Platz 2 von 6: Death Proof
Die oberste Blogleitung sieht sich aus aktuellem Anlass dazu berechtigt, auf Spoiler im Artikel hinzuweisen. Wer Death Proof noch nicht kennt, sollte vorerst vom Lesen dieses Artikels absehen. Vorerst, wohlgemerkt.
Im Jahr 2007 erschien ein Double Feature von Robert
Rodriguez und Quentin Tarantino mit dem Namen „Grindhouse“. Rodriguez drehte
dafür einen Film mit dem Titel „Planet Terror“, Tarantino steuerte seine Hälfte
unter der Bezeichnung „Death Proof“ bei. Da es außerhalb der USA fast keine
Double Feature-Gemeinschaft gab, wurden die beiden Filme separat vermarktet, so
dass man die Verzahnung zuerst suchen muss. Denn die Genres der beiden Filme
sind doch verschieden. Gemeinsam haben sie den gezielt herbeigeführten
Schmuddel-Look.
Eigentlich dürfte ich Death Proof nicht mögen, zumindest
nicht so sehr, wie ich es tatsächlich tue. Wer den Pulp Fiction-Eintrag gelesen hat, erinnert sich an mein Gemeckere
über die Filmoptik. Bei Jackie Brown trat das ebenso zu Tage. Und bei Death
Proof findet man das theoretisch auch: Das Bild ist von gleicher Körnigkeit,
und das hat dazu beigetragen, dass ich von Pulp Fiction visuell unbeeindruckt
war. In Death Proof beschränkt sich das aber auf die Aufnahmestruktur, während
der ganze andere Scheiss völlig verändert wurde. Die Leute tragen komplett
andere Klamotten, die Frisuren sind weit besser gelungen, und die Einrichtungen
sehen auch nicht so aus, als wäre Rip Torn nach seiner Banktournee noch
besoffen in das Haus von den Aussenseitern eingebrochen. Und Death Proof hat
einen weiteren, entscheidenden Vorteil: Er spielt zum großen Teil nachts. Das
verbessert die Filmoptik noch einmal erheblich. Feststellbar ist dieser Effekt
am Vergleich der beiden Filmhälften: Die zweite Hälfte spielt komplett
tagsüber, und die finde ich nicht ganz so gut wie die erste Hälfte.
Das nur so zur visuellen Abgrenzung gegenüber dem Schaffen
Tarantinos aus den Neunzigern. Jetzt der Sound von Death Proof. Von allen
Soundtracks zu Tarantinos Schaffen ist dies derjenige, den ich am meisten mag.
Ich habe ihn auf meinem Telefon und er reist in meinem CD-Case mit als
Standard-Musik. In diesem finden sich ansonsten noch Third von Portishead,
Black Sunday von Cypress Hill und irgendeine Linkin Park-Platte. Die Jukebox
von Master Q, die in der ersten Hälfte verwendet wurde, macht also einen
exzellenten Job. Darüber hinaus klingt alles auch so, als wäre es damals vor
mehreren Jahrzehnten zusammengemischt worden und nicht mit Methoden der 90er
abgespielt. Der leicht angekratzte Vinyl-Klang ist echt. Beisteuernd wirken
dabei die eingeflochtenen Filmfehler. (Damit sind Materialfehler am
Wiedergabemedium gemeint, nicht etwa Logiklücken.) Die fehlenden oder an
manchen Stellen auch gedoppelten Frames werden passend akustisch untermalt, als
würde das alles tatsächlich aus einem alten Projektor herauskommen.
Ein US-Film mit einem der bekanntesten US-Bundesstaaten, der
auch noch für ein bisschen Konservativität berüchtigt ist, kommt nicht ohne die
entsprechende Fahrzeugausstaffierung aus. Wenn jeder einen lahmen, importierten
Reiskocher fahren würde oder einen frontgetriebenen Lutscher, der um 1990 herum
gebaut wurde, dann hat man sich verdammt noch mal im nördlichen Teil des
Mittleren Westens zu befinden (also dort, wo Fargo spielt) oder irgendwie so.
Im Süden hat man voluminöse Ware aus Detroit zu bewegen. Dass die ersten Mädels
in einem Honda Civic unterwegs sind, ist nichtsdestotrotz gut, denn in diesem
Fall ist das realistisch. Einige meiner Bekannten und insbesondere Bekanntinnen
sind derzeit in kompakter Ware nach diesem Baumuster unterwegs, weil sie sich
nichts Anderes leisten können. Im Film hätte man vielleicht auf etwas wie den
Chevrolet Cobalt zurückgreifen können, aber das widerspräche dem abgerockten
Charakter des Films. Außerdem spielt die Crashsicherheit des Fahrzeuges dieser
Charaktere bzw. die Nichtvorhandenheit derselben später im Film noch eine
Rolle. Ebenso wäre so ein Fahrzeug zu, naja, modern für diesen Film. Man kann zwar
auch aus einem modernen Fahrzeug etwas Abgerocktes machen, ich denke da zum
Beispiel an diverse VWs aus heutigen Zeiten, die beim Tuning viele Elemente von
früheren Generationen übernehmen (also von den Luftgekühlten) und das Ganze
noch mit Rat-Look würzen. Aber im Endeffekt wäre es wegen der modernen Basis zu
stylisch, und das passt bei Tarantino nicht rein. Daher ist der Civic in dem
Fall eine gute Wahl.
Die beiden Fahrzeuge von Dodge waren da schon bekanntere
Kaliber. Der 69er Charger von Stuntman Mike aus der zweiten Hälfte zählt zum
Bekanntesten, was die nordamerikanischen Sportwagenabteilungen zu bieten haben,
und dass der weiße Challenger ein direktes Zitat aus Fluchtpunkt San Francisco
ist, sollte jedem aufgefallen sein, der den Film aufmerksam verfolgt hat. Der
72er Mustang hat hingegen ein paar Worte mehr verdient: Es ist vielleicht ein
Mustang, aber keiner von denen, die man so kennt. Stattdessen wird hier
nochmals zitiert. Ein solches Fahrzeug kam in einem Film aus den 70ern vor. Der
Film heißt in Deutschland „Die Blechpiraten“, im englischen Original trägt er
den Titel „Gone in Sixty Seconds“. Damit dient er als Vorlage für das Remake,
welches in Death Proof ebenso erwähnt wird (mit dem liebevollen Ausdruck
„Angelina-Jolie-Bullshit“). Nicolas Cage wird ebenso kurz erwähnt, als die
Mädels sagen, dass am Set alle wie Doubles aussehen (einer sieht aus wie Nick
Cage). Weiter im Text. Auch in „Die Blechpiraten“ kommt der Mustang vor, und er
hat auch dort wie im Remake den Namen Eleanor. Und damit nicht genug: Beim
Mustang geht es noch weiter. Wer genau hinsieht, wird am Heck des Wagens einen
ganz kleinen Pussy Wagon-Aufkleber sehen. Angesichts dieser Tatsache wird auch
die rote Lederausstattung des Mustangs leichter verständlich, denn der große
Pussy Wagon aus Kill Bill (ein Chevrolet C-2500) hatte auch rotes Leder. Hier
haben wir es also mit einem direkten Tarantino-Zitat zu tun. Passend dazu
unterlegt der Handy-Klingelton die Szene musikalisch, denn das ist Twisted
Nerve, auch genannt das Rumgepfeife, und das wurde in Kill Bill an dem
Handlungsort gespielt, an welchem sich die Braut des Pussy Wagons bemächtigt.
Und jetzt sag ich mal was über die Handlung und ihre
Umsetzung.
Auch wenn der Film spürbar in zwei Hälften geteilt ist,
ergibt sich ein Kontinuum. Stuntman Mike führt einen Anschlag gegen eine Gruppe
von Frauen durch, später macht Stuntman Mike das wieder. Das Setting ist ein
anderes, aber das Prinzip wird beibehalten. Im Bereich des Settings sind dann
aber größere Unterschiede anzutreffen. Das Offensichtliche: Die zweite Hälfte
spielt komplett am Tag. Die erste findet überwiegend in der Nacht statt. Der
Urbanisierungsgrad ist ein anderer; der erste Teil lief, abgesehen von der
Landstraße, vollständig innerhalb der Stad ab, im zweiten Teil hingegen sieht
man nicht so viele Gebäude, und die Gebäudedichte erreicht nie den Wert aus der
ersten Hälfte. Dazu passend wird der Ort in der Handlung komplett gewechselt;
im ersten Teil war es, wie schon erwähnt, Austin, also eine freiheitlich
orientierte Stadt mit texanischem Flair, und ich kann mir keinen anderen Ort
vorstellen, an dem das alles funktioniert hätte, daher wird der Ort gewählt
worden sein. Die zweite Hälfte findet in Tennessee statt, weil das der Staat
ist, aus dem Tarantino herkommt, und die Schundfilme, denen hier ein Denkmal
gesetzt wird, hat er als junger Bub zu schätzen gelernt, und das reicht jetzt
auch als Begründung. Im Kern ist es dann der etwas unterschiedliche Charakter
der jeweiligen Frauen, der all dem die Krone aufsetzt: Die zweite Gruppe
verhält sich irgendwie eher wie Männer. Im Gesamtbild, der Charakter von Mary
Elisabeth Winstead (Lee) sticht da heraus. Entsprechend machen sie eher das,
was Männer halt so machen. Die erste Frauengruppe entspricht da mehr den auf
Bars umgemünzten Partygängern. Ich weiß nicht, wie ich den Sachverhalt
beschreiben soll, aber ich kann mir den Unterschied gut vorstellen. Unterstreichend
wirkt dabei die Fahrzeugwahl, die wir schon auseinandergenommen haben: Nur eine
entsprechend charakterisierte Figur würde einen mehrere Jahrzehnte alten
Mustang im realen Leben fahren, denn an der Karre wird man mit der Ausstattung
garantiert noch selber herumfummeln. Anstatt sie in die Werkstatt eiern zu
lassen, wie es bei einem serienmäßigen Civic der Fall wäre. Hinweisen möchte
ich an dieser Stelle auf die Länge der Beinbekleidung der beiden Gruppen: Die
ersten tragen im Schnitt deutlich kürzere Hosen. Butterfly trägt Hotpants, bei
Jungle Julia weiß ich es nicht mehr so genau, aber sie trug auch kurz. Der
Charakter von Rose McGowan hatte zwar lange Hosen an, aber ihre Zurechnung zu
dieser Gruppe bleibt, öhm, antastbar. Im Gegensatz dazu haben Kim und Zoë lange Jeans an, und obgleich Lee und
Abernathy Röcke tragen, sind diese allemal länger als die Hotpants aus dem
ersten Teil. Und jetzt weiß ich ein bisschen besser, wie ich den Unterschied
zwischen den beiden Gruppen beschreiben kann: Die erste Gruppe ist ein bisschen
eher darauf aus, Typen abzuschleppen. Oder irgendeine Vorstufe davon. Wohingegen
das Thema bei der zweiten Gruppe vollkommen separat behandelt wird. Ja, ich
denke, so kann man das sagen.
Das Verhalten von
Stuntman Mike. Stuntman Mike hat in der ersten Hälfte überwiegend seine
hellblaue Jacke an, in Anlehnung an die äußeren Temperaturen und daran, dass
hier der Stuntfahrer-Punkt stärker durchklingt. Im zweiten Teil trägt er
lediglich ein schwarzes T-Shirt, und das nicht nur, weil es wärmer ist, sondern
auch, weil er dort nicht mehr den Charakter eines Stuntfahrers hat, sondern den
eines normalen Muscle Car-Fans, der einfach seine Karre einzig und allein für
den Rennbetrieb umbaut (und nicht auf die speziellen Bedürfnisse einer
Stuntfahrt im Film auslegt). Man beachte an dieser Stelle auch die Jacke des
Hauptcharakters aus Drive, gespielt von Ryan Gosling, den ich immer den Sohn
von Christoph Waltz nenne.
Außerdem begibt
sich Stuntman Mike in der ersten Hälfte deutlich stärker in die Nähe der
weiblichen Charaktere, obwohl sich die reinen Zeiten gar nicht mal so sehr
unterscheiden. In der ersten Hälfte beobachtet Mike die Mädels zuerst aus
seinem vorbeifahrenden Auto heraus, danach noch einmal, als sie die erste Bar
verlassen und er seine Augentropfen nimmt, und danach verbringt er seine Zeit
mit ihnen. Im zweiten Teil steht er mit seiner Karre auf dem gleichen
Parkplatz, und dann sieht man ihn im Diner mit den anderen vier Ladies sitzen,
wobei er da nur im Hintergrund ist, und zwar so unauffällig, dass ich ihn gar
nicht ohne eigenes Zutun bemerkt habe. Und dann sieht man ihn wieder, wie er
seine Zeit mit den Mädels verbringt.
Der Unterschied:
Bei der zweiten Gruppe überspringt er den üblichen Kennenlern-Teil und geht
gleich zur Action über, dafür dauert die dann auch länger. Während er sich bei
den ersten Mädels darauf beschränkte, den Charakter von Rose McGowan zu
erschrecken (und rasch umzubringen) und dann einen naturgemäß rasch ablaufenden
Verkehrsunfall zu provozieren (bzw. eine Kollision, wenn man den Worten von
Nicholas Angel aus Hot Fuzz folgen will), besteht das Äquivalent bei den zweiten
Mädels gleich mal aus zwei kompletten Verfolgungsjagden und einer längeren
Verklopp-Aktion. Dort zeigt er sich den Mädels auch länger innerhalb der Action,
sie sehen direkt, wer der Verursacher für ihr Unglück ist, was bei den ersten
nicht der Fall war. So gesehen, hat Stuntman Mike bei den zweiten Mädels quasi
die Kennenlern-Phase und die Action kombiniert. Damit wissen die zweiten Mädels
im Unterschied zu den ersten solchen von Anfang an, wie sie ihn einzuschätzen
haben, und bedenkt man, dass sie näher an Männer-Verhalten dran sind als die
ersten Mädels, fällt von allein der Schluss, dass er sich hier mit den falschen
Leuten angelegt hat.
Ich möchte noch ein
paar Worte zu einzelnen Momenten verlieren. Da wäre einmal das verschmitzte
Grinsen von Stuntman Mike in dem Moment, in welchem er in seinen Chevy Nova
einsteigt. Damit durchbricht er für einen kleinen Moment die vierte Wand, als
wolle er uns sagen: „Ihr wisst doch ganz genau, was jetzt kommt. Ich bringe sie
um.“ Aber es war nur ein ganz kleiner Moment, und so wirkt er nicht unpassend,
sondern eben verschmitzt.
Dann wäre da noch
der Lapdance. Stuntman Mike ist derjenige, der von allen Leuten in Austin den
im Radio von Jungle Julia versprochenen Lapdance von Butterfly einfordert und
erhält. Als ich Death Proof das erste Mal sah, war ich von dieser Szene sehr
irritiert, was zum größten Teil mit meinem damaligen emotionalen Zustand
zusammenhing. Das Gleiche trifft auch auf die Entsprechungen am Anfang von
Planet Terror und in der Mitte von From Dusk till Dawn zu (beide von Robert
Rodriguez und in beiden spielt Tarantino mit). Inzwischen hat sich das Bild
etwas geändert: Sowohl bei From Dusk till Dawn als auch bei Planet Terror fällt
es mir mittlerweile ein gutes Stück schwerer, mich auf irgendwas Anderes zu
konzentrieren, und auch mein Eindruck von Butterflys Lapdance hat sich
verbessert. Allerdings bei weitem nicht auf das Niveau der Tänze, die von
Rodriguez in Szene gesetzt wurden. Das mag garantiert am leicht unterschiedlichen
physischen Appeal von Rose McGowan, Salma Hayek und Vanessa Ferlito liegen,
wobei letztere in Death Proof ja auch irgendwie bewusst trashiger daherkommt.
Und ich kann Hotpants einfach nicht wirklich was abgewinnen. Zusammen mit ein
paar anderen Details, die hier unerwähnt bleiben können, ergibt sich daraus ein
abturnendes Moment.
Das Thema werde ich
ein bisschen ausführlicher in einem separaten Artikel behandeln, der dann hier verlinkt ist.
Notiz vom 6.3.2013: Nein, werde ich nicht. Ich hab das Interesse an einem solchen Artikel verloren. Selbst wenn ich die Inhalte wieder aus der Mottenkiste hole, würde ein solcher Text nichts Neues bieten.
Notiz vom 6.3.2013: Nein, werde ich nicht. Ich hab das Interesse an einem solchen Artikel verloren. Selbst wenn ich die Inhalte wieder aus der Mottenkiste hole, würde ein solcher Text nichts Neues bieten.
Und auf eine Szene
weise ich noch hin, die hat mir besonders gut gefallen. Und zwar ist das der
schwarzweiße Teil kurz nach der Halbzeit.
Im Grunde genommen
war das jetzt alles. Es gibt noch zehntausend andere erwähnenswerte Momente,
aber würde man die alle aufschreiben, könnte man auch gleich das ganze
verdammte Drehbuch online stellen. Die erste Hälfte von Death Proof finde ich
richtig klasse, die zweite, naja, bei mehreren Wiederholungen kann ich mich
damit auch gut anfreunden, da hier die Dialogorientiertheit ein größeres
Gewicht hat. Die Verfolgungsjagd war jetzt nicht ganz der Knaller, den ich
erwartet hab, und nur der Umstand, dass sie am Ende des Films steht, kann
meinen Eindruck trüben. Aus diesem Grund kann Death Proof auch nicht ganz nach
oben auf diese Liste gelangen, nichtsdestotrotz ist es ein starker Film.
Zweithöchster Rang auf meiner Hitliste der Filme von Quentin Tarantino.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen