Platz 4 von 6: Reservoir Dogs
Die nachfolgende Review ist für Zuschauer, die Reservoir Dogs noch sehen wollen, nicht geeignet.
Knapp unter der Hälfte landet bei mir Tarantinos offizieller
Erstling Reservoir Dogs. Sein eigentlicher Vorgänger, My Best Friend’s Birthday,
verbrannte zum Teil im Schneideraum, heute sind die erhaltenen Segmente im
Internet verfügbar. Und selbst wenn ich den Film berücksichtigen müsste, so
würde er dennoch nicht in der Liste auftauchen, da er knapp an der
40-Minuten-Marke scheitert und damit für die Academy, also diejenigen, die die
Oscars verleihen, ein Kurzfilm und kein Spielfilm ist.
Ich muss zunächst einmal eingestehen, dass ich Reservoir
Dogs bisher nur einmal vollständig gesehen habe und mich daher nicht so
hundertprozentig an den zweiten Teil des Films erinnern kann. Leider Gottes
fiel es mir während des Ansehens auch nicht auf, dass die zentrale Szene
bewusst weggelassen wurde, was ich im Nachhinein, also beim Lesen der
Wikipedia-Seite, für einen interessanten Zug halte. Sechs Leute im schwarzen
Anzug und noch zwei weitere Typen, der Auftraggeber und sein Sohn, wollen einen
Diamantenraub abziehen, der Raub schlägt fehl, die Jungs ziehen sich zurück. Am
vorher vereinbarten Ort spielt sich fast der ganze Film ab. Es kommt eine
Vermutung auf, dass einer der Mannschaft ein Verräter ist, ein Polizeispitzel,
der etwas hat durchsickern lassen, so dass die Gesetzeshüter bereits versammelt
am Start waren und so der Raub schiefging. Dieser Verräter soll nun ausfindig
gemacht werden, es sind aber fast nie alle gleichzeitig an diesem Ort.
In der ersten Szene befinden sich die Personen in einem
Diner und frühstücken. Diese Sequenz dient der Einführung aller Charaktere. Mr.
Pink, gespielt von Steve Buscemi, sticht schon an dieser Stelle hinaus, und er ist
im Film auch mein Lieblingscharakter. Er hat eine Meinung, die er begründen und
auch gegen andere vorbringen und verteidigen kann, sieht aber ein, ab welchem
Punkt dies keinen Sinn mehr ergibt. Mr. Blondes Einstellung steht hier auch
bereits: Er ist ein Sonnyboy, dem das Töten anderer aber nicht wirklich etwas
auszumachen scheint, im Gegenteil genießt er es. Er könnte, abgesehen von dem
Anzug, ebenso gut in Gangs of New York dabei sein. Über Mr. Brown erfahren wir
ein bisschen etwas, aber zu wenig, um daraus ein Bild zu konstruieren. Müssen
wir auch nicht, denn der Charakter stirbt früh innerhalb der Handlung. Das
dürfte eine Arbeitsentscheidung gewesen sein, denn der Charakter wird von
Tarantino selbst gespielt, und damit er seinen Kopf frei hat, um Regie zu
führen, reduziert er seine Auftritte auf ein Minimum. Ähnliches gilt für Mr.
Blue, der lange Zeit vermisst wird. Mr. Orange hält sich in der Eröffnung noch
zurück. Mr. White ist von den Anzugträgern einer der Ältesten. Damit hat er
recht viel Erfahrung im Geschäft und scheint wegen der Zeit, in der er damit
angefangen hat, dem Loyalitätsgedanken anzuhängen. Das nimmt ihm im Gegenzug
wiederum einen Teil der Urteilsfähigkeit und dem kritischen Überdenken der
Lage. Ob das eine unterbewusste Sache ist oder ob er das macht, um Arbeit
abzuwälzen und sich damit nicht allzu viele Gedanken machen muss (getreu dem
Motto: „Mein Partner wird es schon richten, ich stehe hinter seiner
Entscheidung“), kann ich hier nicht beantworten. Neben Mr. Pink ist er eine der
wichtigen Figuren, denn seine Denkart zwingt ihn später in eine Entscheidung.
Wie schon erwähnt, sieht man den eigentlichen Raub nicht.
Man sieht die Dinerszene und ich glaube, mich an einige Vorbereitungen in der
ersten Phase des Films zu erinnern, aber rasch kommt der plötzliche Einstieg in
die Nachraub-Phase. Mr. White fährt den Wagen, Mr. Orange liegt mit einem
Rumpfschuss schwer verletzt im Fond. Sie fahren zum vereinbarten Versteck.
Orange liegt dann auf einer Anhöhe und White und Pink überdenken die aktuelle
Lage. Der Raub ist schiefgegangen, überall wimmelt es von Bullen, und das
Versteck scheint ob des Verräters auch nicht mehr sicher zu sein. Der Abschnitt
ist mein Liebling, er reicht bis zu dem Zeitpunkt, an welchem sich der Verräter
offenbart. Angelegt wie ein Kammerspiel, fast schon wie ein griechisches Drama,
eignet es sich gut, weshalb ein gewisser Nachteil hier nicht greift. Dazu
später mehr.
White und Pink unterhalten sich nun, wie es weitergehen
soll. Es war vereinbart, dass alle an diesen Ort kommen, Pink glaub nicht, dass
das geschehen wird. Stattdessen will er wissen, wer der mögliche Verräter ist.
White hingegen ist dem Loyalitätsgeist verpflichtet und will bleiben, weil es
so angeordnet wurde. Das ist im Ansatz ein Fehler, denn der Auftraggeber wirkt
nicht gerade wie jemand, der alles bis ins Letzte durchdacht hat. Er kommt eher
wie ein klassischer Vorgesetzter daher: Was er anordnet, wird gemacht, und wer
sich widersetzt, wird eingenordet. Daran sieht man den Konflikt zwischen alter
Schule und neuer Schule: White ist loyal, Pink ist kalt-sachlich. Dabei
bewahrheitet sich Pinks Einstellung sich selbst gegenüber: Er handelt wie ein
Profi. Es geht hier darum, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, und da man sich
nicht darauf verlassen kann, dass das andere übernehmen, muss man das selber in
die Hand nehmen. Und erst einmal klären, wer vertrauenswürdig ist. Das schließt
auch den soeben eingetroffenen Blonde ein, der mit seiner Schießwütigkeit für
das ganze Drama verantwortlich ist. Pink schafft es dabei, seine Emotionen aus
dem Spiel zu lassen und genau das zu sagen, was in exakt dem Moment gesagt
werden muss. Mit der Vorgehensweise von Blonde beim Überfall ist er, wie White
auch, zwar ganz und gar nicht einverstanden, aber da es gerade nicht darum
geht, hält er ihm das auch nicht vor und räumt ihm sogar volles Vertrauen ein.
Das wirkt auf den ersten Blick kontraintuitiv, ist aber im Detail richtig:
Jemand wie Blonde kann unmöglich der Verräter sein, da ein solcher Revolverheld
niemals von der Polizei engagiert werden würde. Diese kühle, aber treffende
Strenge, die Pink draufhat, ermöglicht es ihm auch, im vorhergehenden Shot
seine schon visuell angekündigte unterlegene Position in eine überlegene
umzumünzen: White rempelt Pink um, zieht seine Waffe auf Pink, dieser tut es
ihm auf dem Rücken liegend gleich. Obgleich Pink derjenige ist, der am Boden
liegt, wirkt seine verbale Aggressivität als etwas deutlich Effektiveres als
eine Defensive. Er kann also auch seinen körperlichen Nachteil ausgleichen (er
bricht sich später beinahe die Hand, als er einem Gegenspieler eine reinhauen
will).
Dermaßen von Pink beeindruckt, zeigt Blonde den beiden
anderen Anzugträgern, was er gefunden hat, nämlich einen Polizisten, der
gefesselt in seinem Kofferraum liegt. Der eignet sich prima zum Aushorchen,
will aber nicht singen und bleibt selbst unter heftiger Folter standhaft bei
seiner Rolle als Unschuldslamm. Blonde soll auf ihn aufpassen, während die
beiden Anderen die Autos wegfahren und somit das Versteck ein bisschen sicherer
machen. Beginn der bekanntesten Szene: Mr. Blonde hat nicht vor, den Typen
auszuhorchen. Vielmehr will er endlich mal wieder jemanden nach allen Regeln
der Kunst zerstören und seinen Spaß dabei haben. Diese Szene ist wahrscheinlich
auch zu einem gewichtigen Teil für die FSK-18-Freigabe verantwortlich. Ob die
Musik von Stealers Wheel das Ganze komischer oder noch schlimmer macht,
variiert wohl von Sichtung zu Sichtung. Wie ich schon sagte, Mr. Blonde könnte
ebenso in Gangs of New York am Start sein.
Mr. Orange ist der einzige, der noch vor Ort liegt. Seine
Tätigkeiten offenbaren ihn als den vermuteten Spitzel. Im Gespräch mit dem
Polizisten wird klar, dass der Polizist weit nicht so unwissend ist, wie er
behauptete. Dass Mr. Orange der Verräter sei, wurde von Mr. White
ausgeschlossen, weil Orange ein sehr rotes Loch im Bauch hat. Der
Loyalitätsgedanke lässt Orange also in den Hintergrund treten, aber nun wird
das alles schlüssig. Orange hat sich bisher immer zurückgehalten, gibt also
nicht viel von sich preis, als habe er was zu verstecken. Orange wollte den
Klarnamen von White wissen. Er verpackte das so gut, dass White das beinahe
getan hätte, aber nun sieht man, dass es eindeutig zum Verrat dienlich war. Und
wo wir gerade beim Thema sind: Wir wissen immer noch nix über Orange, können
wir das nicht mal ändern? So schließt sich eine Charakterisierung Oranges an.
Ab diesem Zeitpunkt setzt mein Gedächtnis aus, ich erinnere
mich noch an eine Schießerei direkt in der Nachraub-Phase, als einige Leute versuchen,
zu entkommen, und man sieht die Ursache für das Sodbrennen von Orange, nämlich
ein Unfall. Die Dame konnte ja nicht wissen, dass er ein Undercover-Cop ist,
und da er gerade in ihrer Schusslinie stand, braucht er jetzt ein gutes
Gastroskop. Damit wird die letzte Variable in der Verräterrolle von Orange
ausgeräumt: Wenn er als Undercover-Cop die Bande aufmischen wollte, wieso ist
er dann so schwer verletzt (ohne dass seine Tarnung aufflog)? Antwort: Es war
eine Art Unfall. Unfälle passieren. Es passierte also nicht, weil Orange sich
für die anderen Jungs eingesetzt hätte.
Noch etwas: Ich bin kein besonders großer Fan der
allgemeinen Filmoptik aus der ersten Hälfte der 90er. Filme aus dieser Zeit
haben es bei mir schwer. Das sieht man sehr gut an True Romance, der, neben
anderen Problemen, auch an dieser unsäglichen Optik krankt. Und damit nicht
genug: GoodFellas, Leon der Profi, Terminator 2 und Fargo sind ebenfalls von
dem Problem betroffen. Ausnahmen, also Filme, die ich trotz der Entstehungszeit
aus der ersten 90er-Hälfte gut finde, gibt es dennoch. Als da angeführt werden
können: Kevin allein zu Haus (Musterbeispiel), Und täglich grüßt das Murmeltier
oder diverse animierte Filme. Da Reservoir Dogs aus dem Jahr 1992 stammt,
gehört er prinzipiell auch zum Kreis der Verdächtigen. Und in der Tat sieht man
dem Film seine Entstehungsepoche deutlich an. Aber Reservoir Dogs hat bei mir
gegenüber den vielen anderen Filmen aus dieser Zeit einen bedeutenden Vorteil:
Der größte Teil der Handlung spielt an einem einzigen Ort. Und je weniger Orte
man zeigt, umso weniger Gelegenheiten hat man, die Optik zu vermurksen. Da man
fast nur diese eine Halle hat und die recht gut im Bild aussieht (zumindest für
diese Zeit), greift dieses negative Kriterium nicht in dem Maße, in dem es
sonst greifen könnte. Dazu als Dekoration noch die zeitlose Kleidung der
meisten Charaktere (schwarzer Anzug und weißes Hemd) und die nicht so schöne
Optik der ersten 90er-Hälfte ist größtenteils entfernt. Aus diesem Grund ist
dieser Platz vier auch näher an Platz drei als an Platz fünf.
Was bleibt noch? Okay, es ist trotz der guten Arbeit keine
allzu hohe Platzierung in diesem Ranking. Das liegt aber in erster Linie daran,
dass die höher platzierten Plätze einfach noch ein wenig besser sind. Und
dafür, dass es der erste veröffentlichte Film eines Regisseurs ist, gibt es echt
nicht viel zu meckern. Es ist wie bei diesem Apfelsaft, den ich mir immer
kaufe: Er schmeckt sehr gut, und bedenkt man, dass er gerade mal 75 Cent
kostet, schmeckt er gleich nochmal besser.
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