Mittwoch, 15. Februar 2012

Text über die Demo gegen ACTA (Rostock) Teil 1

Das erste, was ich machen wollte, war das Ansehen der heutigen Tagesschau in der Mediathek der ARD. Dies, um zu überprüfen, wie die Berichterstattung über die in den letzten 24 Stunden geschehenen Demonstrationen gegen ACTA, Anti Counterfeiting Trade Agreement, ausfiel. Um meinen eigenen Eindruck nicht zu verfälschen, zunächst der Bericht.

Die Nachrichtenpräsenz von SOPA und PIPA wird wohl jeder mitbekommen haben. Direkt danach erschien ACTA auf der Bildfläche. Für mich begann diese Story mit einem Blogeintrag auf The Wind Cries Amy, hier zu finden. In diesem wird der 11.2.2012 als europaweiter Tag der Anti-ACTA-Demos angezeigt, mit der Teilnahmeaufforderung. Zunächst noch zögernd, bildete sich in mir dann doch zügig der Gedanke aus, bei diesen Demos mitzumachen. Ich machte mich kurz schlau und entdeckte dann eine Karte mit allen Demonstrationsorten, die laufend aktualisiert wurde. Diese behielt ich für die folgenden anderthalb Wochen unter ständiger Überwachung. Die nächste Demo war in Berlin geplant. Mit dem Zug würde das recht kostenintensiv werden, aber ich blieb am Ball. Es war ja noch ein wenig Zeit. Und siehe da, nach einer Weile erschien dann auch Rostock auf dieser Karte. Dies blieb der nächstgelegene Ort. Zwar wurde mit Neubrandenburg ein Ort genannt, der räumlich noch näher lag, jedoch bringe ich mit dieser Stadt nur den Ort meiner Musterung in Verbindung. Außerdem war die Zugkarte sogar noch etwas teurer. Und in Rostock wird mehr los sein. Daher blieb dieser Ort in meiner Planung.

Der elfte Februar rückte an. Tags zuvor, am Freitag, kaufte ich die Lebensmittel bereits am Vormittag. Nicht gerade meine gewohnte Einkaufszeit, und es fühlte sich auch merkwürdig an, so weit in die Zukunft (drei Tage) einzukaufen, was mir sonst nur bei den Septemberwochen passiert, wenn überhaupt. Die Zugfahrzeiten waren in der Nacht festgeschrieben und die verschiedenen Szenarios durchgeplant. Ursprünglich wollte ich 11.21 Uhr losfahren und dann mit dem IC weiter nach Rostock, damit mir genügend Zeit bleibt, mir einen Stadtplan zu besorgen. Das war unnötig, da ich einen ausreichend auflösenden Plan fand, auf welchem alle wichtigen Orte verzeichnet waren. Ich fuhr zwei Stunden später, da es in der Nacht davor recht spät wurde und die örtliche Anti-ACTA-Abteilung auch mit diesen Zügen fahren wollte. Dies tat sie auch, mit mehreren Schildern und Plakaten ausgerüstet. In Stralsund war mein Ziel, ein Gruppenticket zu kriegen. In der Facebook-Gruppe der Demo waren Kommentare aufgelistet, dass einige Stralsunder mit dem 14.00 Uhr-Zug fahren wollten und es da Gelegenheit gibt, ein solches Ticket zu erwerben. Wir stiegen aus dem Waggon aus, der im Übrigen mit diversem Papiermüll zugeschmissen war (wir waren das nicht) und einige sprachen über weiterreichende politische Hintergründe. Unser Ausstieg war bei Gleis 5, daher mussten wir zunächst durch die Unterführung. Wieder oben angekommen, machte sich alles auf zu Gleis 4. Direkt am Gleis würde niemand stehen, der noch Kartenbedarf hat, daher die Blicke in die andere Richtung. Da sehe ich tatsächlich Anna am Fahrkartenautomaten (ihr erinnert euch an sie aus den Skizzenfestival Diaries). Wir besorgen uns ein Gruppenticket. Für jeden zwölf Euro, inklusive Rückfahrt. Die Hinfahrt hätte im Normalpreis schon mehr gekostet. Habe gerade kein Kleingeld dabei, daher mache ich beim Bäcker den Zwanziger klein.

Wir steigen mit den anderen Demonstranten, die inzwischen eine recht beachtliche Anzahl erreicht haben, in den Zug ein. Der Waggon ist recht voll, daher setzen wir uns in den nächsten, direkt in Durchgangsnähe, weil da noch mehrere Plätze frei sind. Ob ich das gut entschieden habe, bleibt zweifelhaft, da dauernd irgendwer durchmarschiert und die Tür so einen Knall produziert, wie wenn man die Abfallbehälter in den alten zweiten Klassen im Regionalexpress ungebremst zuknallen lässt. Es werden Blätter von den Piraten verteilt. Nach ungefähr einer Stunde kommen wir in Rostock an. Die Demonstranten sammeln sich zunächst vor dem Zug. In fünf Minuten ist Demobeginn. Ich sehe einige mit Guy Fawkes-Masken, darunter auch eine Teilnehmerin im tatsächlichen Piratenkostüm. Zwar hatte der Veranstalter verlautbaren lassen, dass das Tragen von Guy Fawkes-Masken, so verlockend es auch sein mag, nicht gut aufgenommen wird (weil wegen Vermummungsverbot), allerdings tragen sie die auch nur, bis wir bei der Demo eingetroffen sind. Wir gehen los und die Straßenlaternen und Bäume erweisen sich für die Schilder- und Fahnenträger als durchaus tückisch.

Wir erreichen den Demonstrationsstartplatz kurz vor halb vier, und er ist nach wie vor noch gut gefüllt. Der Demozug hat also noch nicht begonnen. Ich las gestern noch den Vorschlag, dass die Guy Fawkes-Masken auf dem Hinterkopf getragen werden könnten, und das scheint in Ordnung zu sein, denn diese Trageweise üben jetzt mehrere aus. Anna und ich postieren uns ein wenig abseits, wo nicht so viele Menschen sind und man demzufolge noch Luft kriegt. Wie viele mögen hier anwesend sein? Es hatten auf Facebook 945 Leute zugesagt, und die Anzahl der Eingeladenen ist tatsächlich Legion: Etwas mehr als 6.000 Einladungen wurden abgesendet. Einer meinte, er wäre froh, wenn von den knapp 1.000 Zusagen die Hälfte tatsächlich antanzt. So wie ich die Lage einschätze, kommt das durchaus hin. Anna fotografiert, ich skizziere. Die vier wichtigsten Stifte packe ich in die Jackeninnnentasche zu meinem ausgedruckten Stadtplan. Anna schaut sich ein bisschen unter den Leuten um. Kurz bevor es losgeht, tue ich dasselbe, unter anderem weil man so einen besseren Eindruck bekommt, aus welchen Bevölkerungsschichten die Anwesenden stammen.

Dann beginnt der Demonstrationszug. Unerwartet ruhig. Es brüllt kaum jemand dazwischen, ab und zu ertönt eine Pfeife. Für eine weitere Skizze reicht die Umgebung allemal aus. Wenig später sehe ich Anna ein paar Meter vor mir. Sie hat noch jemandem aus dem Speicher getroffen. Wir stellen uns einander vor, er heißt Erik. So langsam erhalten wir einen Überblick, wer so alles dabei ist: höfliche Punks, abgebrühte Typen im T-Shirt (bei beachtlichem Schneebelag auf den Straßen), Leute mit Kinderwagen, ältere Leute, haufenweise Standardstudenten, und ein Hund. Der uns gerade von rechts über den Weg läuft. Der Zug stoppt gerade, weil wir eine Straße überqueren. Diese wurde von der Polizei gesperrt, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Manche hatten die Laune, den dadurch stehengebliebenen Autofahrern zuzuwinken, davon wanken einige zurück mit Kommentaren. Wir haben uns amüsiert. Irgendwie sind wir dann bis an den hinteren Pol der Demo gelangt, wo wir doch vorher im Mittelfeld mitschwammen. Der erste Kundgebungsort war nicht mehr weit. Es war ein kleinerer Platz, vor dem ein Gebäude stand, dessen Eingang auf Höhe der ersten Etage lag, so dass davor eine Plattform entstand, die über Treppen erreichbar war. Anna machte von dort Fotos, ich eine Skizze, und Herr Ewert war ebenfalls anwesend.

Meiner Schätzung zu Folge hatten wir die Hälfte der Strecke nun hinter uns. Nach ein paar Minuten ging es weiter. Anna und Erik konnte ich nirgendwo sehen, ich ging dann runter, um sie zu suchen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Nachdem wir die Straße ein paar Meter weiter nördlich in entgegengesetzter Richtung überquerten, lichtete sich die Menschenmenge wegen des nun zusätzlich zur Verfügung stehenden Platzes ein wenig, so dass sie leichter zu durchblicken war. Ich lief auf der rechten Seite nebenher, und meine Geschwindigkeit war ein Minimum höher als die der anderen Leute. Auf diese Weise konnte ich vom relativen Ende des Zuges nach vorne gehen und dabei gleichzeitig Anna suchen. Mit einer gut geeigneten Methode, denn auf Grund des geringen Geschwindigkeitsunterschiedes sah ich jeden Einzelnen mehrmals. Dennoch fand ich sie vorerst nicht.

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