Platz 1 von 6: Kill Bill
Muss ich vor Spoiling wirklich noch warnen? Ist das wirklich
nötig? Kann man sich das nicht auch selbst ableiten, dass hier mal eben der
ganze Film zitiert wird?
In Tarantinos bisherigem Schaffen gibt es drei Filme, von
denen Leute behaupten, es wäre ihr Lieblings-Tarantino. Entweder ist es Pulp
Fiction oder Kill Bill oder man gehört zur sich noch im Aufbau befindlichen
Inglourious Basterds-Fraktion. Bei mir ist es der erste Tarantino-Streifen, den
ich jemals sah und auch der erste, von dem ich jemals hörte. Es dürfte darüber
hinaus auch der bekannteste sein. Manch einer kann mit dem Titel Reservoir Dogs
nicht so viel anfangen, aber bei Uma Thurman und Kill Bill klingelt es dann.
Der Titel bleibt haften.
Zunächst möchte ich anmerken, dass ich Kill Bill als einen
Film ansehe und nicht zwei, obgleich er in zwei Teile aufgeteilt wurde, die
auch separat verkauft werden und sowohl eigenständige Altersfreigaben als auch
eigenständige Wikipedia-Artikel besitzen. Dennoch erzählen beide Filme erst
zusammen eine Geschichte, und Quentin entschloss sich glaub ich auch erst
während der Dreharbeiten dazu, den Film aufzuteilen. Zwar haben sie Unterschiede
in ihrer Stilistik und kaum jemand sieht sie sich direkt hintereinander an,
aber ich will sie gemeinsam behandeln.
Weshalb liegt Kill Bill bei mir ganz vorne? Mal davon
abgesehen, dass es der erste Tarantino war, den ich sah und der erste Eindruck
immer bleibt. Der erste Grund, den ich angeben würde, ist der, dass es mich
fasziniert, wie man als Zuschauer nur genau das von der Handlung weiß, was zu
ihrem Verstehen notwendig ist. Auch wenn man den Film nicht gesehen hat, so
weiß man doch, dass Uma Thurmans Rolle darin fest verzahnt ist. Mit dem
Gedanken im Hinterkopf sieht man sich den Film dann also an, und die erste
Szene, die man sieht, ist die, wie die Braut blutverschmiert am Boden liegt.
Ein Typ, von dem wir so ziemlich nichts sehen, nur seine Stimme hören, kommt
auf sie zu, und wir wissen, dass es Bill ist, weil es auf seinem Taschentuch
steht. Dann schießt er ihr in den Kopf. Die Art und Weise, wie er vorher mit
ihr sprach, macht klar, dass es eine persönliche Angelegenheit war. Man ist
verwundert, dass die Braut einen Kopfschuss erleidet, der ja in den meisten
Fällen tödlich ist. Dann kommt der Vorspann, bei dem die Braut aufgebahrt in
SW-Optik zu sehen ist. Man könnte eine Vorbereitung zum Begräbnis vermuten.
Dann fängt der Film in Farbe an, die Braut fährt lebendig im
Pick-Up in einem Vorort vor einem Haus vor. Sie klingelt, eine Frau macht auf,
und man sieht sofort eine Rückblende. Auch wenn diese sehr kurz ist, enthält
sie alle nötigen Informationen: Die Braut liegt blutüberströmt (und schwanger)
auf dem Boden, was mit einiger Sicherheit das mit dem Kopfschuss verlaufene
Attentat sein muss. Die Frau ist ebenfalls anwesend (unverletzt und somit an
der Ausführung zweifellos beteiligt). Man weiß also die folgenden Fakten: Der
Braut wurde von Bill in den Kopf geschossen. Sie muss das aber überlebt haben,
denn die Braut ist in der aktuellen Szene am Leben und die andere Einstellung
muss aus der Vergangenheit stammen. Die andere Frau, die damit zu tun hatte,
steht nun vor ihr im Hauseingang. Mehr muss man für die folgenden Geschehnisse
nicht wissen, um sie zu verstehen, man darf aber auch nicht weniger wissen als
das, um es verstehen zu können. Das Wieso und die offenen Fragen spielen noch
keine Rolle, am wichtigsten die Fragen: Wieso der Mord? Und hat sie es
tatsächlich überlebt? Es ist ja nur eine implizite Vermutung, mit der man
weiterarbeitet, um dem Geschehen folgen zu können, die erst noch bestätigt
werden muss. Aber man hat keine Zeit, das alles durch den Kopf durchrattern zu
lassen, denn die Braut schlägt der anderen Frau erst mal volles Pfund eins auf
die Gusche. Diese ist aber kaum wehrlos, sie kann sich gut verteidigen.
Erscheint auch logisch, wenn man den Fakt aus der Rückblende bedenkt, dass sie
am Attentat beteiligt war. Den Kampf könnte man noch länger fortsetzen, aber in
Kill Bill soll jeder Charakter, nun ja, ein eben solcher sein, also
charakterisiert werden. Für Vernita Green (also die Frau) soll dafür auch
Gelegenheit bestehen, und das klappt nicht, wenn sie in dem Kampf direkt umkommt.
Daher wird er unterbrochen, durch ihre Tochter. Das allein trägt zu ihrer
Charakterisierung bei, dass sie eine Tochter hat, die zur Vorschule geht und
all das. Im Gespräch zwischen der nun angekommenen Tochter und den beiden
Frauen, die ihren Kampf notgedrungen unterbrechen mussten erfährt man, wie
lange das Attentat zurückliegt und erhält damit die erste zeitliche Einordnung:
Die Tochter ist vier, und die Tochter der Braut (wir erinnern uns, in der
Rückblende war sie hochschwanger) wäre jetzt ebenfalls vier. Damit liegt das
Attentat irgendwas über vier Jahre zurück, und Vernita Green muss sich direkt
danach zurückgezogen haben (oder war gar bereits mit dem Aufbau ihres
bürgerlichen Lebens beschäftigt). Im späteren Gespräch erfahren wir weiterhin
das Ausmaß des Mordes: Nicht nur auf die Braut wurde geschossen, auch ihr
Zukünftiger musste dran glauben und dass sie ihr Kind nicht zur Welt bringen
konnte, wussten wir schon.
Aber es genügt nicht, dass sie ein anderer Mensch geworden
ist oder es zumindest vorgibt. Wäre sie ein komplett anderer Mensch, hätte sie
wohl kaum eine Schusswaffe in der Cornflakes-Packung. Das fügt ihr eine
heimtückische Dimension hinzu, über die wir noch häufig stolpern werden. Somit
hat sie ihren Zug verbraucht, die Braut ist dran mit einem Ablenkungsmanöver
(die getretene Tasse), ein Messer, zuck, und der Termin auf dem Baseballfeld
ist geplatzt. Tragisch, dass die Tochter das doch noch mit ansehen musste, da
sie entgegen der Anordnung ihrer Mutter doch wieder heruntergekommen ist. Die
Braut meint, dass sie auf die Kleine warten würde, wenn diese im
Erwachsenenalter immer noch Rache nehmen wöllte. Den letzten Teil ihres Satzes
flüstert sie, das kommt später nochmal vor, zum Beispiel an der Stelle, an der
sie von Hattori Hanzo ein Schwert will, obwohl der so etwas nicht mehr macht. (Über
das Flüstern wollte ich noch was sagen, aber ich wüsste nicht mehr, was.) So
zieht die Braut verrichteter Dinge von dannen und hakt den Namen auf ihrer
Todesliste ab. Es sind also mehrere Ziele, die sie in Angriff nimmt. Mit dem
Voiceover des Japaners in diesem Teil des Kapitels wird der ernste Ton
verstärkt. Und direkt danach wird er gebrochen mit dem Pussy Wagon-Aufkleber,
der mal so gar nicht zu dem knallharten Killer-Image passt.
Wir wissen also Folgendes: Die Braut wurde lebensgefährlich
verletzt, hat überlebt, im Gegensatz zu ihrer Familie und will nun Rache nehmen
an den Verantwortlichen, die von einem Kerl angeführt werden, von dem wir nur
wissen, dass er Bill heißt. Von einem der Ziele haben wir gesehen, wie sie das
tat, und der Grund, warum es ausgerechnet dieses Ziel war, welches wir als
erstes tot sehen, ist der, dass die Aktion am schnellsten ging. Das Ausschalten
war eine Frage von Minuten. Die anderen brauchten entweder länger oder waren
komplizierter. Mehr wissen wir nicht. Und das Überleben der Braut war auch nur
eine implizite Vermutung. Damit man diesbezüglich nicht länger auf wackligen
Beinen steht, kommen die Folgen des Attentates direkt in der nächsten Szene,
bei der dann auch das Überleben der Braut geklärt wird. Aber Kopfschuss bleibt
Kopfschuss, daher liegt sie zunächst komatös im Krankenhaus. Nächste Frage: Wie
kommt sie da raus, ohne dass sie von jemandem, insbesondere vom
Attentatskommando, bemerkt wird? Mit einem offiziellen Entlassungsschein wäre
sie unter permanenter Beobachtung. Daher stiehlt sie sich heraus, als sie
unbemerkt aufwacht, wobei noch die Frage beantwortet wird, wie sie an den Pussy
Wagon gelangt. Und selbst in der vorherigen Zwischensequenz, in der wieder Bill
auftaucht, sehen wir nur seine Hand, und die kennen wir schon. Nun ist sie also
damit beschäftigt, sich selbst wieder körperlich fit zu machen, denn sie hat
sich ja vier Jahre lang nicht bewegt, ihre Muskeln sind also unfähig, auch nur
einen Meter zu laufen. Dieses Training dauert einige Zeit. Jetzt wissen wir
etwas mehr: Die Braut hat das Attentat überlebt und ist in der Lage, unerkannt
zu entkommen. Das nächste, was wir von ihr wissen, ist ihr Racheplan. Einige
Fragen dazu, eine davon immer noch die alte: Wieso der Mordversuch? Woher
kennen die gegensätzlichen Parteien sich? Wenn man sich die Zwischensequenz mit
Elle Driver ansieht, wird erneut klar, dass das kein einfacher Auftragsmord
war, sondern eine persönliche Angelegenheit, wie schon erwähnt. Also was ist in
der Vergangenheit vorgefallen? Diese Frage bleibt weiterhin unbeantwortet, weil
sie die Handlung vorantreibt. Nächste Frage: Wie sieht der Sprung zwischen dem
Entkommen und dem Racheplan aus? Die Leute auf der Todesliste müssen ja
irgendwie erst einmal gesucht werden. Da O-Ren Ishii beim Anschlag auf Vernita
Green bereits durchgestrichen war, interessiert einen ihr Schicksal am ehesten.
Ist auch eine Frage, die offen steht: Was war mit O-Ren? Richtig. Was war mit
ihr? Wie gelangte sie zu dem Attentat?
Beispiel Elle Driver: Sie lässt sich wohl am besten mit der
Braut vergleichen, da die beiden nacheinander mit Bill zusammen waren.
Inwiefern das mit BB in Einklang zu bringen war, darüber gab es hier einen Artikel. Aber egal. Sie
versuchte, die Braut während ihres Komaschlafes zu töten, als sie also völlig
wehrlos war. Bill hält sie davon ab, gegenüber ihm wird sie dann ganz kleinlaut
und mucksig, verfällt aber wieder in ihre Verachtung zurück, sobald sie
auflegt. Später, im zweiten Teil, tötet sie Budd (der mit einem Angriff nicht
einmal gerechnet hat) mit einer giftigen Schlange, anstatt sich ihm im Kampf zu
stellen. Die Ausrüstung wäre am Start gewesen: Er hatte sein Hanzo-Schwert ja
noch, und sie hat nun ebenfalls eins. Zwar wäre es fraglich, inwiefern Budd in
so einer Situation ebenfalls fair gewesen wäre, da er einer ist, der die
Haudrauf-Methodik gerne einsetzt, aber nichtsdestotrotz wäre das bei weitem
ausgeglichener. Die Schlange illustriert gar in besonderem Maße die Natur von
Elle Driver, denn sie hätte die gar nicht nötig gehabt. Elle Driver kauft von
Budd das Schwert, sodass sie nun eine Waffe besitzt und er seine Schrotflinte
gar nicht einsatzbereit hat, also unbewaffnet ist. Mit ihrem Training wäre es
für sie ein Leichtes gewesen, Budd mit dem Schwert zu töten. Stattdessen wendet
sie eine hinterlistige Methode an, indem sie die Schlange versteckt. Und dann
lügt sie am Telefon Bill in Bezug auf die Täterschaft am Tod von der Braut und
von Budd an. Hinterlistigkeit. Eine letzte Sache zu dem Beispiel von Elle, auch
wenn es eine durchaus krawallsymbolische Sache ist: Sowohl die Braut als auch
Elle Driver haben bei Pei Mei eine Ausbildung gemacht. Visuell entsprechen sie
beide seinem Hassbild (blonde Frau aus Amerika), allerdings durchsteht die
Braut die Sache mit großer Willensanstrengung, während sich Elle Driver zu
einer abfälligen Bemerkung hinreißen lässt. Woraufhin ihr von Pei Mei ein Auge
entfernt wird. Aus diesem Grund vergiftet sie ihn. Das soll ihren Charakter
zusätzlich unterstreichen, da Elles Handeln bei Pei Mei ihre Wesensart zum
Ausdruck brachte. Ist eine ziemlich alte Weise der Charakterisierung und auch
nicht aus dem Bereich des Realismus, sondern übertrieben klischeebehaftet und
es ist ein kleiner Gedankensprung nötig („Nur Leute, die so und so drauf sind,
widersetzen sich einer Autoritätsperson, egal wie unmenschlich diese erscheinen
mag!“), und davon mal abgesehen würde wohl jeder, dem von einem körperlich in
jeder Hinsicht Überlegenen der Spaß am 3D-Kino genommen wurde, mit Methoden
kontern, von denen derjenige überhaupt keine Ahnung hat, die aber wegen ihrer
Wuchtigkeit notwendigerweise in seinem Tod enden. Ich nehme mich selbst nicht
davon aus; wenn irgendein dahergelaufener Überkrieger mir ein Auge rausreißt,
dann will ich nicht einfach nur ein Entschuldigungsschreiben mit Küsschen von
dem Penner, ich will den fertigmachen. Aber im klassischen Kampf braucht man
kein Stratege zu sein um zu wissen, wie so etwas endet. An der Stelle müsste
man eine Hinterhältigkeit also aus einem differenzierten Winkel betrachten: Es
ist dann einfach eine realistische Abschätzung. Der Fakt, dass dieser Gedanke
bei Kill Bill aber erst unter zwei Decken auftaucht, und erst, nachdem man
genauer drüber nachdenkt und den Fakt außenvorlässt, dass Pei Mei, selbst wenn
er der Braut wertvolle Dinge beigebracht hat, von Anfang an ein Riesenarschloch
war, zeugt von gutem Erzählen. Man hat deswegen nicht gleich Mitleid mit Pei
Mei, aber das ist, wie erwähnt, eher SEINEM Wesen zuzuschreiben und nicht dem
von Elle Driver.
So. Wie geht’s weiter?
Wir hatten also bisher den von mir als Erstes genannten
Grund, warum mir Kill Bill so gefällt: Man weiß nur das, was man wissen muss.
(Die Ausbildung der Braut, die von allen Teilen am Beginn steht, sieht man
erst, wenn man ihre Fähigkeiten, auszubrechen, sehen würde und sich das nicht
erklären kann.) Wir hatten eine kurze Charakterisierung von O-Ren Ishii und
Vernita Green und eine längere von Elle Driver. Budd fehlt noch, die Braut ist
das charakterliche Gegenteil von Elle Driver, und, äh, Bill. Kleine Anmerkung
zu Bill: Im Wesentlichen hatten wir bisher nur den Handlungsablauf des ersten
Teils; vom zweiten hingegen nur das, was für Elles Charakterisierung nötig war.
Und da ging es nicht um Bill. Und was hat man im ersten Teil von Bill gesehen?
Worauf ich hinaus will, ist, dass diese Review bereits vier Seiten umfasst, den
ersten Teil abschloss, und dennoch gab es hier noch keinen reviewten Moment, in
welchem man Bill tatsächlich gesehen hat. Im ersten Teil sieht man Bills
Gesicht nicht (nur eins, von dem man glauben könnte, es wäre seins, dabei ist
es das von Budd) und in den Ausbildungen von Elle und Beatrix Kiddo nur ganz am
Anfang, und das kam erst im zweiten Teil. Und im zweiten Teil dieser Review
geht es dann auch weiter.
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