Platz 5 von 6: Pulp Fiction
(Und weshalb muss ich vor Spoilern warnen.)
Mit diesem Statement werde ich viel Unverständnis ernten.
„Wie kannst du nur dem unter Cineasten beliebtesten Tarantino-Film ein so
niedriges Ranking geben?“ In der Tat ist es ungewöhnlich, dass ein sonst viel
beachtetes Werk bei mir nur einen Platz über dem generellen Verlierer in
Tarantino-Listen landet, nämlich Jackie Brown. Wer eine kurze Zusammenfassung
will: Die Vorzüge des Films erschließen sich mir nicht so recht, dafür hat er
Nachteile, die aus meiner Sicht gravierend sind. Und die Nachteile sind in
erster Linie optischer Natur.
In einigen Texten kam es bereits zum Ausdruck, zuletzt in
der Review zu Reservoir Dogs. Ich finde die Optik von Filmen aus der ersten
Hälfte der 90er, auch einige aus den 80ern, einfach grauenhaft. Wo fange ich
bei der Schilderung nur an? Ich würde sagen, bei den Personen. Über die
Klamotten aus der Zeit braucht man nichts zu sagen, und wenigstens hält sich
Pulp Fiction bei den Hauptfiguren an der Stelle zurück. Würde das mal auch auf
die Frisuren zutreffen. Die Haartrachten von John Travolta und Uma Thurman
stehen beiden nicht. Bei Uma Thurman ergibt sich noch dazu ein ungünstiges
Gesamtbild mit der Bluse. Travolta hat immerhin noch seinen Anzug an. Und dass
Samuel L. Jackson diese Riesenmatte nötig hat, will ich bestreiten.
Weitaus gravierender aber finde ich das Bild an sich. Es ist
nicht gut auskontrastiert, das Farbschema ist dissonant, und die Optik ist ein
bisschen matschig, wobei das dem Aufnahmemedium geschuldet sein könnte. Die
Werke von David Lynch haben das Problem ebenfalls, das heißt selbst wenn seine
Mindfucks einen Sinn hätten, würde ich meine Augen beleidigen, wenn ich danach
suche. Zurück zu Pulp Fiction. Hinzu kommt noch eine Sache, nämlich der Ton.
Die Geräusche sind mir zu schmatzig. Das ist nicht nur in der deutschen Synchro
so, sondern auch im Originalton. Zwar habe ich nicht den kompletten Film auf
Englisch gesehen, es waren ein paar Szenen und der Trailer, aber das hat mir
genügt.
Beim Bild habe ich aber eine Idee, wie man das so
modifizieren kann, dass ich es grandios finde. Wenn ich den Film das nächste
Mal sehe, stelle ich das Bild einfach auf schwarz-weiß. Wenn man dann noch den
Kontrast hochdreht, sieht es ungefähr so aus wie die SW-Bilder auf imdb, und
das ist nun wirklich deutlich besser und gefällt mir wiederum. Außerdem
verfolgt Sin City einen ähnlichen Aufbau, hat Schauspieler aus der gleichen
Gruppe, ist stilistisch auch sonst ähnlich (weil Rodriguez), ist ein
Schwarzweißfilm und gefällt mir extrem. Insofern glaube ich, dass die
Kolorierung einen Einfluss haben kann.
Anderer Mehr-oder-weniger-Pluspunkt: der Soundtrack.
Wenngleich es meiner Meinung nach bessere Tarantino-Soundtracks gibt, so ist
dieser dennoch nicht zu verachten. Sahnestücke sind die Eröffnungsmelodie, die
seitdem geradezu ikonisch ist, dann noch Son of a Preacher Man, bei welchem ich
es nicht vermeiden kann, immer an bestimmten Stellen „Hits from the Bong“ zu
sagen, und der Titel von Kool and the Gang. Andererseits bleibt festzustellen,
dass zum Teil Musik drauf ist, mit der ich einfach nicht aufgewachsen bin.
Chuck Berry ist so ein Beispiel. Mag sein, dass er eine lebende Legende ist und
seine Musik großen Einfluss auf andere Musiker hatte und immer noch hat, aber
ich kenne das schlicht nicht.
Wo wir gerade bei Chuck Berry sind: Manche Szenen im Film
sind so merkwürdig, dass ich damit nichts anfangen kann. Die Szene, in der John
Travolta und Uma Thurman zur Musik von angesprochenem Chuck Berry tanzen, ist
so ein Fall. Der Tanzstil der beiden befindet sich an einem Punkt, an dem ich
nicht sagen kann, ob das jetzt gut oder schlecht war und in welcher Qualität,
also z.B. ob jetzt gut oder besonders gut. Kann auch damit zusammenhängen, dass
ich keinen Draht zum Tanzen habe. (Programmhinweis: Das alles trifft auch auf
eine Tanzszene aus dem Film RocknRolla zu.) Eine andere seltsame Szene: die Uhr
und Christopher Walken. Er war ein Kamerad vom Vater von Butch (gespielt von
Bruce Willis) und hat in seinem Auftrag eine Armbanduhr aufbewahrt. In seinem
Arsch. Angeblich soll das eine total abgefahrene Szene sein, ich find das
einfach bescheuert. Ich hätte die Uhr einfach ausgeschlagen, denn wer will
schon eine Uhr, die im Hintern tickte. Von mehreren Leuten. Die. Szene. Ist.
Dämlich.
Wie hätte man das alles besser machen können? Seht ein Jahr
später nach. 1995 spielte John Travolta in Schnappt Shorty mit. Diesen Film
finde ich sehr gut. Wenn Pulp Fiction so aussehen und sich so anhören würde wie
Schnappt Shorty, würde ich Pulp Fiction garantiert besser finden. Witzigerweise
sollte Tarantino zuerst Regie führen und hat im Endeffekt Travolta dazu
ermutigt, die Hauptrolle zu übernehmen. Das Drehbuch zu Schnappt Shorty basiert
auf einem Roman von einem Autor, der einen weiteren Roman geschrieben hat, der
dann von Tarantino verfilmt wurde, als Jackie Brown. Huh.
Ich bin froh, dass Schnappt Shorty dann doch von Barry
Sonnenfeld gedreht wurde. Wie Tarantino das gemacht hätte, haben wir vorher bei
Pulp Fiction und nachher bei Jackie Brown gesehen. So haben wir eine größere
Vielfalt, und jeder kann sich das raussuchen, was ihm gefällt. Und ich will ja
nicht nur über Pulp Fiction meckern. Hätte ich das Bedürfnis dazu, würde sich
der Film auf dem letzten Platz wiederfinden. Ich kann an einen Streifen auch
analytisch herangehen, zumindest, wenn ich ihn nicht gerade eben erst sah. So
ist die nonlineare Konstruktion ein nettes Merkmal. Schnappt Shorty wiederum
kann damit nicht vorfahren. Und die letzte Szene hat schon irgendwie etwas. Die
zwei Leute vom Anfang rauben das Diner aus und die zwei Profis schaffen es, die
Lage zu entschärfen. Mir gefiel insbesondere, wie der Charakter von Samuel L.
Jackson sein Bibelzitat in der Betonung so umändert, dass er daraus nicht den
Anspruch ableitet, sein Gegenüber erschießen zu müssen.
Nichtsdestotrotz bleibt es schade, dass ich Pulp Fiction
einen derart geringen Wert beimesse. Ich will den Film mögen, aber ich bin
derzeit außerstande, das zu tun.
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