Montag, 17. Dezember 2012

Und du bist hier für'n Fuck





Ihr habt gesehen, wie die Geschichte bisher verlaufen ist. Es wurde bereits Einiges abgedeckt. Aber ein paar Sachen fehlen mir noch. Und sobald ich diese erledigt hab, beende ich meine Review zu
Kill Bill.


Nächster Grund, weshalb ich Kill Bill klasse finde: Der Film nimmt sich Zeit. Die Story ist schnell zusammengefasst: Eine Frau wird angegriffen, überlebt aber, und nachdem sie aus dem Koma erwacht ist, stellt sie eine Todesliste mit Verantwortlichen zusammen und arbeitet diese ab. Simpel zu verstehen, könnte man, wenn man wollte, innerhalb von neunzig Minuten behandeln. Aber nein, nicht hier, nicht bei Kill Bill. Hier wird jeder noch so tief verwinkelte Moment, der irgendwas mit der Handlung zu tun hat, beleuchtet. Interessant fand ich das gerade bei Budd, Bills Bruder. Ihn sieht man im ersten Teil nur in einem kurzen Take, und das ist an der Stelle, an der alle Attentäter auf die Braut hinuntersehen. Ihn könnte man durchaus für Bill halten, ist er aber nicht. So erfährt man die Verknüpfung zwischen dem Namen und dem Gesicht erst im zweiten Teil, wie bei Bill. Und dennoch ist er kein blasser Charakter. Obgleich man seine Auftritte in vier Teile teilen kann, es sind weniger Szenen, wobei die Einteilungen sich jeweils ähneln: Als erstes Budd im Gespräch mit Bill, bei dem die Zweiseitigkeit Budds skizziert wird. Er ist nach außen hin ein verkommenes Subjekt, arbeitet in einer Topless-Bar (zweiter Auftritt), räumt aber als Einziger des Attentatskommandos der Braut ihr Recht auf Genugtuung ein und stellt sich ihr gewissermaßen. Das heißt aber nicht, dass er von vornherein aufgibt oder auf prinzipiell nicht wirklich verwerfliche Kampftaktiken verzichtet. (Überleitung zum dritten Auftritt Budds.) Natürlich war es kein Moment von gleich zu gleich, als er die Braut über Kimme und Korn erwischt hat, unfair würde ich das hingegen nicht nennen. Sie hatte am Schwert einen deutlichen Vorteil, und der Umstand, dass er über eine ähnliche Waffe verfügt wie die Braut, ändert daran nichts. Also macht er Gebrauch von einem taktischen Element, welches seinen Nachteil kompensiert, nämlich die Überraschung. Erwähnenswert, dass Budd, als Nichtfeigling, der Einzige ist, der die Braut erwischt hat.




Über Budd könnte ich noch lange weiterreden, ich finde diesen Charakter irgendwie faszinierend. Aber das würde sich nie jemand durchlesen, gerade weil der Film den Charakter detailliert ausleuchten kann, deshalb belasse ich das an dieser Stelle mal damit, dass ich es schon irgendwie ironisch finde, wie Budd als Nichtfeigling von Hinterlist und Heimtücke eingeholt wird (nämlich an einem Punkt, an welchem er das überhaupt nicht erwartet hätte). Mache ich lieber mit Bill weiter. Bill erkennt man in der ersten Szene im zweiten Teil lediglich an seiner Stimme, man sieht ein altes Gesicht, fragt sich, wer dieser Mann sein mag, die Stimme verrät, ebenso wie die Tonlage, dass es Bill ist, und die beiden wohl kaum verfeindet auseinandergingen. Vielleicht nicht notwendigerweise im Guten, aber auch nicht im Zoff. Das wirft direkt neue Fragen auf: Wie sah deren Vergangenheit aus? Derartige Fragestellungen zogen sich schon bis zu diesem Zeitpunkt, aber nun sind sie an einem zentralen Dreh- und Angelpunkt vereint. Auch hier weiß man nur, was man wissen muss. Wie der Ablauf bei dem Massaker nun genau war, interessierte den Zuschauer bereits die ganze Zeit, aber am Anfang des zweiten Teils ist das eine Information, deren Vorenthalt nur noch um des Vorenthaltes willen geschehen würde. Sprich, es wäre Quatsch, die Handlung solcherart zu verbreien.

Sonst noch was?

Ich hab noch was vergessen. Nämlich was in der Entwicklung beim Kampf zwischen Elle und Beatrix drinsteckt. Da mache ich jetzt wieder einen Rückgriff, und zwar auf das Element der Heimtücke. Beatrix Kiddo und Budd sind frei von dieser Eigenschaft, Beatrix, weil sie edel ist, Budd, weil er einfach ist. Elle Driver ist quasi das Gegenstück zur Braut, und damit steckt sie voller Heimtücke. Im direkten Aufeinandertreffen zwischen Elle und Beatrix gibt es eine Sache, die mir auffiel: Elle hat ja Pei Mei vergiftet, und dafür reißt die Braut ihr das zweite Auge heraus. Kann man als gerechte Strafe sehen im Sinne der Charakterisierung, die während dieses Segmentes aktuell war (Pei Mei war für das erste Auge verantwortlich). Nun ist Elle Driver also blind und damit vollkommen kampfunfähig, also wehrlos. Sie jetzt umzubringen, wäre ein unfairer, heimtückischer Vorteil, und das liegt nicht in der Natur von Beatrix Kiddo. Aus diesem Grund tötet sie Elle nicht aktiv und macht damit die einzige Ausnahme von ihrer Todesliste. Das unterstreicht die Edelmütigkeit der Braut, die nicht grundlos tötet, selbst wenn ein Affekt das rechtfertigen würde. Ähnliches kurz nach der Schlacht mit den Verrückten 88, wo sie auch längst nicht jeden im Kampf tötet, und wenn der erst einmal vorbei ist, sieht sie davon auch ab.




Noch eine Notiz: Das Vergiften seitens Driver war heimtückisch, die Steinsalzladung von Budd hingegen nicht. Denn mit mehr Vorsicht wäre es möglich gewesen, Budds Plan zu durchkreuzen. Beim Giftmord hingegen kann man prinzipiell erst dann wissen, was Sache ist, wenn man bereits röchelnd am Boden liegt. Und ohnehin steht der Giftmord traditionell für Heimtücke.

Aber ich bin mit Bill noch nicht fertig.

Es ist eine Form der Liebe, die Bill für Kiddo empfindet, die von einem Bestrafungsdrang beiderseits überlagert wird. Ich denke, er war die ganze Zeit in sie verliebt, nur war dieses Gefühl in den Schatten gestellt in dem Moment, in welchem er von Kiddos Absetzung erfuhr. Dies empfand er als Verrat, daher wollte er sie bestrafen. Für Verrat gibt ein, wie er sich selbst nennt, „mordender Mistkerl“ naheliegend die Todesstrafe. Die anderen Akteure sehen das Massaker nicht als Bestrafung einer Person an oder als persönliche Angelegenheit, abgesehen von Elle, die einfach eine Abneigung gegen Kiddo hat, wahrscheinlich, weil Bill mit Kiddo ging und nicht mit ihr. (Noch eine Sache, die man nur vermuten kann, die man aber nicht zum Verständnis der Story braucht.) Stattdessen sehen die anderen Killer die Sache wie einen normalen Auftragsmord (auch wenn das, wie im ersten Teil dieser Review erwähnt, nicht ganz zutrifft). Nur Bill will bestrafen. In dem Moment, in welchem das geschieht (also er sie erschießt), lässt der Straftrieb bei ihm schlagartig nach, da die Strafe ja nun ausgeführt ist, und das Gefühl der Liebe kehrt zurück. Da die Braut nun aber nicht mehr ansprechbar ist, also nicht als Projektion seiner Liebe dienen kann (und weil er auf Blondinen steht), gibt er vor, sich nunmehr Elle Driver zuzuwenden. Diese glaubt es auch (bzw. sie macht den Eindruck), aber um sie wirklich zu lieben, empfängt er Kiddo im letzten Kapitel mit viel zu offenen Armen. Diese Beobachtung sollte Anlass genug sein, um zu glauben, dass er seine Liebe für Kiddo einfach sehr gut versteckt hat. Im Gespräch mit Sofie Fatale am Ende vom letzten Teil kommt das nochmal zum Tragen, als er beim Cliffhanger nicht erwähnt, dass Kiddos Tochter auch die seine ist und er hier erneut seine umschmeichelnden Fähigkeiten beweist. Das bloße Vorhandensein der Tochter ist auch so eine Sache, an der man Bills Liebe zu Kiddo festmachen kann: Wäre er wirklich in Elle Driver verliebt, würde BB wohl kaum bei ihm wohnen. Dazu gab es hier bereits einen Artikel von mir. Dort schilderte ich am Ende eine Problemfrage, und ich glaube nun, die Lösung zu haben, nämlich dahingehend, dass Bill Elle Driver nicht wirklich liebte.

Den Bestrafungstrieb verspürt ebenso Beatrix Kiddo. Durchaus in einer ähnlichen Form wie Bill: Beide fühlten sich durch den Anderen verraten, Bill durch die gefälschte Todesnachricht, Kiddo durch den Anschlag, beide versuchen darauf den Anderen zu töten. Beide waren in dem Moment, in welchem sie sich sicher waren, den Tod des Anderen erreicht zu haben, wieder in ihre Liebe zum Anderen zurückgekehrt und haben dabei das eine oder andere Gefühl der Trauer durchlaufen. Die Unterschiede: Bill ist erfolgloser (ach nee), und Kiddo vollführt ihren Straffeldzug an Bill ehrlicher. Aber nur ein bisschen, denn am Ende erlaubt sie sich einen Trumpf, über den sie Bill nicht informierte, denn sie wendet die Fünf-Punkte-Pressur-Herz-Explosionstechnik an. Bill wusste nicht, dass sie das draufhat. Ein bisschen hinterlistig. Oder auch nicht? Die Braut wusste nicht, wieso sie es Bill nicht gesagt hat. Davon abgesehen, tritt sie ehrlicher an Bill, als Bill an sie herantritt: Bill war nicht gerade wehrlos, als Kiddo ihn töten wollte. Er hatte BB, mit der er Kiddos Überraschungseffekt hinwegfegte, außerdem lag im Appartment noch sein eigenes Schwert herum (welches er im Endkampf einsetzte), darüber hinaus noch eine Betäubungswaffe und sein guter alter Single Action Revolver. Demgegenüber war die Braut beim Anschlag auf ihre Hochzeitsprobe vollkommen unbewaffnet. Und als ob das nicht genug wäre, hat sie mit dem Attentat überhaupt nicht gerechnet. Bill hingegen wusste offenbar präzise über den Zeitpunkt des Eintreffens der Braut Bescheid. Eine weitere Hinterlist, die Bill anwendete. Dennoch gelang es Bill nicht, Kiddo zu töten. Kiddo hat wiederum keine Hinterlist angewendet (vom Nichterzählen der Technik abgesehen) und war mit ihrem Vorhaben erfolgreich.

Eine letzte Sache noch zu Kiddo und Bill: Sie beide lieben sich quasi. Und beide haben einen ausgeprägten Straftrieb, der diese Liebe überschatten kann. Nur hat Kiddo, im Unterschied zu Bill, nicht geglaubt, dass Bills Straftrieb diese Liebe komplett ausschalten könnte. Im Endeffekt war das der eine Punkt, an welchem ihre Beziehung zugrunde ging: Bill war nicht in der Lage, seine Liebe zu Kiddo über seinen Straftrieb zu stellen.



Insofern bleibt mir nur noch zu sagen: Makelloser Aufbau, dichte Atmosphäre, die sich über längere Phasen hält, dass sie richtig einwirken kann, keine Verbesserungsvorschläge. Alles ist, wie es sein sollte. Dies ist ein Meisterstück.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen