Tag 7 war zu voll]
[Torben Schmiede Anfahrt stimmt nicht, das war nach den Plakaten oder irgendwie so]
[andererseits bleibt für die Plakate fast kein anderer Tag mehr, Tag 7 war zu voll]
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