Mittwoch, 12. Dezember 2012

Jeansfälscher



Achtung! Heftige Spoiler für Two Bitch Fuckers voraus!

Ich sehe es schon kommen: Dieser Text wird über sehr seltsame Suchbegriffe gefunden werden. Ähnliches gab es bei meiner Rezension zu Inglourious Basterds bereits zu bestaunen, als ich als Titel die wörtliche Übersetzung einer Zeile aus der deutschen Synchro wählte. Und auch hier wird es so laufen, selbst wenn ich mich bei der Überschrift zurückhalte. Das liegt in diesem Fall nicht an mir, sondern an dem Film, um den es hier gehen soll.




Welcher Marketing-Stratege hat sich den Namen eigentlich einfallen lassen? Jeder Blogger, der über Two Bitch Fuckers seien Report schreibt, muss sich ziemliches FSK-Gezappel oder in diesem Fall wohl eher das von der PEGI gefallen lassen. Aber das soll hier nicht stören. Schließlich soll man Einiges zu lachen haben. Worum geht es denn überhaupt?

Two Bitch Fuckers macht glücklicherweise nicht den grundsätzlichen Fehler, eine 08/15 Hollywood-Komödie zu werden, wie man sie von beispielsweise Adam Sandler oder den anderen Vögeln unsäglich oft ertragen musste. Dennoch trifft man auf diverse altbekannte Elemente: Schnell wird klar, dass der komödiantische Anteil über die Dynamik des Darsteller-Duos Gerard Butler und Karl Urban getragen wird. Gerard Butler kennt man als verdammt geilsten Motherfucker wo gibt aus Zack Snyders 300, während Karl Urban eine eher unbekannte Nummer ist, nichtsdestotrotz hat ihn schon jeder gesehen, und zwar als Eomer in Herr der Ringe Teil 2 (er war derjenige, der relativ am Anfang aus Rohan verjagt wurde mit seiner Reiterschaft, später aber zurückkehrt). Butler und Urban ergeben eine Kombination, die ich in erster Linie von YouTube kenne, nämlich einen bärtigen schwarzhaarigen Typen (Butlers Rolle lässt sich im Film mit der Zeit einen Bart wachsen) und einen drahtigen Hellhaarigen (der Charakter von Karl Urban bleibt zu lange in der Sonne). So ein Duo sind z.B. Gronkh und Sarazar. Könnte auch auf meinen besten Kumpel und mich zutreffen. Wie dem auch sei, die zwei werfen sich auf ihrer Arbeitsstelle immer wieder bissige Kommentare zu. Ungewöhnlicherweise arbeiten sie bei einem Kosmetik-Unternehmen in der Qualitätssicherung, wo sie stichprobenartig die Grenzwerte der Produkte prüfen. Da der Job immer wieder recht eintönig wird, weil man den ganzen Tag nur an irgendwelchen Hochleistungspipetten herumschraubt, Luft aus isolierten Laboren atmet und wartet, dass die Farbe unter dem tröpfelnden Wasserhahn mit Milliliter-Skala umschlägt, beschließen die zwei Jungs, irgendwann mal Urlaub zu machen. An der Stelle, an der das Flugzeug abhebt, kommt ein Cut. Und ein Sprung in der Story: Es geht an einem signifikanten Punkt weiter, und das Ende wird erzählt. Die beiden Laboranten kommen während ihres Urlaubes um. Nachdem der Schluss erzählt ist, geht es mit dem Mittelteil weiter.

Ein taktisch kluger Zug. Da der Film eine Komödie ist, kann man die letzten Frames nicht mit dem Tod der Protagonisten füllen. Da ist es besser, den in den Mittelteil zu verfrachten und erst danach auf die unbekümmerten Umstände einzugehen, die dafür verantwortlich sind, ohne dabei resignativ zu werden.



Eigentlich wollten Butler und Urban in den Senegal fliegen, weil es da kein spanisches Essen gibt, denn Urban hat sich bei einem Ausflug nach Louisiana mit der lokalen Cajun-Küche den Magen nachhaltig verätzt und sich sogar zu einem entsprechenden Gesichtsausdruck hinreißen lassen, man glaubt es kaum. Weil sie aber beim Boarden zu viele Hummeln im Hintern haben und sich die Rolle von Gerard Butler bei einem kürzlich erfolgten Test im Qualitäts-Labor einen fiesen Augenausschlag eingefangen hat und er demzufolge die Anzeigetafeln nicht richtig erkennen kann, landen sie nicht im Senegal, sondern in Angola. Das deutsche Auge kennt diese Situation zur Genüge, und da leistet sich Two Bitch Fuckers zunächst auch eine Schwäche. Dass an der Stelle ein paar Gags mehr abgefeuert werden, entschädigt zumindest dafür etwas.

An der Stelle setzt der Cut ein, und zwar in Gestalt einer Szene anstelle eines Blackframes, wie man das erwarten würde: In dieser Szene sieht man einen namenlosen Charakter, gespielt von Sigourney Weaver. Sie spricht allein in Kamerarichtung äölkjhgfds k cvu (ich hab gerade im Hintergrund ein Video mit runtergepitchter Klavier-Musik zu laufen und musste die Tastenbewegung nachvollziehen), also allein in Kamerarichtung und erläutert jemandem, den wir nicht sehen (wahrscheinlich uns selber), dass die Zeit jetzt springen würde. Damit wird die erzählerische Technik erläutert, die ich oben erwähnte und die quasi direkt aus Pulp Fiction sein könnte.

Butler und Urban sind jetzt also schon seit einiger Zeit in Angola und haben sich schon bis zur Küste durchgenagelt, sehen aber wegen ihres Aufenthaltes bereits deutlich dunkler aus (also Öl und Zeug im Gesicht). In der Zwischenzeit haben sie Bekanntschaft mit irgendwelchen Jeansfälschern gemacht und machen nach wie vor das Beste aus ihrer Situation, während sie weiterhin versuchen, sich zum Senegal durchzuschlagen. Wie das geschehen soll und was die Abläufe davon sind, weiß man noch nicht, denn (Spoiler) das kommt in dem noch offenen Mittelteil.  Sind sie mal nicht damit beschäftigt, zu überleben oder ihre Abreise zu organisieren, treiben Urban und Butler allerlei kindischen Unfug, wie zum Beispiel dem Chef der Jeansfälscher mit Indigoblau ein Gesichtstattoo zu fälschen, nachdem sie den unter den Tisch getrunken haben. Der ist natürlich verwundert, warum ihn von nun an jeder schräg ansieht, nachdem er aber herausgefunden hat, was Sache ist, laufen Butler und Urban weg und kichern sich dabei einen.


 Man stelle sich vor, es wäre Vanilleeis.

Kurz danach versuchen sie sich an ihrer neuen Lieblingsbeschäftigung: Butler versucht ein kleines Tequila-Glas auf dem Kopf zu balancieren, während ihm Karl Urban dauernd in total ernstem Ton Witze erzählt und Butler dabei filmt, wie dieser versucht, dabei nicht zu lachen und das Glas nicht von seinem Kopf fallen zu lassen. Dafür verwenden sie eine Kassetten-Kamera, die sie neben dem Duty-Free-Shop von einer Faltencreme-Besitzerin haben mitgehen lassen. Da Butler der Ausführende war, lässt er sich fortan einen Vollbart wachsen. Ich schweife ab. Denn die Aktion sieht man erst im letzten Drittel des Films, welches ja den Übergang zwischen den beiden anderen Segmenten darstellt. Wie dem auch sei, die beiden holen sich, nachdem sie oben ohne an der Küste übernachtet haben, eine ziemliche Erkältung in die Atemwege, die weitaus schwerer als üblich ist. Zumindest denken sie das: Ein Ortsansässiger meint am nächsten Tag, es könne eine Lungenentzündung sein. Ein Arzt bringt nach einer Woche Aufklärung: In der Zeit, in der Butler und Urban in Angola waren, haben sie sich zwei Frauen angelacht, mit denen sie im Schnitt jede dritte Nacht verbracht haben. So haben sie sich mit HIV infiziert und eine opportunistische Infektion ist gerade dabei, ihnen den Rest zu geben. An der Stelle wirkt der Film wie eine Mischung aus Betty und ihre Schwestern und Knockin‘ on Heaven’s Door: In erstgenanntem stirbt eine der Schwestern, allerdings überraschend undramatisch, zumindest dafür, dass aus den vier Schwestern drei werden. Und in letztgenanntem machen zwei unheilbar tödlich erkrankte Typen in den letzten Tagen ihres Lebens ordentlich einen drauf. Genau diese Strategie verfolgen Butler und Urban dann am Ende auch, da ihnen klar wird, dass sie nicht mehr lebend aus dem Land herauskommen. Da die beiden angelachten Damen ebenfalls HIV-positiv sind (sie sind schließlich die Ansteckungsquelle gewesen), demzufolge in diese Richtung für beide Seiten kein Ansteckungsrisiko mehr besteht, machen sie das Naheliegende ohne jede Hemmung, todesmutig probieren sie das an allen möglichen und unmöglichen, die Nerven kitzelnden, Orten. So tun die beiden noch alles, was sie schon immer machen wollten, ohne dass der Film den Fehler macht, das allzu ausführlich zu schildern, also nicht so, wie dieser Textabschnitt.


Huiuiui, erst mal eine Verschnaufpause gönnen. Am besten mit einem Drink.


Ebendiesen genehmigen sich Butler und Urban in der nächsten Szene, denn der letzte Abschnitt des Films (und damit der mittlere Teil der Handlung) beginnt, und das nahtlos an den Flughafen vom ersten Teil anknüpfend. Die Wandlung vom ersten geschockten Moment bis hin zu den Spaßvögeln, die sie dann werden, wird rasch durchgenommen, damit gar nicht erst eine lethargische Nachdenkpause entsteht. Dann kommt die erwähnte Szene mit der geklauten Kamera und dem Tequila-Glas, ihr erinnert euch. An irgendeinem Punkt muss man aber mal einsehen, dass das Geld alle ist, und so nehmen die beiden kurzerhand jeden Kurzzeitjob an, der ihnen vor die Füße fällt. Hin und wieder wirkt das ungewohnt grotesk, wenn zwei weiße Männer auf der Straße einem die Schuhe putzen und dabei wieselflink umherwandern. Solcherlei sieht man gewiss nicht alle Tage in Angola. Da sie bei der Tätigkeit ständig dem Sonnenlicht ausgesetzt sind, bleichen die Haare von Karl Urban mit der Zeit aus, was ihm das eingangs erwähnte Erscheinungsbild eines drahtigen Hellhaarigen verleiht. Nichtsdestotrotz haben sie ihr Langzeitziel immer noch vor Augen, nämlich in den Senegal zu kommen. Komplett abgebrannt, ist es unmöglich, ein Flugzeugticket zu kaufen. Daher wollen sie es über den Seeweg versuchen, von dem sie sich versprechen, dass er billiger ist. Der Plan sieht folgendermaßen aus: Zunächst schlagen sie sich zur Küste durch, und dort hangeln sie sich dann als blinde Passagiere von irgendwelchen Schiffen und Booten an der Küste entlang. So ungefähr müsste das klappen.

Um für den Plan die Details auszuarbeiten, besorgen sie sich eine Landkarte und wollen beim Essen den Weg vorzeichnen. Kurz bevor sie ein Lokal betreten, bemerkt Karl Urban, dass dort scharfe Cajun-Küche serviert wird, und seine Knie werden zuerst weich, weil er sich an seine Magenstrafe erinnert, dann wieder hart vom Wegrennen. Das treibt Urban und Butler in die Arme von Louise und Heather. Zwar sind sie eigentlich Prostituierte, aber vor kurzer Zeit haben sie sich von ihrem Geschäft zurückgezogen (wurden gefeuert) und freunden sich mit Urban und Butler an. Zusammen wollen sie bis zur Küste vordringen, wo sich ihre Wege wahrscheinlich wieder trennen. Bis dahin wollen sie das Beste aus der Situation rausholen (öhm, ja) und um überhaupt an die Küste zu gelangen, schließt sich die Vierergruppe zunächst einem Busfahrer und seiner Mannschaft an. Und so wird aus dieser Etappe des Films eine Art Roadmovie.

 
Wie es weitergeht, konnte man im Film schon im mittleren Segment sehen; letztendlich erreichen Butler und Urban den Senegal doch nicht mehr. Findige Analysten meinen, der Storyaufbau wäre von Pulp Fiction abgekupfert, denn dort wird der letzte Teil der Handlung auch in der Mitte des Films gezeigt, aber ich finde, hier ist die ganze Sache eher unauffällig und nicht so offensichtlich an den Hit von Tarantino angelehnt. Es ist auch interessant, die Charakterwandlung zu beobachten: Am Anfang meint man, man hätte irgendwelche Charaktere, die das Wort „austauschbar“ auf ihren T-Shirts umhertragen. Dazu passt auch die distanzierte Kamera, man sieht in erster Linie die Gestik der Personen. Später jedoch sieht man die Gesichter bedeutend näher, was auch an den Make-Up-Effekten liegen kann, da Butler und Urban immer mehr Schmierzeug im Gesicht haben, wie zum Beispiel die Ölflecken, und die Frisur von Urban bleicht halt auch noch aus. Entsprechend entwickeln sich die Charaktere, man erhält immer neue Stücke auf dem Flickenteppich, analog zu ihrem Äußeren.


Abschließend lässt sich wohl sagen, dass die beiden Darsteller eine sehr gute Leistung abgegeben haben und auch wenn sich der Film nicht an jeder Ecke um Genauigkeit schert, so sollte man definitiv einen Blick darauf riskieren. Und etwas zu lachen hat man dabei gleich mit. Ich danke für die Aufmerksamkeit.

2 Kommentare:

  1. neues review auf youtube im renomierten filmkritik magazin "die schwarze filmdose" !

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  2. An meinem Veröffentlichungsdatum kann man wiederum eeeeeiiiinnndeutig ablesen, dass sich Tom und Torben fehlerhafterweise auf das gleichnamige Remake beziehen (weil deren Review der meinen in wesentlichen Punkten widerspricht).
    Da dort im Video so viele nicht nach "two bitch fuckers", sondern nach "2 bitch fuckers" gegoogelt haben, hab ich direkt mal die Tags geändert.

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