Mittwoch, 30. Januar 2013

Todsicher



Platz 2 von 6: Death Proof

Die oberste Blogleitung sieht sich aus aktuellem Anlass dazu berechtigt, auf Spoiler im Artikel hinzuweisen. Wer Death Proof noch nicht kennt, sollte vorerst vom Lesen dieses Artikels absehen. Vorerst, wohlgemerkt.


Im Jahr 2007 erschien ein Double Feature von Robert Rodriguez und Quentin Tarantino mit dem Namen „Grindhouse“. Rodriguez drehte dafür einen Film mit dem Titel „Planet Terror“, Tarantino steuerte seine Hälfte unter der Bezeichnung „Death Proof“ bei. Da es außerhalb der USA fast keine Double Feature-Gemeinschaft gab, wurden die beiden Filme separat vermarktet, so dass man die Verzahnung zuerst suchen muss. Denn die Genres der beiden Filme sind doch verschieden. Gemeinsam haben sie den gezielt herbeigeführten Schmuddel-Look.


 

Eigentlich dürfte ich Death Proof nicht mögen, zumindest nicht so sehr, wie ich es tatsächlich tue. Wer den Pulp Fiction-Eintrag gelesen hat, erinnert sich an mein Gemeckere über die Filmoptik. Bei Jackie Brown trat das ebenso zu Tage. Und bei Death Proof findet man das theoretisch auch: Das Bild ist von gleicher Körnigkeit, und das hat dazu beigetragen, dass ich von Pulp Fiction visuell unbeeindruckt war. In Death Proof beschränkt sich das aber auf die Aufnahmestruktur, während der ganze andere Scheiss völlig verändert wurde. Die Leute tragen komplett andere Klamotten, die Frisuren sind weit besser gelungen, und die Einrichtungen sehen auch nicht so aus, als wäre Rip Torn nach seiner Banktournee noch besoffen in das Haus von den Aussenseitern eingebrochen. Und Death Proof hat einen weiteren, entscheidenden Vorteil: Er spielt zum großen Teil nachts. Das verbessert die Filmoptik noch einmal erheblich. Feststellbar ist dieser Effekt am Vergleich der beiden Filmhälften: Die zweite Hälfte spielt komplett tagsüber, und die finde ich nicht ganz so gut wie die erste Hälfte.

Das nur so zur visuellen Abgrenzung gegenüber dem Schaffen Tarantinos aus den Neunzigern. Jetzt der Sound von Death Proof. Von allen Soundtracks zu Tarantinos Schaffen ist dies derjenige, den ich am meisten mag. Ich habe ihn auf meinem Telefon und er reist in meinem CD-Case mit als Standard-Musik. In diesem finden sich ansonsten noch Third von Portishead, Black Sunday von Cypress Hill und irgendeine Linkin Park-Platte. Die Jukebox von Master Q, die in der ersten Hälfte verwendet wurde, macht also einen exzellenten Job. Darüber hinaus klingt alles auch so, als wäre es damals vor mehreren Jahrzehnten zusammengemischt worden und nicht mit Methoden der 90er abgespielt. Der leicht angekratzte Vinyl-Klang ist echt. Beisteuernd wirken dabei die eingeflochtenen Filmfehler. (Damit sind Materialfehler am Wiedergabemedium gemeint, nicht etwa Logiklücken.) Die fehlenden oder an manchen Stellen auch gedoppelten Frames werden passend akustisch untermalt, als würde das alles tatsächlich aus einem alten Projektor herauskommen.

Eine ebenso bedeutsame Stärke, die der Abgrenzung gegen die 90er dient: das Setting und die Ausstattung. Die erste Hälfte des Films spielt in Austin, Texas. Dazu muss ich dem Leser hier ein paar Sachen erklären, weil er das wahrscheinlich nicht weiß: Austin ist eine für texanische Verhältnisse ungewöhnlich liberale Stadt. Man hat zwei Einflüsse, die aufeinander prallen: Auf der einen Seite die gute, alte Komponente mit den positiv besetzten Eigenschaften, die man von den Südstaaten und gerade von Texas kennt, auf der anderen Seite liberalen Geist, der die negativen Punkte dieser Komponente wegpustet. Keines dieser beiden Dinge ist dabei für diese Atmosphäre verzichtbar; würde man sich auf die liberale Struktur beschränken, also aus Texas rausmarschieren, dann würden irgendwelche steifärschigen Anglistiker mit kratzigem Schal übrigbleiben, und das wollen wir hier nicht. (Alternativ kann man The Town kucken, denn der spielt in Massachusetts.) Um ein Beispiel abzugeben, führe ich das lokale Studentenkino meiner derzeitigen Heimatstadt an. In unserem Institut haben wir hin und wieder, einmal im Jahr, eine Filmvorführung, und einmal lief Hangover, und in diesem Fall war das Publikum nicht gut ausgewählt. Es kam einfach keine Stimmung auf. Anderes Beispiel ist das tatsächliche Studentenkino, bei dem ich in allen, also wirklich ALLEN Vorführungen, die ich bisher besuchte, der einzige war, der bis zum Ende des Abspanns sitzen blieb. In unserem richtigen Kino gehen zwar auch die meisten Leute noch während des Abspanns raus, aber ebenso gibt es in vielen Vorstellungen ein paar Cineasten, die die komplette Dauer mitnehmen. Nicht so im Studentenkino. Und der Umstand, dass mein allzeitiges Bleiben bis ganz zum Schluss im Studentenkino von den Mitarbeitern bereits nach wenigen Malen bemerkt wurde, erlaubt es mir, zu glauben, dass es sonst wirklich absolut keiner so macht, auch wenn ich nicht dort bin. Daraus leite ich ein paar allgemeine Charakterzüge von den Leuten ab, und diese bringen mich dazu zu glauben, dass der texanische Einfluss für das Umfeld von Death Proof von entscheidender Bedeutung ist. Denn Death Proof ist nicht für die Menschen, die während des Abspanns kalte Füße bekommen.



Ein US-Film mit einem der bekanntesten US-Bundesstaaten, der auch noch für ein bisschen Konservativität berüchtigt ist, kommt nicht ohne die entsprechende Fahrzeugausstaffierung aus. Wenn jeder einen lahmen, importierten Reiskocher fahren würde oder einen frontgetriebenen Lutscher, der um 1990 herum gebaut wurde, dann hat man sich verdammt noch mal im nördlichen Teil des Mittleren Westens zu befinden (also dort, wo Fargo spielt) oder irgendwie so. Im Süden hat man voluminöse Ware aus Detroit zu bewegen. Dass die ersten Mädels in einem Honda Civic unterwegs sind, ist nichtsdestotrotz gut, denn in diesem Fall ist das realistisch. Einige meiner Bekannten und insbesondere Bekanntinnen sind derzeit in kompakter Ware nach diesem Baumuster unterwegs, weil sie sich nichts Anderes leisten können. Im Film hätte man vielleicht auf etwas wie den Chevrolet Cobalt zurückgreifen können, aber das widerspräche dem abgerockten Charakter des Films. Außerdem spielt die Crashsicherheit des Fahrzeuges dieser Charaktere bzw. die Nichtvorhandenheit derselben später im Film noch eine Rolle. Ebenso wäre so ein Fahrzeug zu, naja, modern für diesen Film. Man kann zwar auch aus einem modernen Fahrzeug etwas Abgerocktes machen, ich denke da zum Beispiel an diverse VWs aus heutigen Zeiten, die beim Tuning viele Elemente von früheren Generationen übernehmen (also von den Luftgekühlten) und das Ganze noch mit Rat-Look würzen. Aber im Endeffekt wäre es wegen der modernen Basis zu stylisch, und das passt bei Tarantino nicht rein. Daher ist der Civic in dem Fall eine gute Wahl.


Jemand wie Master Q weiß, dass es ein Fehler ist, in einem Bereich nur auf die Schaustücke zu setzen, und so sind die anderen Kisten definitiv nicht nur aus der ersten bekannten Reihe abgeleitet. Das zentrale Fahrzeug ist ein Chevrolet Nova Baujahr ’71, und das gehört nicht wirklich zum Bekanntesten. Ich selbst kannte den Wagen nicht, bevor ich ihn in diesem Film sah. Kurzer Abriss: Der Nova ist ein eher kompaktes Modell und keines der klassischen Fullsize-Cars, wie es bei Chevrolet etwa der Bel Air, der Impala oder in den 90ern der Caprice waren. Wenn man für Sportzwecke  einen Chevrolet nehmen wöllte, der um Baujahr 1970 herum entstanden ist, wäre man auf den Monte Carlo (zu sehen am Anfang von Tokyo Drift) oder die deutlich bekanntere Chevelle angewiesen. Letztere hat in der Autoszene aber schon so eine Art Ikonenstatus, und Quentin wird uns bestimmt was Neues haben bieten wollen und außerdem ist der Nova bestimmt eine Ecke leichter und beschleunigt besser (oder irgendwie so). Im Grunde kann man sich den Nova rein stilistisch wie eine verkleinerte Chevelle vorstellen. Daher dieses Modell. Außerdem würde der Größenunterschied zwischen Civic und Fullsize/Chevelle garantiert comichaft wirken, so als würde man einen Fiat 500 gegen einen Audi Q7 crashen.

Die beiden Fahrzeuge von Dodge waren da schon bekanntere Kaliber. Der 69er Charger von Stuntman Mike aus der zweiten Hälfte zählt zum Bekanntesten, was die nordamerikanischen Sportwagenabteilungen zu bieten haben, und dass der weiße Challenger ein direktes Zitat aus Fluchtpunkt San Francisco ist, sollte jedem aufgefallen sein, der den Film aufmerksam verfolgt hat. Der 72er Mustang hat hingegen ein paar Worte mehr verdient: Es ist vielleicht ein Mustang, aber keiner von denen, die man so kennt. Stattdessen wird hier nochmals zitiert. Ein solches Fahrzeug kam in einem Film aus den 70ern vor. Der Film heißt in Deutschland „Die Blechpiraten“, im englischen Original trägt er den Titel „Gone in Sixty Seconds“. Damit dient er als Vorlage für das Remake, welches in Death Proof ebenso erwähnt wird (mit dem liebevollen Ausdruck „Angelina-Jolie-Bullshit“). Nicolas Cage wird ebenso kurz erwähnt, als die Mädels sagen, dass am Set alle wie Doubles aussehen (einer sieht aus wie Nick Cage). Weiter im Text. Auch in „Die Blechpiraten“ kommt der Mustang vor, und er hat auch dort wie im Remake den Namen Eleanor. Und damit nicht genug: Beim Mustang geht es noch weiter. Wer genau hinsieht, wird am Heck des Wagens einen ganz kleinen Pussy Wagon-Aufkleber sehen. Angesichts dieser Tatsache wird auch die rote Lederausstattung des Mustangs leichter verständlich, denn der große Pussy Wagon aus Kill Bill (ein Chevrolet C-2500) hatte auch rotes Leder. Hier haben wir es also mit einem direkten Tarantino-Zitat zu tun. Passend dazu unterlegt der Handy-Klingelton die Szene musikalisch, denn das ist Twisted Nerve, auch genannt das Rumgepfeife, und das wurde in Kill Bill an dem Handlungsort gespielt, an welchem sich die Braut des Pussy Wagons bemächtigt.





Und jetzt sag ich mal was über die Handlung und ihre Umsetzung.

Auch wenn der Film spürbar in zwei Hälften geteilt ist, ergibt sich ein Kontinuum. Stuntman Mike führt einen Anschlag gegen eine Gruppe von Frauen durch, später macht Stuntman Mike das wieder. Das Setting ist ein anderes, aber das Prinzip wird beibehalten. Im Bereich des Settings sind dann aber größere Unterschiede anzutreffen. Das Offensichtliche: Die zweite Hälfte spielt komplett am Tag. Die erste findet überwiegend in der Nacht statt. Der Urbanisierungsgrad ist ein anderer; der erste Teil lief, abgesehen von der Landstraße, vollständig innerhalb der Stad ab, im zweiten Teil hingegen sieht man nicht so viele Gebäude, und die Gebäudedichte erreicht nie den Wert aus der ersten Hälfte. Dazu passend wird der Ort in der Handlung komplett gewechselt; im ersten Teil war es, wie schon erwähnt, Austin, also eine freiheitlich orientierte Stadt mit texanischem Flair, und ich kann mir keinen anderen Ort vorstellen, an dem das alles funktioniert hätte, daher wird der Ort gewählt worden sein. Die zweite Hälfte findet in Tennessee statt, weil das der Staat ist, aus dem Tarantino herkommt, und die Schundfilme, denen hier ein Denkmal gesetzt wird, hat er als junger Bub zu schätzen gelernt, und das reicht jetzt auch als Begründung. Im Kern ist es dann der etwas unterschiedliche Charakter der jeweiligen Frauen, der all dem die Krone aufsetzt: Die zweite Gruppe verhält sich irgendwie eher wie Männer. Im Gesamtbild, der Charakter von Mary Elisabeth Winstead (Lee) sticht da heraus. Entsprechend machen sie eher das, was Männer halt so machen. Die erste Frauengruppe entspricht da mehr den auf Bars umgemünzten Partygängern. Ich weiß nicht, wie ich den Sachverhalt beschreiben soll, aber ich kann mir den Unterschied gut vorstellen. Unterstreichend wirkt dabei die Fahrzeugwahl, die wir schon auseinandergenommen haben: Nur eine entsprechend charakterisierte Figur würde einen mehrere Jahrzehnte alten Mustang im realen Leben fahren, denn an der Karre wird man mit der Ausstattung garantiert noch selber herumfummeln. Anstatt sie in die Werkstatt eiern zu lassen, wie es bei einem serienmäßigen Civic der Fall wäre. Hinweisen möchte ich an dieser Stelle auf die Länge der Beinbekleidung der beiden Gruppen: Die ersten tragen im Schnitt deutlich kürzere Hosen. Butterfly trägt Hotpants, bei Jungle Julia weiß ich es nicht mehr so genau, aber sie trug auch kurz. Der Charakter von Rose McGowan hatte zwar lange Hosen an, aber ihre Zurechnung zu dieser Gruppe bleibt, öhm, antastbar. Im Gegensatz dazu haben Kim und Zoë lange Jeans an, und obgleich Lee und Abernathy Röcke tragen, sind diese allemal länger als die Hotpants aus dem ersten Teil. Und jetzt weiß ich ein bisschen besser, wie ich den Unterschied zwischen den beiden Gruppen beschreiben kann: Die erste Gruppe ist ein bisschen eher darauf aus, Typen abzuschleppen. Oder irgendeine Vorstufe davon. Wohingegen das Thema bei der zweiten Gruppe vollkommen separat behandelt wird. Ja, ich denke, so kann man das sagen.



Das Verhalten von Stuntman Mike. Stuntman Mike hat in der ersten Hälfte überwiegend seine hellblaue Jacke an, in Anlehnung an die äußeren Temperaturen und daran, dass hier der Stuntfahrer-Punkt stärker durchklingt. Im zweiten Teil trägt er lediglich ein schwarzes T-Shirt, und das nicht nur, weil es wärmer ist, sondern auch, weil er dort nicht mehr den Charakter eines Stuntfahrers hat, sondern den eines normalen Muscle Car-Fans, der einfach seine Karre einzig und allein für den Rennbetrieb umbaut (und nicht auf die speziellen Bedürfnisse einer Stuntfahrt im Film auslegt). Man beachte an dieser Stelle auch die Jacke des Hauptcharakters aus Drive, gespielt von Ryan Gosling, den ich immer den Sohn von Christoph Waltz nenne.

Außerdem begibt sich Stuntman Mike in der ersten Hälfte deutlich stärker in die Nähe der weiblichen Charaktere, obwohl sich die reinen Zeiten gar nicht mal so sehr unterscheiden. In der ersten Hälfte beobachtet Mike die Mädels zuerst aus seinem vorbeifahrenden Auto heraus, danach noch einmal, als sie die erste Bar verlassen und er seine Augentropfen nimmt, und danach verbringt er seine Zeit mit ihnen. Im zweiten Teil steht er mit seiner Karre auf dem gleichen Parkplatz, und dann sieht man ihn im Diner mit den anderen vier Ladies sitzen, wobei er da nur im Hintergrund ist, und zwar so unauffällig, dass ich ihn gar nicht ohne eigenes Zutun bemerkt habe. Und dann sieht man ihn wieder, wie er seine Zeit mit den Mädels verbringt.



Der Unterschied: Bei der zweiten Gruppe überspringt er den üblichen Kennenlern-Teil und geht gleich zur Action über, dafür dauert die dann auch länger. Während er sich bei den ersten Mädels darauf beschränkte, den Charakter von Rose McGowan zu erschrecken (und rasch umzubringen) und dann einen naturgemäß rasch ablaufenden Verkehrsunfall zu provozieren (bzw. eine Kollision, wenn man den Worten von Nicholas Angel aus Hot Fuzz folgen will), besteht das Äquivalent bei den zweiten Mädels gleich mal aus zwei kompletten Verfolgungsjagden und einer längeren Verklopp-Aktion. Dort zeigt er sich den Mädels auch länger innerhalb der Action, sie sehen direkt, wer der Verursacher für ihr Unglück ist, was bei den ersten nicht der Fall war. So gesehen, hat Stuntman Mike bei den zweiten Mädels quasi die Kennenlern-Phase und die Action kombiniert. Damit wissen die zweiten Mädels im Unterschied zu den ersten solchen von Anfang an, wie sie ihn einzuschätzen haben, und bedenkt man, dass sie näher an Männer-Verhalten dran sind als die ersten Mädels, fällt von allein der Schluss, dass er sich hier mit den falschen Leuten angelegt hat.


Die relativ harmlose Einschätzung der ersten Damengruppe wird vom Zuschauer nicht im Geringsten geteilt. Bereits bei Stuntman Mikes erstem richtigen Auftritt wird klar, dass er nicht einfach ein Schwarzfingerstreichler ist (was auf Dov, Nate und Omar zutreffen würde), sondern dass es sich bei ihm um einen richtig bösen Jungen handelt, der als Hauptantagonist wirkt. Diese Wirkung wird von Tarantino hübsch unterstrichen: Bei Stuntman Mikes erstem richtigen Auftritt, als er in seinem Chevy Nova vorbeifährt, wird Paranoia Prima von Ennio Morricone gespielt, das betont seinen unheimlichen Charakter (denn unheimlich beeindruckt unheimlich). Dann hat er noch zwei  kleinere Auftritte, bei denen man nur seine Augen wirklich zu sehen bekommt (die Augentropfen und ein Blick über seine Schulter) und dann sieht man noch seinen Mund beim Nacho-Essen. Wir sehen ihn erst dann vollständig, als er zum ersten Mal spricht und dem Charakter von Rose McGowan  anbietet, sie zurück nach Hause zu bringen mit den Worten: „Schöne Lady, ihre Kutsche wartet.“ Bis der Moment eintritt, vergeht eine Weile. (Verdammt, ihr Charakter hieß Pam, jetzt erinnere ich mich.) Die Wiederholung von Paranoia Prima in der Einstellung, in der Butterfly das Auto von Mike wieder auf dem Parkplatz sieht, erneuert den unheimlichen Eindruck.



Ich möchte noch ein paar Worte zu einzelnen Momenten verlieren. Da wäre einmal das verschmitzte Grinsen von Stuntman Mike in dem Moment, in welchem er in seinen Chevy Nova einsteigt. Damit durchbricht er für einen kleinen Moment die vierte Wand, als wolle er uns sagen: „Ihr wisst doch ganz genau, was jetzt kommt. Ich bringe sie um.“ Aber es war nur ein ganz kleiner Moment, und so wirkt er nicht unpassend, sondern eben verschmitzt.

Dann wäre da noch der Lapdance. Stuntman Mike ist derjenige, der von allen Leuten in Austin den im Radio von Jungle Julia versprochenen Lapdance von Butterfly einfordert und erhält. Als ich Death Proof das erste Mal sah, war ich von dieser Szene sehr irritiert, was zum größten Teil mit meinem damaligen emotionalen Zustand zusammenhing. Das Gleiche trifft auch auf die Entsprechungen am Anfang von Planet Terror und in der Mitte von From Dusk till Dawn zu (beide von Robert Rodriguez und in beiden spielt Tarantino mit). Inzwischen hat sich das Bild etwas geändert: Sowohl bei From Dusk till Dawn als auch bei Planet Terror fällt es mir mittlerweile ein gutes Stück schwerer, mich auf irgendwas Anderes zu konzentrieren, und auch mein Eindruck von Butterflys Lapdance hat sich verbessert. Allerdings bei weitem nicht auf das Niveau der Tänze, die von Rodriguez in Szene gesetzt wurden. Das mag garantiert am leicht unterschiedlichen physischen Appeal von Rose McGowan, Salma Hayek und Vanessa Ferlito liegen, wobei letztere in Death Proof ja auch irgendwie bewusst trashiger daherkommt. Und ich kann Hotpants einfach nicht wirklich was abgewinnen. Zusammen mit ein paar anderen Details, die hier unerwähnt bleiben können, ergibt sich daraus ein abturnendes Moment.


Das Thema werde ich ein bisschen ausführlicher in einem separaten Artikel behandeln, der dann hier verlinkt ist.
Notiz vom 6.3.2013: Nein, werde ich nicht. Ich hab das Interesse an einem solchen Artikel verloren. Selbst wenn ich die Inhalte wieder aus der Mottenkiste hole, würde ein solcher Text nichts Neues bieten.



Und auf eine Szene weise ich noch hin, die hat mir besonders gut gefallen. Und zwar ist das der schwarzweiße Teil kurz nach der Halbzeit.


Dass die Szene schwarzweiß ist, gefällt mir allein schon. Es ist zugleich eine Erklärung dafür, woher mein Plan kommt, Pulp Fiction das nächste Mal auch in SW zu schauen. Denn ab dem Moment, in welchem die Szene in Farbe wechselt, finde ich das Ganze nicht mehr ganz so gut. Zur Szene: Die zweiten vier Mädels (zu dem Zeitpunkt noch zu dritt) fahren in Tennessee auf einen Parkplatz, um sich Kaffee zu holen oder irgendwas in der Richtung, hab ich vergessen. Stuntman Mike kommt in seinem Charger zu Mucke von Willy DeVille ebenfalls angedonnert und probiert sich am Fuß von Abernathy. Sein Schlüssel ist seine Exit-Strategie, um ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, die Sache wäre mit Absicht geschehen. Danach stellt er sogleich die Potenz seines Wagens zur Schau, als er mit Vollgas abfährt und dabei einen Burnout nach links zieht. Lee kommentiert sogleich mit Verweis auf mangelnde physische Potenz, ist ja naheliegend. Wir wissen ja alle, dass solche Leute ihren nur ansatzweise vorhandenen Schwanz kompensieren müssen. Dann vergeht ein bisschen Zeit, die Szene geht normal weiter. Als Abernathy vorne am Auto steht, hört man erneut einen alten V8 röcheln. Abernathy stellt fest, dass Stuntman Mike wieder da ist. Er steht an genau derselben Stelle, an der er vorhin seinen Burnout gestartet hat. In die exakt gleiche Richtung zieht er dann wieder einen. Die Wiederholung hat dabei nicht den Charakter, als würde er ein weiteres Mal ein Männlichkeits-Äquivalent unter Beweis stellen müssen. Nein, das hat diesmal die Wirkung einer Drohgebärde, zumal es dieses Mal nicht von Musik begleitet ist. Daher vergeht Abernathy dort auch das Grinsen, und ihr Gesicht scheint nicht zu sagen, dass sie Stuntman Mike von nun an als irgendeinen ignorierenswerten Spinner abtut. Eher meine ich, eine Art Besorgnis zu erkennen. Wie wir später erfahren, ist diese Besorgnis berechtigt.





Im Grunde genommen war das jetzt alles. Es gibt noch zehntausend andere erwähnenswerte Momente, aber würde man die alle aufschreiben, könnte man auch gleich das ganze verdammte Drehbuch online stellen. Die erste Hälfte von Death Proof finde ich richtig klasse, die zweite, naja, bei mehreren Wiederholungen kann ich mich damit auch gut anfreunden, da hier die Dialogorientiertheit ein größeres Gewicht hat. Die Verfolgungsjagd war jetzt nicht ganz der Knaller, den ich erwartet hab, und nur der Umstand, dass sie am Ende des Films steht, kann meinen Eindruck trüben. Aus diesem Grund kann Death Proof auch nicht ganz nach oben auf diese Liste gelangen, nichtsdestotrotz ist es ein starker Film. Zweithöchster Rang auf meiner Hitliste der Filme von Quentin Tarantino.


Freitag, 25. Januar 2013

Mittwoch, 23. Januar 2013

Räuberpistole Pt. 1



Ursprünglich … ursprünglich …

Ursprünglich wollte ich diesen Text nicht schreiben. Zwischenzeitlich habe ich mich auch dagegen entschieden. Nun mache ich es doch. Was der genaue Zweck davon ist, weiß ich nicht. Wir werden sehen.

Dieser Text wurde mittlerweile offline genommen.

Freitag, 18. Januar 2013

Und dann will ich euch springen sehen



Der Titel bezieht sich auf ein Lied vom Farin Urlaub Racing Team. Die zehnte Runde des Ars Lingua Perspectiva war dieses Mal anders aufgebaut. An jedem Tag ging ein Wort online (also im Idealfall, hrhr). Da die Runde schon ein Weilchen vorbei ist, hole ich mein Posting hier schnell nach, denn das ist überfällig.



Anorak
Höre ich das Wort, denke ich an den Vornamen Anouk, und damit verbinde ich ohnehin generell auch eine Person, die in einer wasserdichten Kapuzenjacke steckt (wobei diese Person nicht notwendigerweise von Victoire Thivisol gespielt werden muss, siehe dazu die Filmografie von Lasse Hallström).

Bernsteinhexe
Magisch begabte Frauen benötigen, von einer markanten Augenfarbe abgesehen, allerlei seltenes bzw. biologisches Zubehör. Und wenn keine Kristalle verfügbar sind, muss kurzerhand eine andere farbige nichttrübe Sache herhalten. Und wenn noch ein Insekt eingeschlossen ist, macht das die ganze Sache rund. Sozusagen wird dann eine eingeschlossene Seele von einer Entseelten entschlossen verseelt.


Dekolleté
Seit zehn Minuten sitze ich vor diesem Begriff und weiß nicht, was ich dazu schreiben soll. Im Gegensatz zu einer ähnlichen Lage in der neunten Klasse überbringe ich diese Kunde meiner Audienz und will hier den Grund der leeren Blockade anführen: Die Empirik ist mangelhaft. Will sagen, ich hab von dem Thema absolut keine Ahnung, weil keine Erfahrung.

Estragon
Hat ein recht angenehmes Schriftbild. Es sollte mehr Wallpaper geben, auf denen kunstvoll das Wort "Estragon" steht. Und jetzt hab ich wieder Hunger.

Fusel
Fusel ist eine asiatische Trendsportart (natürlich), bei der in erster Linie die Füße eingesetzt werden. Vielleicht kennt man den Ausdruck Futsal, und dieser Sport wurde mit den Cheerleading-Aktivitäten kombiniert, die in Halbzeitpausen präsentiert werden. Fusel befindet sich noch in der Entwicklung, eine Anerkennung als olympische Disziplin ist also bis auf Weiteres nicht abzusehen.

Grübchen
Verniedlichender Name für alle real existenten Personen, die den Namen Hans Gruber tragen und damit ein bisschen im Schatten von Hans Gruber aus Stirb langsam, gespielt von Alan Rickman, stehen.

Halal
Klingt wie eine neue Kollektion von swatch. Neben den klassischen Linien wie Irony oder Skin gab es merkwürdige Namen wie Nabab. Aber wenigstens kommen beide Wörter aus dem gleichen Sprachraum (Nabab und Halal). Eins kennzeichnet Reichtum, das andere Erlaubnisfreiheit.

Idee
Was ist eine Idee? - Na das hier!

Jahrmarkt
Ein Jahrmarkt ist irreführend. Zum einen dahingehend, dass er bei weitem nicht das ganze Jahr hinweg Zugang gewährt, sondern nur an ausgesuchten Tagen. Zum anderen sind keine Jahre auf solcherlei Märkten verkäuflich. Wohin man auch sieht, nicht ein Pfund Jahre wird feilgeboten. Das will ich aber auch stark hoffen, denn der Film "In Time" darf unter keinen Umständen jemals real werden.
Und ein Jahrmarkt ist irreführend, weil er nicht an ein Ziel bringt. Man soll sich darin aufhalten, darum sind auch keine Uhren am Jahrmarkt angebracht.

Kompliment
Positive, ehrlich gemeinte Aussagen über eine oder mehrere Eigenschaften der angesprochenen Person. Rangieren auf allen Lobebenen zwischen "Du hast eine angenehme Stimme" bis hin zu "Du kotzt toll".

Limbo
Stangenhafter Brauch. Man muss sich möglichst klein machen, um so nah wie es geht an den Limbus heran zu gelangen, der ja ziemlich weit unten ist. Erfunden wurde diese Geschichte in Limburg.

Mitternachtsspitzen
Ich hab den Sinn hinter diesem Wort nie verstanden. Was hat eine Spitze mit Mitternacht zu tun? Und um was für Spitzen geht es hier überhaupt? Um Klingenersatz, Ortsweisungen oder stichhaltige Bemerkungen? Was haben sich diese Übersetzer des Doris Day-Films eigentlich dabei gedacht?

Nero
So ähnlich hieß der Pizza-Lieferdienst in "Kevin - Allein zu Haus". Kevin wollte eine große Käsepizza nur für ihn selbst, da Buzz die seine am Anfang weggefuttert hat. Dem Lieferanten des Einzelauftrags gab Kevin 20 Cent Trinkgeld, und die Szene aus "Angels with Filthy Souls" kennt man auch noch.

Obsolenszenz
Die Obsülze kommt aus Russland (welches, wie wir alle wissen, ein Querulant, also ein breites Land, ist), hat aber nichts mit dem Fluss Ob zu tun. Bei einem Menü mit der russischen Variante von Vinaigrette sehen die Moskoleten die Obsülze als obsolet an. Obsolete Obstsalate.
Und was ist Obsolenszenz? - Na das hier! (Ich könnte diesen Witz den ganzen Tag aus der Kiste holen.)

Pracht
Finde ich übertrieben. Noch mehr trifft das auf das Adjektiv zu, also "prächtig". Dabei muss etwas, auf das dieses Attribut anwendbar ist, nicht notwendigerweise zu dick auftragen. Ein Gebäude mit allerlei Deckenmalereien und Stuck, der mit Blattgold verziert wurde, kann man prächtig nennen, ohne dass es überladen wirken würde. Man sollte in diesem Fall "glanzvoll" sagen.

Quiche
Im REWE liegt immer diese Zeitung aus, und einmal war auf dem Titelblatt ein Rezept für Quiche angepriesen. Ich probierte es noch nicht aus.

Radieschen
Wurden bereits mit einem Strauß Vergissmeinnicht verwechselt. Deren wissenschaftlicher Name, also der von Vergissmeinnicht, lautet Myosotis, also Mäuseohren, und Radieschen eignen sich dazu, dass man Mäuse aus ihnen bildet.

Schnappschuss
Gelingt er nicht, sind Personen eingeschnappt.

Tinte
Zwischending von Flüssigkeit und Aufschlämmung zum Visualisieren von Zeug auf einer Fläche. Die Fläche besteht meistens aus Papier, das Zeug ist oft schriftlicher Natur. Oder Bilder.

Ulk
Eines dieser selten gewordenen Wörter mit U. Einem Text von Horst Evers entnahm ich heute, dass es wohl auch kein Säugetier mit U gebe. Jedenfalls kein sonderlich bekanntes. Machen wir doch etwas Lustiges: Führen wir eine weitere Bedeutung für das Wort "um" ein, nämlich als Lautmalerei für eine umkippende Sache wie zum Beispiel besägte Bäume.

Vielfraß
Verwandter des Omnomnomnomnivoren. Legt im Gegensatz zu diesem geringeren Wert auf die Genusskomponente. In der wilden Natur kommen solcherlei Gesellen vor, wenn hoher Energiebedarf ansteht.

Walzer
Der Vorgang des Tanzens ist mir stets ein Rätsel geblieben. Die Formen mit vorab definierten Schritten, zu denen der Walzer gehört, lehne ich nicht grundsätzlich ab, aber ich käme nie auf die Idee, diese Freizeitaktivität zum Selbstzweck auszuführen. Und ich würde das nur tun, wenn ich die Schritte draufhabe. Was fast nie der Fall ist, aber wenn man mir das vorher nochmal erklärt, sollte das nicht das Problem der Welt sein. Passt eigentlich "O Children" von Nick Cave dazu?

X-Mas
Wer zum Teufel hat sich das Konstrukt X-Mas ausgedacht? Der Papst? Tony Blair? Mister Anderson? Der Weihnachtsmann ist keiner von den X-Men, verdammich. Und auch kein Grieche.

YOLO
Spitzname der Schauspielerin und César-Gewinnerin Yolande Moreau. Und bevor jemand den armen Sidney konsultiert, ob denn das stimmen kann, nein, tut es natürlich nicht.

Zenit
Auf einer Straße stehen viele Leute. Alle sehen nach oben. Ein Passant kommt vorbei. Er fragt einen der Schaulustigen: "Was gibt es droben zu erstaunen?" Da antwortet der Angesprochene: "Den Gipfel." - "Den Gipfel?" - "Jawohlja, den Gipfel der Seltsamkeiten."

Dienstag, 15. Januar 2013

Kann mal bitte einer den Tontechniker von Pulp Fiction abknallen?



Platz 5 von 6: Pulp Fiction
(Und weshalb muss ich vor Spoilern warnen.)



Mit diesem Statement werde ich viel Unverständnis ernten. „Wie kannst du nur dem unter Cineasten beliebtesten Tarantino-Film ein so niedriges Ranking geben?“ In der Tat ist es ungewöhnlich, dass ein sonst viel beachtetes Werk bei mir nur einen Platz über dem generellen Verlierer in Tarantino-Listen landet, nämlich Jackie Brown. Wer eine kurze Zusammenfassung will: Die Vorzüge des Films erschließen sich mir nicht so recht, dafür hat er Nachteile, die aus meiner Sicht gravierend sind. Und die Nachteile sind in erster Linie optischer Natur.

In einigen Texten kam es bereits zum Ausdruck, zuletzt in der Review zu Reservoir Dogs. Ich finde die Optik von Filmen aus der ersten Hälfte der 90er, auch einige aus den 80ern, einfach grauenhaft. Wo fange ich bei der Schilderung nur an? Ich würde sagen, bei den Personen. Über die Klamotten aus der Zeit braucht man nichts zu sagen, und wenigstens hält sich Pulp Fiction bei den Hauptfiguren an der Stelle zurück. Würde das mal auch auf die Frisuren zutreffen. Die Haartrachten von John Travolta und Uma Thurman stehen beiden nicht. Bei Uma Thurman ergibt sich noch dazu ein ungünstiges Gesamtbild mit der Bluse. Travolta hat immerhin noch seinen Anzug an. Und dass Samuel L. Jackson diese Riesenmatte nötig hat, will ich bestreiten.

Weitaus gravierender aber finde ich das Bild an sich. Es ist nicht gut auskontrastiert, das Farbschema ist dissonant, und die Optik ist ein bisschen matschig, wobei das dem Aufnahmemedium geschuldet sein könnte. Die Werke von David Lynch haben das Problem ebenfalls, das heißt selbst wenn seine Mindfucks einen Sinn hätten, würde ich meine Augen beleidigen, wenn ich danach suche. Zurück zu Pulp Fiction. Hinzu kommt noch eine Sache, nämlich der Ton. Die Geräusche sind mir zu schmatzig. Das ist nicht nur in der deutschen Synchro so, sondern auch im Originalton. Zwar habe ich nicht den kompletten Film auf Englisch gesehen, es waren ein paar Szenen und der Trailer, aber das hat mir genügt.

Beim Bild habe ich aber eine Idee, wie man das so modifizieren kann, dass ich es grandios finde. Wenn ich den Film das nächste Mal sehe, stelle ich das Bild einfach auf schwarz-weiß. Wenn man dann noch den Kontrast hochdreht, sieht es ungefähr so aus wie die SW-Bilder auf imdb, und das ist nun wirklich deutlich besser und gefällt mir wiederum. Außerdem verfolgt Sin City einen ähnlichen Aufbau, hat Schauspieler aus der gleichen Gruppe, ist stilistisch auch sonst ähnlich (weil Rodriguez), ist ein Schwarzweißfilm und gefällt mir extrem. Insofern glaube ich, dass die Kolorierung einen Einfluss haben kann.

Anderer Mehr-oder-weniger-Pluspunkt: der Soundtrack. Wenngleich es meiner Meinung nach bessere Tarantino-Soundtracks gibt, so ist dieser dennoch nicht zu verachten. Sahnestücke sind die Eröffnungsmelodie, die seitdem geradezu ikonisch ist, dann noch Son of a Preacher Man, bei welchem ich es nicht vermeiden kann, immer an bestimmten Stellen „Hits from the Bong“ zu sagen, und der Titel von Kool and the Gang. Andererseits bleibt festzustellen, dass zum Teil Musik drauf ist, mit der ich einfach nicht aufgewachsen bin. Chuck Berry ist so ein Beispiel. Mag sein, dass er eine lebende Legende ist und seine Musik großen Einfluss auf andere Musiker hatte und immer noch hat, aber ich kenne das schlicht nicht.

Wo wir gerade bei Chuck Berry sind: Manche Szenen im Film sind so merkwürdig, dass ich damit nichts anfangen kann. Die Szene, in der John Travolta und Uma Thurman zur Musik von angesprochenem Chuck Berry tanzen, ist so ein Fall. Der Tanzstil der beiden befindet sich an einem Punkt, an dem ich nicht sagen kann, ob das jetzt gut oder schlecht war und in welcher Qualität, also z.B. ob jetzt gut oder besonders gut. Kann auch damit zusammenhängen, dass ich keinen Draht zum Tanzen habe. (Programmhinweis: Das alles trifft auch auf eine Tanzszene aus dem Film RocknRolla zu.) Eine andere seltsame Szene: die Uhr und Christopher Walken. Er war ein Kamerad vom Vater von Butch (gespielt von Bruce Willis) und hat in seinem Auftrag eine Armbanduhr aufbewahrt. In seinem Arsch. Angeblich soll das eine total abgefahrene Szene sein, ich find das einfach bescheuert. Ich hätte die Uhr einfach ausgeschlagen, denn wer will schon eine Uhr, die im Hintern tickte. Von mehreren Leuten. Die. Szene. Ist. Dämlich.



Wie hätte man das alles besser machen können? Seht ein Jahr später nach. 1995 spielte John Travolta in Schnappt Shorty mit. Diesen Film finde ich sehr gut. Wenn Pulp Fiction so aussehen und sich so anhören würde wie Schnappt Shorty, würde ich Pulp Fiction garantiert besser finden. Witzigerweise sollte Tarantino zuerst Regie führen und hat im Endeffekt Travolta dazu ermutigt, die Hauptrolle zu übernehmen. Das Drehbuch zu Schnappt Shorty basiert auf einem Roman von einem Autor, der einen weiteren Roman geschrieben hat, der dann von Tarantino verfilmt wurde, als Jackie Brown. Huh.

Ich bin froh, dass Schnappt Shorty dann doch von Barry Sonnenfeld gedreht wurde. Wie Tarantino das gemacht hätte, haben wir vorher bei Pulp Fiction und nachher bei Jackie Brown gesehen. So haben wir eine größere Vielfalt, und jeder kann sich das raussuchen, was ihm gefällt. Und ich will ja nicht nur über Pulp Fiction meckern. Hätte ich das Bedürfnis dazu, würde sich der Film auf dem letzten Platz wiederfinden. Ich kann an einen Streifen auch analytisch herangehen, zumindest, wenn ich ihn nicht gerade eben erst sah. So ist die nonlineare Konstruktion ein nettes Merkmal. Schnappt Shorty wiederum kann damit nicht vorfahren. Und die letzte Szene hat schon irgendwie etwas. Die zwei Leute vom Anfang rauben das Diner aus und die zwei Profis schaffen es, die Lage zu entschärfen. Mir gefiel insbesondere, wie der Charakter von Samuel L. Jackson sein Bibelzitat in der Betonung so umändert, dass er daraus nicht den Anspruch ableitet, sein Gegenüber erschießen zu müssen.



Nichtsdestotrotz bleibt es schade, dass ich Pulp Fiction einen derart geringen Wert beimesse. Ich will den Film mögen, aber ich bin derzeit außerstande, das zu tun.