Mittwoch, 30. Januar 2013

Todsicher



Platz 2 von 6: Death Proof

Die oberste Blogleitung sieht sich aus aktuellem Anlass dazu berechtigt, auf Spoiler im Artikel hinzuweisen. Wer Death Proof noch nicht kennt, sollte vorerst vom Lesen dieses Artikels absehen. Vorerst, wohlgemerkt.


Im Jahr 2007 erschien ein Double Feature von Robert Rodriguez und Quentin Tarantino mit dem Namen „Grindhouse“. Rodriguez drehte dafür einen Film mit dem Titel „Planet Terror“, Tarantino steuerte seine Hälfte unter der Bezeichnung „Death Proof“ bei. Da es außerhalb der USA fast keine Double Feature-Gemeinschaft gab, wurden die beiden Filme separat vermarktet, so dass man die Verzahnung zuerst suchen muss. Denn die Genres der beiden Filme sind doch verschieden. Gemeinsam haben sie den gezielt herbeigeführten Schmuddel-Look.


 

Eigentlich dürfte ich Death Proof nicht mögen, zumindest nicht so sehr, wie ich es tatsächlich tue. Wer den Pulp Fiction-Eintrag gelesen hat, erinnert sich an mein Gemeckere über die Filmoptik. Bei Jackie Brown trat das ebenso zu Tage. Und bei Death Proof findet man das theoretisch auch: Das Bild ist von gleicher Körnigkeit, und das hat dazu beigetragen, dass ich von Pulp Fiction visuell unbeeindruckt war. In Death Proof beschränkt sich das aber auf die Aufnahmestruktur, während der ganze andere Scheiss völlig verändert wurde. Die Leute tragen komplett andere Klamotten, die Frisuren sind weit besser gelungen, und die Einrichtungen sehen auch nicht so aus, als wäre Rip Torn nach seiner Banktournee noch besoffen in das Haus von den Aussenseitern eingebrochen. Und Death Proof hat einen weiteren, entscheidenden Vorteil: Er spielt zum großen Teil nachts. Das verbessert die Filmoptik noch einmal erheblich. Feststellbar ist dieser Effekt am Vergleich der beiden Filmhälften: Die zweite Hälfte spielt komplett tagsüber, und die finde ich nicht ganz so gut wie die erste Hälfte.

Das nur so zur visuellen Abgrenzung gegenüber dem Schaffen Tarantinos aus den Neunzigern. Jetzt der Sound von Death Proof. Von allen Soundtracks zu Tarantinos Schaffen ist dies derjenige, den ich am meisten mag. Ich habe ihn auf meinem Telefon und er reist in meinem CD-Case mit als Standard-Musik. In diesem finden sich ansonsten noch Third von Portishead, Black Sunday von Cypress Hill und irgendeine Linkin Park-Platte. Die Jukebox von Master Q, die in der ersten Hälfte verwendet wurde, macht also einen exzellenten Job. Darüber hinaus klingt alles auch so, als wäre es damals vor mehreren Jahrzehnten zusammengemischt worden und nicht mit Methoden der 90er abgespielt. Der leicht angekratzte Vinyl-Klang ist echt. Beisteuernd wirken dabei die eingeflochtenen Filmfehler. (Damit sind Materialfehler am Wiedergabemedium gemeint, nicht etwa Logiklücken.) Die fehlenden oder an manchen Stellen auch gedoppelten Frames werden passend akustisch untermalt, als würde das alles tatsächlich aus einem alten Projektor herauskommen.

Eine ebenso bedeutsame Stärke, die der Abgrenzung gegen die 90er dient: das Setting und die Ausstattung. Die erste Hälfte des Films spielt in Austin, Texas. Dazu muss ich dem Leser hier ein paar Sachen erklären, weil er das wahrscheinlich nicht weiß: Austin ist eine für texanische Verhältnisse ungewöhnlich liberale Stadt. Man hat zwei Einflüsse, die aufeinander prallen: Auf der einen Seite die gute, alte Komponente mit den positiv besetzten Eigenschaften, die man von den Südstaaten und gerade von Texas kennt, auf der anderen Seite liberalen Geist, der die negativen Punkte dieser Komponente wegpustet. Keines dieser beiden Dinge ist dabei für diese Atmosphäre verzichtbar; würde man sich auf die liberale Struktur beschränken, also aus Texas rausmarschieren, dann würden irgendwelche steifärschigen Anglistiker mit kratzigem Schal übrigbleiben, und das wollen wir hier nicht. (Alternativ kann man The Town kucken, denn der spielt in Massachusetts.) Um ein Beispiel abzugeben, führe ich das lokale Studentenkino meiner derzeitigen Heimatstadt an. In unserem Institut haben wir hin und wieder, einmal im Jahr, eine Filmvorführung, und einmal lief Hangover, und in diesem Fall war das Publikum nicht gut ausgewählt. Es kam einfach keine Stimmung auf. Anderes Beispiel ist das tatsächliche Studentenkino, bei dem ich in allen, also wirklich ALLEN Vorführungen, die ich bisher besuchte, der einzige war, der bis zum Ende des Abspanns sitzen blieb. In unserem richtigen Kino gehen zwar auch die meisten Leute noch während des Abspanns raus, aber ebenso gibt es in vielen Vorstellungen ein paar Cineasten, die die komplette Dauer mitnehmen. Nicht so im Studentenkino. Und der Umstand, dass mein allzeitiges Bleiben bis ganz zum Schluss im Studentenkino von den Mitarbeitern bereits nach wenigen Malen bemerkt wurde, erlaubt es mir, zu glauben, dass es sonst wirklich absolut keiner so macht, auch wenn ich nicht dort bin. Daraus leite ich ein paar allgemeine Charakterzüge von den Leuten ab, und diese bringen mich dazu zu glauben, dass der texanische Einfluss für das Umfeld von Death Proof von entscheidender Bedeutung ist. Denn Death Proof ist nicht für die Menschen, die während des Abspanns kalte Füße bekommen.



Ein US-Film mit einem der bekanntesten US-Bundesstaaten, der auch noch für ein bisschen Konservativität berüchtigt ist, kommt nicht ohne die entsprechende Fahrzeugausstaffierung aus. Wenn jeder einen lahmen, importierten Reiskocher fahren würde oder einen frontgetriebenen Lutscher, der um 1990 herum gebaut wurde, dann hat man sich verdammt noch mal im nördlichen Teil des Mittleren Westens zu befinden (also dort, wo Fargo spielt) oder irgendwie so. Im Süden hat man voluminöse Ware aus Detroit zu bewegen. Dass die ersten Mädels in einem Honda Civic unterwegs sind, ist nichtsdestotrotz gut, denn in diesem Fall ist das realistisch. Einige meiner Bekannten und insbesondere Bekanntinnen sind derzeit in kompakter Ware nach diesem Baumuster unterwegs, weil sie sich nichts Anderes leisten können. Im Film hätte man vielleicht auf etwas wie den Chevrolet Cobalt zurückgreifen können, aber das widerspräche dem abgerockten Charakter des Films. Außerdem spielt die Crashsicherheit des Fahrzeuges dieser Charaktere bzw. die Nichtvorhandenheit derselben später im Film noch eine Rolle. Ebenso wäre so ein Fahrzeug zu, naja, modern für diesen Film. Man kann zwar auch aus einem modernen Fahrzeug etwas Abgerocktes machen, ich denke da zum Beispiel an diverse VWs aus heutigen Zeiten, die beim Tuning viele Elemente von früheren Generationen übernehmen (also von den Luftgekühlten) und das Ganze noch mit Rat-Look würzen. Aber im Endeffekt wäre es wegen der modernen Basis zu stylisch, und das passt bei Tarantino nicht rein. Daher ist der Civic in dem Fall eine gute Wahl.


Jemand wie Master Q weiß, dass es ein Fehler ist, in einem Bereich nur auf die Schaustücke zu setzen, und so sind die anderen Kisten definitiv nicht nur aus der ersten bekannten Reihe abgeleitet. Das zentrale Fahrzeug ist ein Chevrolet Nova Baujahr ’71, und das gehört nicht wirklich zum Bekanntesten. Ich selbst kannte den Wagen nicht, bevor ich ihn in diesem Film sah. Kurzer Abriss: Der Nova ist ein eher kompaktes Modell und keines der klassischen Fullsize-Cars, wie es bei Chevrolet etwa der Bel Air, der Impala oder in den 90ern der Caprice waren. Wenn man für Sportzwecke  einen Chevrolet nehmen wöllte, der um Baujahr 1970 herum entstanden ist, wäre man auf den Monte Carlo (zu sehen am Anfang von Tokyo Drift) oder die deutlich bekanntere Chevelle angewiesen. Letztere hat in der Autoszene aber schon so eine Art Ikonenstatus, und Quentin wird uns bestimmt was Neues haben bieten wollen und außerdem ist der Nova bestimmt eine Ecke leichter und beschleunigt besser (oder irgendwie so). Im Grunde kann man sich den Nova rein stilistisch wie eine verkleinerte Chevelle vorstellen. Daher dieses Modell. Außerdem würde der Größenunterschied zwischen Civic und Fullsize/Chevelle garantiert comichaft wirken, so als würde man einen Fiat 500 gegen einen Audi Q7 crashen.

Die beiden Fahrzeuge von Dodge waren da schon bekanntere Kaliber. Der 69er Charger von Stuntman Mike aus der zweiten Hälfte zählt zum Bekanntesten, was die nordamerikanischen Sportwagenabteilungen zu bieten haben, und dass der weiße Challenger ein direktes Zitat aus Fluchtpunkt San Francisco ist, sollte jedem aufgefallen sein, der den Film aufmerksam verfolgt hat. Der 72er Mustang hat hingegen ein paar Worte mehr verdient: Es ist vielleicht ein Mustang, aber keiner von denen, die man so kennt. Stattdessen wird hier nochmals zitiert. Ein solches Fahrzeug kam in einem Film aus den 70ern vor. Der Film heißt in Deutschland „Die Blechpiraten“, im englischen Original trägt er den Titel „Gone in Sixty Seconds“. Damit dient er als Vorlage für das Remake, welches in Death Proof ebenso erwähnt wird (mit dem liebevollen Ausdruck „Angelina-Jolie-Bullshit“). Nicolas Cage wird ebenso kurz erwähnt, als die Mädels sagen, dass am Set alle wie Doubles aussehen (einer sieht aus wie Nick Cage). Weiter im Text. Auch in „Die Blechpiraten“ kommt der Mustang vor, und er hat auch dort wie im Remake den Namen Eleanor. Und damit nicht genug: Beim Mustang geht es noch weiter. Wer genau hinsieht, wird am Heck des Wagens einen ganz kleinen Pussy Wagon-Aufkleber sehen. Angesichts dieser Tatsache wird auch die rote Lederausstattung des Mustangs leichter verständlich, denn der große Pussy Wagon aus Kill Bill (ein Chevrolet C-2500) hatte auch rotes Leder. Hier haben wir es also mit einem direkten Tarantino-Zitat zu tun. Passend dazu unterlegt der Handy-Klingelton die Szene musikalisch, denn das ist Twisted Nerve, auch genannt das Rumgepfeife, und das wurde in Kill Bill an dem Handlungsort gespielt, an welchem sich die Braut des Pussy Wagons bemächtigt.





Und jetzt sag ich mal was über die Handlung und ihre Umsetzung.

Auch wenn der Film spürbar in zwei Hälften geteilt ist, ergibt sich ein Kontinuum. Stuntman Mike führt einen Anschlag gegen eine Gruppe von Frauen durch, später macht Stuntman Mike das wieder. Das Setting ist ein anderes, aber das Prinzip wird beibehalten. Im Bereich des Settings sind dann aber größere Unterschiede anzutreffen. Das Offensichtliche: Die zweite Hälfte spielt komplett am Tag. Die erste findet überwiegend in der Nacht statt. Der Urbanisierungsgrad ist ein anderer; der erste Teil lief, abgesehen von der Landstraße, vollständig innerhalb der Stad ab, im zweiten Teil hingegen sieht man nicht so viele Gebäude, und die Gebäudedichte erreicht nie den Wert aus der ersten Hälfte. Dazu passend wird der Ort in der Handlung komplett gewechselt; im ersten Teil war es, wie schon erwähnt, Austin, also eine freiheitlich orientierte Stadt mit texanischem Flair, und ich kann mir keinen anderen Ort vorstellen, an dem das alles funktioniert hätte, daher wird der Ort gewählt worden sein. Die zweite Hälfte findet in Tennessee statt, weil das der Staat ist, aus dem Tarantino herkommt, und die Schundfilme, denen hier ein Denkmal gesetzt wird, hat er als junger Bub zu schätzen gelernt, und das reicht jetzt auch als Begründung. Im Kern ist es dann der etwas unterschiedliche Charakter der jeweiligen Frauen, der all dem die Krone aufsetzt: Die zweite Gruppe verhält sich irgendwie eher wie Männer. Im Gesamtbild, der Charakter von Mary Elisabeth Winstead (Lee) sticht da heraus. Entsprechend machen sie eher das, was Männer halt so machen. Die erste Frauengruppe entspricht da mehr den auf Bars umgemünzten Partygängern. Ich weiß nicht, wie ich den Sachverhalt beschreiben soll, aber ich kann mir den Unterschied gut vorstellen. Unterstreichend wirkt dabei die Fahrzeugwahl, die wir schon auseinandergenommen haben: Nur eine entsprechend charakterisierte Figur würde einen mehrere Jahrzehnte alten Mustang im realen Leben fahren, denn an der Karre wird man mit der Ausstattung garantiert noch selber herumfummeln. Anstatt sie in die Werkstatt eiern zu lassen, wie es bei einem serienmäßigen Civic der Fall wäre. Hinweisen möchte ich an dieser Stelle auf die Länge der Beinbekleidung der beiden Gruppen: Die ersten tragen im Schnitt deutlich kürzere Hosen. Butterfly trägt Hotpants, bei Jungle Julia weiß ich es nicht mehr so genau, aber sie trug auch kurz. Der Charakter von Rose McGowan hatte zwar lange Hosen an, aber ihre Zurechnung zu dieser Gruppe bleibt, öhm, antastbar. Im Gegensatz dazu haben Kim und Zoë lange Jeans an, und obgleich Lee und Abernathy Röcke tragen, sind diese allemal länger als die Hotpants aus dem ersten Teil. Und jetzt weiß ich ein bisschen besser, wie ich den Unterschied zwischen den beiden Gruppen beschreiben kann: Die erste Gruppe ist ein bisschen eher darauf aus, Typen abzuschleppen. Oder irgendeine Vorstufe davon. Wohingegen das Thema bei der zweiten Gruppe vollkommen separat behandelt wird. Ja, ich denke, so kann man das sagen.



Das Verhalten von Stuntman Mike. Stuntman Mike hat in der ersten Hälfte überwiegend seine hellblaue Jacke an, in Anlehnung an die äußeren Temperaturen und daran, dass hier der Stuntfahrer-Punkt stärker durchklingt. Im zweiten Teil trägt er lediglich ein schwarzes T-Shirt, und das nicht nur, weil es wärmer ist, sondern auch, weil er dort nicht mehr den Charakter eines Stuntfahrers hat, sondern den eines normalen Muscle Car-Fans, der einfach seine Karre einzig und allein für den Rennbetrieb umbaut (und nicht auf die speziellen Bedürfnisse einer Stuntfahrt im Film auslegt). Man beachte an dieser Stelle auch die Jacke des Hauptcharakters aus Drive, gespielt von Ryan Gosling, den ich immer den Sohn von Christoph Waltz nenne.

Außerdem begibt sich Stuntman Mike in der ersten Hälfte deutlich stärker in die Nähe der weiblichen Charaktere, obwohl sich die reinen Zeiten gar nicht mal so sehr unterscheiden. In der ersten Hälfte beobachtet Mike die Mädels zuerst aus seinem vorbeifahrenden Auto heraus, danach noch einmal, als sie die erste Bar verlassen und er seine Augentropfen nimmt, und danach verbringt er seine Zeit mit ihnen. Im zweiten Teil steht er mit seiner Karre auf dem gleichen Parkplatz, und dann sieht man ihn im Diner mit den anderen vier Ladies sitzen, wobei er da nur im Hintergrund ist, und zwar so unauffällig, dass ich ihn gar nicht ohne eigenes Zutun bemerkt habe. Und dann sieht man ihn wieder, wie er seine Zeit mit den Mädels verbringt.



Der Unterschied: Bei der zweiten Gruppe überspringt er den üblichen Kennenlern-Teil und geht gleich zur Action über, dafür dauert die dann auch länger. Während er sich bei den ersten Mädels darauf beschränkte, den Charakter von Rose McGowan zu erschrecken (und rasch umzubringen) und dann einen naturgemäß rasch ablaufenden Verkehrsunfall zu provozieren (bzw. eine Kollision, wenn man den Worten von Nicholas Angel aus Hot Fuzz folgen will), besteht das Äquivalent bei den zweiten Mädels gleich mal aus zwei kompletten Verfolgungsjagden und einer längeren Verklopp-Aktion. Dort zeigt er sich den Mädels auch länger innerhalb der Action, sie sehen direkt, wer der Verursacher für ihr Unglück ist, was bei den ersten nicht der Fall war. So gesehen, hat Stuntman Mike bei den zweiten Mädels quasi die Kennenlern-Phase und die Action kombiniert. Damit wissen die zweiten Mädels im Unterschied zu den ersten solchen von Anfang an, wie sie ihn einzuschätzen haben, und bedenkt man, dass sie näher an Männer-Verhalten dran sind als die ersten Mädels, fällt von allein der Schluss, dass er sich hier mit den falschen Leuten angelegt hat.


Die relativ harmlose Einschätzung der ersten Damengruppe wird vom Zuschauer nicht im Geringsten geteilt. Bereits bei Stuntman Mikes erstem richtigen Auftritt wird klar, dass er nicht einfach ein Schwarzfingerstreichler ist (was auf Dov, Nate und Omar zutreffen würde), sondern dass es sich bei ihm um einen richtig bösen Jungen handelt, der als Hauptantagonist wirkt. Diese Wirkung wird von Tarantino hübsch unterstrichen: Bei Stuntman Mikes erstem richtigen Auftritt, als er in seinem Chevy Nova vorbeifährt, wird Paranoia Prima von Ennio Morricone gespielt, das betont seinen unheimlichen Charakter (denn unheimlich beeindruckt unheimlich). Dann hat er noch zwei  kleinere Auftritte, bei denen man nur seine Augen wirklich zu sehen bekommt (die Augentropfen und ein Blick über seine Schulter) und dann sieht man noch seinen Mund beim Nacho-Essen. Wir sehen ihn erst dann vollständig, als er zum ersten Mal spricht und dem Charakter von Rose McGowan  anbietet, sie zurück nach Hause zu bringen mit den Worten: „Schöne Lady, ihre Kutsche wartet.“ Bis der Moment eintritt, vergeht eine Weile. (Verdammt, ihr Charakter hieß Pam, jetzt erinnere ich mich.) Die Wiederholung von Paranoia Prima in der Einstellung, in der Butterfly das Auto von Mike wieder auf dem Parkplatz sieht, erneuert den unheimlichen Eindruck.



Ich möchte noch ein paar Worte zu einzelnen Momenten verlieren. Da wäre einmal das verschmitzte Grinsen von Stuntman Mike in dem Moment, in welchem er in seinen Chevy Nova einsteigt. Damit durchbricht er für einen kleinen Moment die vierte Wand, als wolle er uns sagen: „Ihr wisst doch ganz genau, was jetzt kommt. Ich bringe sie um.“ Aber es war nur ein ganz kleiner Moment, und so wirkt er nicht unpassend, sondern eben verschmitzt.

Dann wäre da noch der Lapdance. Stuntman Mike ist derjenige, der von allen Leuten in Austin den im Radio von Jungle Julia versprochenen Lapdance von Butterfly einfordert und erhält. Als ich Death Proof das erste Mal sah, war ich von dieser Szene sehr irritiert, was zum größten Teil mit meinem damaligen emotionalen Zustand zusammenhing. Das Gleiche trifft auch auf die Entsprechungen am Anfang von Planet Terror und in der Mitte von From Dusk till Dawn zu (beide von Robert Rodriguez und in beiden spielt Tarantino mit). Inzwischen hat sich das Bild etwas geändert: Sowohl bei From Dusk till Dawn als auch bei Planet Terror fällt es mir mittlerweile ein gutes Stück schwerer, mich auf irgendwas Anderes zu konzentrieren, und auch mein Eindruck von Butterflys Lapdance hat sich verbessert. Allerdings bei weitem nicht auf das Niveau der Tänze, die von Rodriguez in Szene gesetzt wurden. Das mag garantiert am leicht unterschiedlichen physischen Appeal von Rose McGowan, Salma Hayek und Vanessa Ferlito liegen, wobei letztere in Death Proof ja auch irgendwie bewusst trashiger daherkommt. Und ich kann Hotpants einfach nicht wirklich was abgewinnen. Zusammen mit ein paar anderen Details, die hier unerwähnt bleiben können, ergibt sich daraus ein abturnendes Moment.


Das Thema werde ich ein bisschen ausführlicher in einem separaten Artikel behandeln, der dann hier verlinkt ist.
Notiz vom 6.3.2013: Nein, werde ich nicht. Ich hab das Interesse an einem solchen Artikel verloren. Selbst wenn ich die Inhalte wieder aus der Mottenkiste hole, würde ein solcher Text nichts Neues bieten.



Und auf eine Szene weise ich noch hin, die hat mir besonders gut gefallen. Und zwar ist das der schwarzweiße Teil kurz nach der Halbzeit.


Dass die Szene schwarzweiß ist, gefällt mir allein schon. Es ist zugleich eine Erklärung dafür, woher mein Plan kommt, Pulp Fiction das nächste Mal auch in SW zu schauen. Denn ab dem Moment, in welchem die Szene in Farbe wechselt, finde ich das Ganze nicht mehr ganz so gut. Zur Szene: Die zweiten vier Mädels (zu dem Zeitpunkt noch zu dritt) fahren in Tennessee auf einen Parkplatz, um sich Kaffee zu holen oder irgendwas in der Richtung, hab ich vergessen. Stuntman Mike kommt in seinem Charger zu Mucke von Willy DeVille ebenfalls angedonnert und probiert sich am Fuß von Abernathy. Sein Schlüssel ist seine Exit-Strategie, um ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, die Sache wäre mit Absicht geschehen. Danach stellt er sogleich die Potenz seines Wagens zur Schau, als er mit Vollgas abfährt und dabei einen Burnout nach links zieht. Lee kommentiert sogleich mit Verweis auf mangelnde physische Potenz, ist ja naheliegend. Wir wissen ja alle, dass solche Leute ihren nur ansatzweise vorhandenen Schwanz kompensieren müssen. Dann vergeht ein bisschen Zeit, die Szene geht normal weiter. Als Abernathy vorne am Auto steht, hört man erneut einen alten V8 röcheln. Abernathy stellt fest, dass Stuntman Mike wieder da ist. Er steht an genau derselben Stelle, an der er vorhin seinen Burnout gestartet hat. In die exakt gleiche Richtung zieht er dann wieder einen. Die Wiederholung hat dabei nicht den Charakter, als würde er ein weiteres Mal ein Männlichkeits-Äquivalent unter Beweis stellen müssen. Nein, das hat diesmal die Wirkung einer Drohgebärde, zumal es dieses Mal nicht von Musik begleitet ist. Daher vergeht Abernathy dort auch das Grinsen, und ihr Gesicht scheint nicht zu sagen, dass sie Stuntman Mike von nun an als irgendeinen ignorierenswerten Spinner abtut. Eher meine ich, eine Art Besorgnis zu erkennen. Wie wir später erfahren, ist diese Besorgnis berechtigt.





Im Grunde genommen war das jetzt alles. Es gibt noch zehntausend andere erwähnenswerte Momente, aber würde man die alle aufschreiben, könnte man auch gleich das ganze verdammte Drehbuch online stellen. Die erste Hälfte von Death Proof finde ich richtig klasse, die zweite, naja, bei mehreren Wiederholungen kann ich mich damit auch gut anfreunden, da hier die Dialogorientiertheit ein größeres Gewicht hat. Die Verfolgungsjagd war jetzt nicht ganz der Knaller, den ich erwartet hab, und nur der Umstand, dass sie am Ende des Films steht, kann meinen Eindruck trüben. Aus diesem Grund kann Death Proof auch nicht ganz nach oben auf diese Liste gelangen, nichtsdestotrotz ist es ein starker Film. Zweithöchster Rang auf meiner Hitliste der Filme von Quentin Tarantino.


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