Montag, 17. Dezember 2012

Und du bist hier für'n Fuck





Ihr habt gesehen, wie die Geschichte bisher verlaufen ist. Es wurde bereits Einiges abgedeckt. Aber ein paar Sachen fehlen mir noch. Und sobald ich diese erledigt hab, beende ich meine Review zu
Kill Bill.


Nächster Grund, weshalb ich Kill Bill klasse finde: Der Film nimmt sich Zeit. Die Story ist schnell zusammengefasst: Eine Frau wird angegriffen, überlebt aber, und nachdem sie aus dem Koma erwacht ist, stellt sie eine Todesliste mit Verantwortlichen zusammen und arbeitet diese ab. Simpel zu verstehen, könnte man, wenn man wollte, innerhalb von neunzig Minuten behandeln. Aber nein, nicht hier, nicht bei Kill Bill. Hier wird jeder noch so tief verwinkelte Moment, der irgendwas mit der Handlung zu tun hat, beleuchtet. Interessant fand ich das gerade bei Budd, Bills Bruder. Ihn sieht man im ersten Teil nur in einem kurzen Take, und das ist an der Stelle, an der alle Attentäter auf die Braut hinuntersehen. Ihn könnte man durchaus für Bill halten, ist er aber nicht. So erfährt man die Verknüpfung zwischen dem Namen und dem Gesicht erst im zweiten Teil, wie bei Bill. Und dennoch ist er kein blasser Charakter. Obgleich man seine Auftritte in vier Teile teilen kann, es sind weniger Szenen, wobei die Einteilungen sich jeweils ähneln: Als erstes Budd im Gespräch mit Bill, bei dem die Zweiseitigkeit Budds skizziert wird. Er ist nach außen hin ein verkommenes Subjekt, arbeitet in einer Topless-Bar (zweiter Auftritt), räumt aber als Einziger des Attentatskommandos der Braut ihr Recht auf Genugtuung ein und stellt sich ihr gewissermaßen. Das heißt aber nicht, dass er von vornherein aufgibt oder auf prinzipiell nicht wirklich verwerfliche Kampftaktiken verzichtet. (Überleitung zum dritten Auftritt Budds.) Natürlich war es kein Moment von gleich zu gleich, als er die Braut über Kimme und Korn erwischt hat, unfair würde ich das hingegen nicht nennen. Sie hatte am Schwert einen deutlichen Vorteil, und der Umstand, dass er über eine ähnliche Waffe verfügt wie die Braut, ändert daran nichts. Also macht er Gebrauch von einem taktischen Element, welches seinen Nachteil kompensiert, nämlich die Überraschung. Erwähnenswert, dass Budd, als Nichtfeigling, der Einzige ist, der die Braut erwischt hat.




Über Budd könnte ich noch lange weiterreden, ich finde diesen Charakter irgendwie faszinierend. Aber das würde sich nie jemand durchlesen, gerade weil der Film den Charakter detailliert ausleuchten kann, deshalb belasse ich das an dieser Stelle mal damit, dass ich es schon irgendwie ironisch finde, wie Budd als Nichtfeigling von Hinterlist und Heimtücke eingeholt wird (nämlich an einem Punkt, an welchem er das überhaupt nicht erwartet hätte). Mache ich lieber mit Bill weiter. Bill erkennt man in der ersten Szene im zweiten Teil lediglich an seiner Stimme, man sieht ein altes Gesicht, fragt sich, wer dieser Mann sein mag, die Stimme verrät, ebenso wie die Tonlage, dass es Bill ist, und die beiden wohl kaum verfeindet auseinandergingen. Vielleicht nicht notwendigerweise im Guten, aber auch nicht im Zoff. Das wirft direkt neue Fragen auf: Wie sah deren Vergangenheit aus? Derartige Fragestellungen zogen sich schon bis zu diesem Zeitpunkt, aber nun sind sie an einem zentralen Dreh- und Angelpunkt vereint. Auch hier weiß man nur, was man wissen muss. Wie der Ablauf bei dem Massaker nun genau war, interessierte den Zuschauer bereits die ganze Zeit, aber am Anfang des zweiten Teils ist das eine Information, deren Vorenthalt nur noch um des Vorenthaltes willen geschehen würde. Sprich, es wäre Quatsch, die Handlung solcherart zu verbreien.

Sonst noch was?

Ich hab noch was vergessen. Nämlich was in der Entwicklung beim Kampf zwischen Elle und Beatrix drinsteckt. Da mache ich jetzt wieder einen Rückgriff, und zwar auf das Element der Heimtücke. Beatrix Kiddo und Budd sind frei von dieser Eigenschaft, Beatrix, weil sie edel ist, Budd, weil er einfach ist. Elle Driver ist quasi das Gegenstück zur Braut, und damit steckt sie voller Heimtücke. Im direkten Aufeinandertreffen zwischen Elle und Beatrix gibt es eine Sache, die mir auffiel: Elle hat ja Pei Mei vergiftet, und dafür reißt die Braut ihr das zweite Auge heraus. Kann man als gerechte Strafe sehen im Sinne der Charakterisierung, die während dieses Segmentes aktuell war (Pei Mei war für das erste Auge verantwortlich). Nun ist Elle Driver also blind und damit vollkommen kampfunfähig, also wehrlos. Sie jetzt umzubringen, wäre ein unfairer, heimtückischer Vorteil, und das liegt nicht in der Natur von Beatrix Kiddo. Aus diesem Grund tötet sie Elle nicht aktiv und macht damit die einzige Ausnahme von ihrer Todesliste. Das unterstreicht die Edelmütigkeit der Braut, die nicht grundlos tötet, selbst wenn ein Affekt das rechtfertigen würde. Ähnliches kurz nach der Schlacht mit den Verrückten 88, wo sie auch längst nicht jeden im Kampf tötet, und wenn der erst einmal vorbei ist, sieht sie davon auch ab.




Noch eine Notiz: Das Vergiften seitens Driver war heimtückisch, die Steinsalzladung von Budd hingegen nicht. Denn mit mehr Vorsicht wäre es möglich gewesen, Budds Plan zu durchkreuzen. Beim Giftmord hingegen kann man prinzipiell erst dann wissen, was Sache ist, wenn man bereits röchelnd am Boden liegt. Und ohnehin steht der Giftmord traditionell für Heimtücke.

Aber ich bin mit Bill noch nicht fertig.

Es ist eine Form der Liebe, die Bill für Kiddo empfindet, die von einem Bestrafungsdrang beiderseits überlagert wird. Ich denke, er war die ganze Zeit in sie verliebt, nur war dieses Gefühl in den Schatten gestellt in dem Moment, in welchem er von Kiddos Absetzung erfuhr. Dies empfand er als Verrat, daher wollte er sie bestrafen. Für Verrat gibt ein, wie er sich selbst nennt, „mordender Mistkerl“ naheliegend die Todesstrafe. Die anderen Akteure sehen das Massaker nicht als Bestrafung einer Person an oder als persönliche Angelegenheit, abgesehen von Elle, die einfach eine Abneigung gegen Kiddo hat, wahrscheinlich, weil Bill mit Kiddo ging und nicht mit ihr. (Noch eine Sache, die man nur vermuten kann, die man aber nicht zum Verständnis der Story braucht.) Stattdessen sehen die anderen Killer die Sache wie einen normalen Auftragsmord (auch wenn das, wie im ersten Teil dieser Review erwähnt, nicht ganz zutrifft). Nur Bill will bestrafen. In dem Moment, in welchem das geschieht (also er sie erschießt), lässt der Straftrieb bei ihm schlagartig nach, da die Strafe ja nun ausgeführt ist, und das Gefühl der Liebe kehrt zurück. Da die Braut nun aber nicht mehr ansprechbar ist, also nicht als Projektion seiner Liebe dienen kann (und weil er auf Blondinen steht), gibt er vor, sich nunmehr Elle Driver zuzuwenden. Diese glaubt es auch (bzw. sie macht den Eindruck), aber um sie wirklich zu lieben, empfängt er Kiddo im letzten Kapitel mit viel zu offenen Armen. Diese Beobachtung sollte Anlass genug sein, um zu glauben, dass er seine Liebe für Kiddo einfach sehr gut versteckt hat. Im Gespräch mit Sofie Fatale am Ende vom letzten Teil kommt das nochmal zum Tragen, als er beim Cliffhanger nicht erwähnt, dass Kiddos Tochter auch die seine ist und er hier erneut seine umschmeichelnden Fähigkeiten beweist. Das bloße Vorhandensein der Tochter ist auch so eine Sache, an der man Bills Liebe zu Kiddo festmachen kann: Wäre er wirklich in Elle Driver verliebt, würde BB wohl kaum bei ihm wohnen. Dazu gab es hier bereits einen Artikel von mir. Dort schilderte ich am Ende eine Problemfrage, und ich glaube nun, die Lösung zu haben, nämlich dahingehend, dass Bill Elle Driver nicht wirklich liebte.

Den Bestrafungstrieb verspürt ebenso Beatrix Kiddo. Durchaus in einer ähnlichen Form wie Bill: Beide fühlten sich durch den Anderen verraten, Bill durch die gefälschte Todesnachricht, Kiddo durch den Anschlag, beide versuchen darauf den Anderen zu töten. Beide waren in dem Moment, in welchem sie sich sicher waren, den Tod des Anderen erreicht zu haben, wieder in ihre Liebe zum Anderen zurückgekehrt und haben dabei das eine oder andere Gefühl der Trauer durchlaufen. Die Unterschiede: Bill ist erfolgloser (ach nee), und Kiddo vollführt ihren Straffeldzug an Bill ehrlicher. Aber nur ein bisschen, denn am Ende erlaubt sie sich einen Trumpf, über den sie Bill nicht informierte, denn sie wendet die Fünf-Punkte-Pressur-Herz-Explosionstechnik an. Bill wusste nicht, dass sie das draufhat. Ein bisschen hinterlistig. Oder auch nicht? Die Braut wusste nicht, wieso sie es Bill nicht gesagt hat. Davon abgesehen, tritt sie ehrlicher an Bill, als Bill an sie herantritt: Bill war nicht gerade wehrlos, als Kiddo ihn töten wollte. Er hatte BB, mit der er Kiddos Überraschungseffekt hinwegfegte, außerdem lag im Appartment noch sein eigenes Schwert herum (welches er im Endkampf einsetzte), darüber hinaus noch eine Betäubungswaffe und sein guter alter Single Action Revolver. Demgegenüber war die Braut beim Anschlag auf ihre Hochzeitsprobe vollkommen unbewaffnet. Und als ob das nicht genug wäre, hat sie mit dem Attentat überhaupt nicht gerechnet. Bill hingegen wusste offenbar präzise über den Zeitpunkt des Eintreffens der Braut Bescheid. Eine weitere Hinterlist, die Bill anwendete. Dennoch gelang es Bill nicht, Kiddo zu töten. Kiddo hat wiederum keine Hinterlist angewendet (vom Nichterzählen der Technik abgesehen) und war mit ihrem Vorhaben erfolgreich.

Eine letzte Sache noch zu Kiddo und Bill: Sie beide lieben sich quasi. Und beide haben einen ausgeprägten Straftrieb, der diese Liebe überschatten kann. Nur hat Kiddo, im Unterschied zu Bill, nicht geglaubt, dass Bills Straftrieb diese Liebe komplett ausschalten könnte. Im Endeffekt war das der eine Punkt, an welchem ihre Beziehung zugrunde ging: Bill war nicht in der Lage, seine Liebe zu Kiddo über seinen Straftrieb zu stellen.



Insofern bleibt mir nur noch zu sagen: Makelloser Aufbau, dichte Atmosphäre, die sich über längere Phasen hält, dass sie richtig einwirken kann, keine Verbesserungsvorschläge. Alles ist, wie es sein sollte. Dies ist ein Meisterstück.


Dein Name ist Buck



Platz 1 von 6: Kill Bill

Muss ich vor Spoiling wirklich noch warnen? Ist das wirklich nötig? Kann man sich das nicht auch selbst ableiten, dass hier mal eben der ganze Film zitiert wird?


In Tarantinos bisherigem Schaffen gibt es drei Filme, von denen Leute behaupten, es wäre ihr Lieblings-Tarantino. Entweder ist es Pulp Fiction oder Kill Bill oder man gehört zur sich noch im Aufbau befindlichen Inglourious Basterds-Fraktion. Bei mir ist es der erste Tarantino-Streifen, den ich jemals sah und auch der erste, von dem ich jemals hörte. Es dürfte darüber hinaus auch der bekannteste sein. Manch einer kann mit dem Titel Reservoir Dogs nicht so viel anfangen, aber bei Uma Thurman und Kill Bill klingelt es dann. Der Titel bleibt haften.

Zunächst möchte ich anmerken, dass ich Kill Bill als einen Film ansehe und nicht zwei, obgleich er in zwei Teile aufgeteilt wurde, die auch separat verkauft werden und sowohl eigenständige Altersfreigaben als auch eigenständige Wikipedia-Artikel besitzen. Dennoch erzählen beide Filme erst zusammen eine Geschichte, und Quentin entschloss sich glaub ich auch erst während der Dreharbeiten dazu, den Film aufzuteilen. Zwar haben sie Unterschiede in ihrer Stilistik und kaum jemand sieht sie sich direkt hintereinander an, aber ich will sie gemeinsam behandeln.




Weshalb liegt Kill Bill bei mir ganz vorne? Mal davon abgesehen, dass es der erste Tarantino war, den ich sah und der erste Eindruck immer bleibt. Der erste Grund, den ich angeben würde, ist der, dass es mich fasziniert, wie man als Zuschauer nur genau das von der Handlung weiß, was zu ihrem Verstehen notwendig ist. Auch wenn man den Film nicht gesehen hat, so weiß man doch, dass Uma Thurmans Rolle darin fest verzahnt ist. Mit dem Gedanken im Hinterkopf sieht man sich den Film dann also an, und die erste Szene, die man sieht, ist die, wie die Braut blutverschmiert am Boden liegt. Ein Typ, von dem wir so ziemlich nichts sehen, nur seine Stimme hören, kommt auf sie zu, und wir wissen, dass es Bill ist, weil es auf seinem Taschentuch steht. Dann schießt er ihr in den Kopf. Die Art und Weise, wie er vorher mit ihr sprach, macht klar, dass es eine persönliche Angelegenheit war. Man ist verwundert, dass die Braut einen Kopfschuss erleidet, der ja in den meisten Fällen tödlich ist. Dann kommt der Vorspann, bei dem die Braut aufgebahrt in SW-Optik zu sehen ist. Man könnte eine Vorbereitung zum Begräbnis vermuten.

Dann fängt der Film in Farbe an, die Braut fährt lebendig im Pick-Up in einem Vorort vor einem Haus vor. Sie klingelt, eine Frau macht auf, und man sieht sofort eine Rückblende. Auch wenn diese sehr kurz ist, enthält sie alle nötigen Informationen: Die Braut liegt blutüberströmt (und schwanger) auf dem Boden, was mit einiger Sicherheit das mit dem Kopfschuss verlaufene Attentat sein muss. Die Frau ist ebenfalls anwesend (unverletzt und somit an der Ausführung zweifellos beteiligt). Man weiß also die folgenden Fakten: Der Braut wurde von Bill in den Kopf geschossen. Sie muss das aber überlebt haben, denn die Braut ist in der aktuellen Szene am Leben und die andere Einstellung muss aus der Vergangenheit stammen. Die andere Frau, die damit zu tun hatte, steht nun vor ihr im Hauseingang. Mehr muss man für die folgenden Geschehnisse nicht wissen, um sie zu verstehen, man darf aber auch nicht weniger wissen als das, um es verstehen zu können. Das Wieso und die offenen Fragen spielen noch keine Rolle, am wichtigsten die Fragen: Wieso der Mord? Und hat sie es tatsächlich überlebt? Es ist ja nur eine implizite Vermutung, mit der man weiterarbeitet, um dem Geschehen folgen zu können, die erst noch bestätigt werden muss. Aber man hat keine Zeit, das alles durch den Kopf durchrattern zu lassen, denn die Braut schlägt der anderen Frau erst mal volles Pfund eins auf die Gusche. Diese ist aber kaum wehrlos, sie kann sich gut verteidigen. Erscheint auch logisch, wenn man den Fakt aus der Rückblende bedenkt, dass sie am Attentat beteiligt war. Den Kampf könnte man noch länger fortsetzen, aber in Kill Bill soll jeder Charakter, nun ja, ein eben solcher sein, also charakterisiert werden. Für Vernita Green (also die Frau) soll dafür auch Gelegenheit bestehen, und das klappt nicht, wenn sie in dem Kampf direkt umkommt. Daher wird er unterbrochen, durch ihre Tochter. Das allein trägt zu ihrer Charakterisierung bei, dass sie eine Tochter hat, die zur Vorschule geht und all das. Im Gespräch zwischen der nun angekommenen Tochter und den beiden Frauen, die ihren Kampf notgedrungen unterbrechen mussten erfährt man, wie lange das Attentat zurückliegt und erhält damit die erste zeitliche Einordnung: Die Tochter ist vier, und die Tochter der Braut (wir erinnern uns, in der Rückblende war sie hochschwanger) wäre jetzt ebenfalls vier. Damit liegt das Attentat irgendwas über vier Jahre zurück, und Vernita Green muss sich direkt danach zurückgezogen haben (oder war gar bereits mit dem Aufbau ihres bürgerlichen Lebens beschäftigt). Im späteren Gespräch erfahren wir weiterhin das Ausmaß des Mordes: Nicht nur auf die Braut wurde geschossen, auch ihr Zukünftiger musste dran glauben und dass sie ihr Kind nicht zur Welt bringen konnte, wussten wir schon.
 
Aber es genügt nicht, dass sie ein anderer Mensch geworden ist oder es zumindest vorgibt. Wäre sie ein komplett anderer Mensch, hätte sie wohl kaum eine Schusswaffe in der Cornflakes-Packung. Das fügt ihr eine heimtückische Dimension hinzu, über die wir noch häufig stolpern werden. Somit hat sie ihren Zug verbraucht, die Braut ist dran mit einem Ablenkungsmanöver (die getretene Tasse), ein Messer, zuck, und der Termin auf dem Baseballfeld ist geplatzt. Tragisch, dass die Tochter das doch noch mit ansehen musste, da sie entgegen der Anordnung ihrer Mutter doch wieder heruntergekommen ist. Die Braut meint, dass sie auf die Kleine warten würde, wenn diese im Erwachsenenalter immer noch Rache nehmen wöllte. Den letzten Teil ihres Satzes flüstert sie, das kommt später nochmal vor, zum Beispiel an der Stelle, an der sie von Hattori Hanzo ein Schwert will, obwohl der so etwas nicht mehr macht. (Über das Flüstern wollte ich noch was sagen, aber ich wüsste nicht mehr, was.) So zieht die Braut verrichteter Dinge von dannen und hakt den Namen auf ihrer Todesliste ab. Es sind also mehrere Ziele, die sie in Angriff nimmt. Mit dem Voiceover des Japaners in diesem Teil des Kapitels wird der ernste Ton verstärkt. Und direkt danach wird er gebrochen mit dem Pussy Wagon-Aufkleber, der mal so gar nicht zu dem knallharten Killer-Image passt.




Wir wissen also Folgendes: Die Braut wurde lebensgefährlich verletzt, hat überlebt, im Gegensatz zu ihrer Familie und will nun Rache nehmen an den Verantwortlichen, die von einem Kerl angeführt werden, von dem wir nur wissen, dass er Bill heißt. Von einem der Ziele haben wir gesehen, wie sie das tat, und der Grund, warum es ausgerechnet dieses Ziel war, welches wir als erstes tot sehen, ist der, dass die Aktion am schnellsten ging. Das Ausschalten war eine Frage von Minuten. Die anderen brauchten entweder länger oder waren komplizierter. Mehr wissen wir nicht. Und das Überleben der Braut war auch nur eine implizite Vermutung. Damit man diesbezüglich nicht länger auf wackligen Beinen steht, kommen die Folgen des Attentates direkt in der nächsten Szene, bei der dann auch das Überleben der Braut geklärt wird. Aber Kopfschuss bleibt Kopfschuss, daher liegt sie zunächst komatös im Krankenhaus. Nächste Frage: Wie kommt sie da raus, ohne dass sie von jemandem, insbesondere vom Attentatskommando, bemerkt wird? Mit einem offiziellen Entlassungsschein wäre sie unter permanenter Beobachtung. Daher stiehlt sie sich heraus, als sie unbemerkt aufwacht, wobei noch die Frage beantwortet wird, wie sie an den Pussy Wagon gelangt. Und selbst in der vorherigen Zwischensequenz, in der wieder Bill auftaucht, sehen wir nur seine Hand, und die kennen wir schon. Nun ist sie also damit beschäftigt, sich selbst wieder körperlich fit zu machen, denn sie hat sich ja vier Jahre lang nicht bewegt, ihre Muskeln sind also unfähig, auch nur einen Meter zu laufen. Dieses Training dauert einige Zeit. Jetzt wissen wir etwas mehr: Die Braut hat das Attentat überlebt und ist in der Lage, unerkannt zu entkommen. Das nächste, was wir von ihr wissen, ist ihr Racheplan. Einige Fragen dazu, eine davon immer noch die alte: Wieso der Mordversuch? Woher kennen die gegensätzlichen Parteien sich? Wenn man sich die Zwischensequenz mit Elle Driver ansieht, wird erneut klar, dass das kein einfacher Auftragsmord war, sondern eine persönliche Angelegenheit, wie schon erwähnt. Also was ist in der Vergangenheit vorgefallen? Diese Frage bleibt weiterhin unbeantwortet, weil sie die Handlung vorantreibt. Nächste Frage: Wie sieht der Sprung zwischen dem Entkommen und dem Racheplan aus? Die Leute auf der Todesliste müssen ja irgendwie erst einmal gesucht werden. Da O-Ren Ishii beim Anschlag auf Vernita Green bereits durchgestrichen war, interessiert einen ihr Schicksal am ehesten. Ist auch eine Frage, die offen steht: Was war mit O-Ren? Richtig. Was war mit ihr? Wie gelangte sie zu dem Attentat?




Weil keine entsprechend jungen Darsteller gefunden wurden Weil es halt Japan ist und es im gezeichneten Zustand nochmals eindringlicher wirkt, sieht man das in einer Anime-Sequenz. O-Ren gehörte dann später zu den weiblichen Topkillern der Welt, erkennbar daran, dass sie ihr Ziel aus vielen Metern Entfernung im stehenden Anschlag beim ersten Schuss durch ein Hindernis hindurch treffen konnte und dabei noch einen knallroten Ganzkörperanzug trug. Den kann jeder im Umkreis von vier Meilen deutlich erkennen, aber sie kann sich das leisten. Hat die Farbe hier eine spezielle Symbolik? O-Ren trug hier einen roten Ganzkörperanzug, während die Braut im Verlauf einen gelben trug. Während die Braut einen weißen Dress beim Attentat anhatte (und dabei eigentlich tödlich angegriffen wurde), trägt wiederum O-Ren komplett weiß, als sie angegriffen wird. Fiel mir gerade auf. Okay, weiß hat in Japan so etwa die Symbolik, die hierzulande schwarz hat, aber nichtsdestotrotz interessant. Ich schweife ab. Man sieht dann also, wie die Braut ihren Plan an O-Ren vollstreckt, das kennt wohl jeder, der die Spoilerwarnung am Anfang des Textes ernstgenommen hat. Da es nach dem Kampf zwischen der Braut und O-Ren im ersten Teil nicht mehr vorkommt, krame ich mal was hervor, was ich vorhin schon einmal ansprach: Das war die Heimtücke der Leute um Bill. Ich weiß nicht, ob der Begriff Heimtücke dafür besonders gut gewählt ist, ich wollte ein Wort wählen, mit dem ich die Braut und Budd, der erst im zweiten Teil eine Rolle spielt, von den anderen Leuten separieren wollte. Hinterlistigkeit, gelegentlich in Kombination mit Feigheit wäre wohl passender. Beispiel Vernita Green: Sie hat sich eine bürgerliche Existenz aufgebaut, die sie unter anderem für einen Versuch unternimmt, sich von jeglicher Schuld aus der Vergangenheit reinzuwaschen, aber sie stellt sich ihren Taten nicht offen. Stattdessen versucht sie hinterrücks einen unerwarteten Gegenschlag, indem sie eine Pistole im Cornflakes-Karton versteckt. Unter normalen Umständen hat man keine Waffe an so einem Ort. Auf sie würde diese Eigenschaft also zutreffen. Beispiel O-Ren: O-Ren versteckt sich hinter ihrer Privat-Armee und einigen anderen Bodyguards, unter anderem die noch jugendliche Gogo Yubari. Bei einer Siebzehnjährigen dürften so einige Leute heftige Skrupel bekommen, sie umzubringen, selbst wenn es eine Verteidigungssituation ist. Und selbst wenn sie den Kampf aufnehmen, erschwert es ihnen den Sieg, da ihr Gegner wie erwähnt noch minderjährig ist, gewissermaßen. Und nicht nur das: Während sich die Braut einen Kampf mit der Armee liefert, geht O-Ren an einen anderen Ort, von dem aus die Braut nicht mitten im Kampfgeschehen spontan O-Ren angreifen kann. Sie muss also erst an der kompletten Armee vorbei.




Beispiel Elle Driver: Sie lässt sich wohl am besten mit der Braut vergleichen, da die beiden nacheinander mit Bill zusammen waren. Inwiefern das mit BB in Einklang zu bringen war, darüber gab es hier einen Artikel. Aber egal. Sie versuchte, die Braut während ihres Komaschlafes zu töten, als sie also völlig wehrlos war. Bill hält sie davon ab, gegenüber ihm wird sie dann ganz kleinlaut und mucksig, verfällt aber wieder in ihre Verachtung zurück, sobald sie auflegt. Später, im zweiten Teil, tötet sie Budd (der mit einem Angriff nicht einmal gerechnet hat) mit einer giftigen Schlange, anstatt sich ihm im Kampf zu stellen. Die Ausrüstung wäre am Start gewesen: Er hatte sein Hanzo-Schwert ja noch, und sie hat nun ebenfalls eins. Zwar wäre es fraglich, inwiefern Budd in so einer Situation ebenfalls fair gewesen wäre, da er einer ist, der die Haudrauf-Methodik gerne einsetzt, aber nichtsdestotrotz wäre das bei weitem ausgeglichener. Die Schlange illustriert gar in besonderem Maße die Natur von Elle Driver, denn sie hätte die gar nicht nötig gehabt. Elle Driver kauft von Budd das Schwert, sodass sie nun eine Waffe besitzt und er seine Schrotflinte gar nicht einsatzbereit hat, also unbewaffnet ist. Mit ihrem Training wäre es für sie ein Leichtes gewesen, Budd mit dem Schwert zu töten. Stattdessen wendet sie eine hinterlistige Methode an, indem sie die Schlange versteckt. Und dann lügt sie am Telefon Bill in Bezug auf die Täterschaft am Tod von der Braut und von Budd an. Hinterlistigkeit. Eine letzte Sache zu dem Beispiel von Elle, auch wenn es eine durchaus krawallsymbolische Sache ist: Sowohl die Braut als auch Elle Driver haben bei Pei Mei eine Ausbildung gemacht. Visuell entsprechen sie beide seinem Hassbild (blonde Frau aus Amerika), allerdings durchsteht die Braut die Sache mit großer Willensanstrengung, während sich Elle Driver zu einer abfälligen Bemerkung hinreißen lässt. Woraufhin ihr von Pei Mei ein Auge entfernt wird. Aus diesem Grund vergiftet sie ihn. Das soll ihren Charakter zusätzlich unterstreichen, da Elles Handeln bei Pei Mei ihre Wesensart zum Ausdruck brachte. Ist eine ziemlich alte Weise der Charakterisierung und auch nicht aus dem Bereich des Realismus, sondern übertrieben klischeebehaftet und es ist ein kleiner Gedankensprung nötig („Nur Leute, die so und so drauf sind, widersetzen sich einer Autoritätsperson, egal wie unmenschlich diese erscheinen mag!“), und davon mal abgesehen würde wohl jeder, dem von einem körperlich in jeder Hinsicht Überlegenen der Spaß am 3D-Kino genommen wurde, mit Methoden kontern, von denen derjenige überhaupt keine Ahnung hat, die aber wegen ihrer Wuchtigkeit notwendigerweise in seinem Tod enden. Ich nehme mich selbst nicht davon aus; wenn irgendein dahergelaufener Überkrieger mir ein Auge rausreißt, dann will ich nicht einfach nur ein Entschuldigungsschreiben mit Küsschen von dem Penner, ich will den fertigmachen. Aber im klassischen Kampf braucht man kein Stratege zu sein um zu wissen, wie so etwas endet. An der Stelle müsste man eine Hinterhältigkeit also aus einem differenzierten Winkel betrachten: Es ist dann einfach eine realistische Abschätzung. Der Fakt, dass dieser Gedanke bei Kill Bill aber erst unter zwei Decken auftaucht, und erst, nachdem man genauer drüber nachdenkt und den Fakt außenvorlässt, dass Pei Mei, selbst wenn er der Braut wertvolle Dinge beigebracht hat, von Anfang an ein Riesenarschloch war, zeugt von gutem Erzählen. Man hat deswegen nicht gleich Mitleid mit Pei Mei, aber das ist, wie erwähnt, eher SEINEM Wesen zuzuschreiben und nicht dem von Elle Driver.

So. Wie geht’s weiter?

Wir hatten also bisher den von mir als Erstes genannten Grund, warum mir Kill Bill so gefällt: Man weiß nur das, was man wissen muss. (Die Ausbildung der Braut, die von allen Teilen am Beginn steht, sieht man erst, wenn man ihre Fähigkeiten, auszubrechen, sehen würde und sich das nicht erklären kann.) Wir hatten eine kurze Charakterisierung von O-Ren Ishii und Vernita Green und eine längere von Elle Driver. Budd fehlt noch, die Braut ist das charakterliche Gegenteil von Elle Driver, und, äh, Bill. Kleine Anmerkung zu Bill: Im Wesentlichen hatten wir bisher nur den Handlungsablauf des ersten Teils; vom zweiten hingegen nur das, was für Elles Charakterisierung nötig war. Und da ging es nicht um Bill. Und was hat man im ersten Teil von Bill gesehen? Worauf ich hinaus will, ist, dass diese Review bereits vier Seiten umfasst, den ersten Teil abschloss, und dennoch gab es hier noch keinen reviewten Moment, in welchem man Bill tatsächlich gesehen hat. Im ersten Teil sieht man Bills Gesicht nicht (nur eins, von dem man glauben könnte, es wäre seins, dabei ist es das von Budd) und in den Ausbildungen von Elle und Beatrix Kiddo nur ganz am Anfang, und das kam erst im zweiten Teil. Und im zweiten Teil dieser Review geht es dann auch weiter.

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Jeansfälscher



Achtung! Heftige Spoiler für Two Bitch Fuckers voraus!

Ich sehe es schon kommen: Dieser Text wird über sehr seltsame Suchbegriffe gefunden werden. Ähnliches gab es bei meiner Rezension zu Inglourious Basterds bereits zu bestaunen, als ich als Titel die wörtliche Übersetzung einer Zeile aus der deutschen Synchro wählte. Und auch hier wird es so laufen, selbst wenn ich mich bei der Überschrift zurückhalte. Das liegt in diesem Fall nicht an mir, sondern an dem Film, um den es hier gehen soll.




Welcher Marketing-Stratege hat sich den Namen eigentlich einfallen lassen? Jeder Blogger, der über Two Bitch Fuckers seien Report schreibt, muss sich ziemliches FSK-Gezappel oder in diesem Fall wohl eher das von der PEGI gefallen lassen. Aber das soll hier nicht stören. Schließlich soll man Einiges zu lachen haben. Worum geht es denn überhaupt?

Two Bitch Fuckers macht glücklicherweise nicht den grundsätzlichen Fehler, eine 08/15 Hollywood-Komödie zu werden, wie man sie von beispielsweise Adam Sandler oder den anderen Vögeln unsäglich oft ertragen musste. Dennoch trifft man auf diverse altbekannte Elemente: Schnell wird klar, dass der komödiantische Anteil über die Dynamik des Darsteller-Duos Gerard Butler und Karl Urban getragen wird. Gerard Butler kennt man als verdammt geilsten Motherfucker wo gibt aus Zack Snyders 300, während Karl Urban eine eher unbekannte Nummer ist, nichtsdestotrotz hat ihn schon jeder gesehen, und zwar als Eomer in Herr der Ringe Teil 2 (er war derjenige, der relativ am Anfang aus Rohan verjagt wurde mit seiner Reiterschaft, später aber zurückkehrt). Butler und Urban ergeben eine Kombination, die ich in erster Linie von YouTube kenne, nämlich einen bärtigen schwarzhaarigen Typen (Butlers Rolle lässt sich im Film mit der Zeit einen Bart wachsen) und einen drahtigen Hellhaarigen (der Charakter von Karl Urban bleibt zu lange in der Sonne). So ein Duo sind z.B. Gronkh und Sarazar. Könnte auch auf meinen besten Kumpel und mich zutreffen. Wie dem auch sei, die zwei werfen sich auf ihrer Arbeitsstelle immer wieder bissige Kommentare zu. Ungewöhnlicherweise arbeiten sie bei einem Kosmetik-Unternehmen in der Qualitätssicherung, wo sie stichprobenartig die Grenzwerte der Produkte prüfen. Da der Job immer wieder recht eintönig wird, weil man den ganzen Tag nur an irgendwelchen Hochleistungspipetten herumschraubt, Luft aus isolierten Laboren atmet und wartet, dass die Farbe unter dem tröpfelnden Wasserhahn mit Milliliter-Skala umschlägt, beschließen die zwei Jungs, irgendwann mal Urlaub zu machen. An der Stelle, an der das Flugzeug abhebt, kommt ein Cut. Und ein Sprung in der Story: Es geht an einem signifikanten Punkt weiter, und das Ende wird erzählt. Die beiden Laboranten kommen während ihres Urlaubes um. Nachdem der Schluss erzählt ist, geht es mit dem Mittelteil weiter.

Ein taktisch kluger Zug. Da der Film eine Komödie ist, kann man die letzten Frames nicht mit dem Tod der Protagonisten füllen. Da ist es besser, den in den Mittelteil zu verfrachten und erst danach auf die unbekümmerten Umstände einzugehen, die dafür verantwortlich sind, ohne dabei resignativ zu werden.



Eigentlich wollten Butler und Urban in den Senegal fliegen, weil es da kein spanisches Essen gibt, denn Urban hat sich bei einem Ausflug nach Louisiana mit der lokalen Cajun-Küche den Magen nachhaltig verätzt und sich sogar zu einem entsprechenden Gesichtsausdruck hinreißen lassen, man glaubt es kaum. Weil sie aber beim Boarden zu viele Hummeln im Hintern haben und sich die Rolle von Gerard Butler bei einem kürzlich erfolgten Test im Qualitäts-Labor einen fiesen Augenausschlag eingefangen hat und er demzufolge die Anzeigetafeln nicht richtig erkennen kann, landen sie nicht im Senegal, sondern in Angola. Das deutsche Auge kennt diese Situation zur Genüge, und da leistet sich Two Bitch Fuckers zunächst auch eine Schwäche. Dass an der Stelle ein paar Gags mehr abgefeuert werden, entschädigt zumindest dafür etwas.

An der Stelle setzt der Cut ein, und zwar in Gestalt einer Szene anstelle eines Blackframes, wie man das erwarten würde: In dieser Szene sieht man einen namenlosen Charakter, gespielt von Sigourney Weaver. Sie spricht allein in Kamerarichtung äölkjhgfds k cvu (ich hab gerade im Hintergrund ein Video mit runtergepitchter Klavier-Musik zu laufen und musste die Tastenbewegung nachvollziehen), also allein in Kamerarichtung und erläutert jemandem, den wir nicht sehen (wahrscheinlich uns selber), dass die Zeit jetzt springen würde. Damit wird die erzählerische Technik erläutert, die ich oben erwähnte und die quasi direkt aus Pulp Fiction sein könnte.

Butler und Urban sind jetzt also schon seit einiger Zeit in Angola und haben sich schon bis zur Küste durchgenagelt, sehen aber wegen ihres Aufenthaltes bereits deutlich dunkler aus (also Öl und Zeug im Gesicht). In der Zwischenzeit haben sie Bekanntschaft mit irgendwelchen Jeansfälschern gemacht und machen nach wie vor das Beste aus ihrer Situation, während sie weiterhin versuchen, sich zum Senegal durchzuschlagen. Wie das geschehen soll und was die Abläufe davon sind, weiß man noch nicht, denn (Spoiler) das kommt in dem noch offenen Mittelteil.  Sind sie mal nicht damit beschäftigt, zu überleben oder ihre Abreise zu organisieren, treiben Urban und Butler allerlei kindischen Unfug, wie zum Beispiel dem Chef der Jeansfälscher mit Indigoblau ein Gesichtstattoo zu fälschen, nachdem sie den unter den Tisch getrunken haben. Der ist natürlich verwundert, warum ihn von nun an jeder schräg ansieht, nachdem er aber herausgefunden hat, was Sache ist, laufen Butler und Urban weg und kichern sich dabei einen.


 Man stelle sich vor, es wäre Vanilleeis.

Kurz danach versuchen sie sich an ihrer neuen Lieblingsbeschäftigung: Butler versucht ein kleines Tequila-Glas auf dem Kopf zu balancieren, während ihm Karl Urban dauernd in total ernstem Ton Witze erzählt und Butler dabei filmt, wie dieser versucht, dabei nicht zu lachen und das Glas nicht von seinem Kopf fallen zu lassen. Dafür verwenden sie eine Kassetten-Kamera, die sie neben dem Duty-Free-Shop von einer Faltencreme-Besitzerin haben mitgehen lassen. Da Butler der Ausführende war, lässt er sich fortan einen Vollbart wachsen. Ich schweife ab. Denn die Aktion sieht man erst im letzten Drittel des Films, welches ja den Übergang zwischen den beiden anderen Segmenten darstellt. Wie dem auch sei, die beiden holen sich, nachdem sie oben ohne an der Küste übernachtet haben, eine ziemliche Erkältung in die Atemwege, die weitaus schwerer als üblich ist. Zumindest denken sie das: Ein Ortsansässiger meint am nächsten Tag, es könne eine Lungenentzündung sein. Ein Arzt bringt nach einer Woche Aufklärung: In der Zeit, in der Butler und Urban in Angola waren, haben sie sich zwei Frauen angelacht, mit denen sie im Schnitt jede dritte Nacht verbracht haben. So haben sie sich mit HIV infiziert und eine opportunistische Infektion ist gerade dabei, ihnen den Rest zu geben. An der Stelle wirkt der Film wie eine Mischung aus Betty und ihre Schwestern und Knockin‘ on Heaven’s Door: In erstgenanntem stirbt eine der Schwestern, allerdings überraschend undramatisch, zumindest dafür, dass aus den vier Schwestern drei werden. Und in letztgenanntem machen zwei unheilbar tödlich erkrankte Typen in den letzten Tagen ihres Lebens ordentlich einen drauf. Genau diese Strategie verfolgen Butler und Urban dann am Ende auch, da ihnen klar wird, dass sie nicht mehr lebend aus dem Land herauskommen. Da die beiden angelachten Damen ebenfalls HIV-positiv sind (sie sind schließlich die Ansteckungsquelle gewesen), demzufolge in diese Richtung für beide Seiten kein Ansteckungsrisiko mehr besteht, machen sie das Naheliegende ohne jede Hemmung, todesmutig probieren sie das an allen möglichen und unmöglichen, die Nerven kitzelnden, Orten. So tun die beiden noch alles, was sie schon immer machen wollten, ohne dass der Film den Fehler macht, das allzu ausführlich zu schildern, also nicht so, wie dieser Textabschnitt.


Huiuiui, erst mal eine Verschnaufpause gönnen. Am besten mit einem Drink.


Ebendiesen genehmigen sich Butler und Urban in der nächsten Szene, denn der letzte Abschnitt des Films (und damit der mittlere Teil der Handlung) beginnt, und das nahtlos an den Flughafen vom ersten Teil anknüpfend. Die Wandlung vom ersten geschockten Moment bis hin zu den Spaßvögeln, die sie dann werden, wird rasch durchgenommen, damit gar nicht erst eine lethargische Nachdenkpause entsteht. Dann kommt die erwähnte Szene mit der geklauten Kamera und dem Tequila-Glas, ihr erinnert euch. An irgendeinem Punkt muss man aber mal einsehen, dass das Geld alle ist, und so nehmen die beiden kurzerhand jeden Kurzzeitjob an, der ihnen vor die Füße fällt. Hin und wieder wirkt das ungewohnt grotesk, wenn zwei weiße Männer auf der Straße einem die Schuhe putzen und dabei wieselflink umherwandern. Solcherlei sieht man gewiss nicht alle Tage in Angola. Da sie bei der Tätigkeit ständig dem Sonnenlicht ausgesetzt sind, bleichen die Haare von Karl Urban mit der Zeit aus, was ihm das eingangs erwähnte Erscheinungsbild eines drahtigen Hellhaarigen verleiht. Nichtsdestotrotz haben sie ihr Langzeitziel immer noch vor Augen, nämlich in den Senegal zu kommen. Komplett abgebrannt, ist es unmöglich, ein Flugzeugticket zu kaufen. Daher wollen sie es über den Seeweg versuchen, von dem sie sich versprechen, dass er billiger ist. Der Plan sieht folgendermaßen aus: Zunächst schlagen sie sich zur Küste durch, und dort hangeln sie sich dann als blinde Passagiere von irgendwelchen Schiffen und Booten an der Küste entlang. So ungefähr müsste das klappen.

Um für den Plan die Details auszuarbeiten, besorgen sie sich eine Landkarte und wollen beim Essen den Weg vorzeichnen. Kurz bevor sie ein Lokal betreten, bemerkt Karl Urban, dass dort scharfe Cajun-Küche serviert wird, und seine Knie werden zuerst weich, weil er sich an seine Magenstrafe erinnert, dann wieder hart vom Wegrennen. Das treibt Urban und Butler in die Arme von Louise und Heather. Zwar sind sie eigentlich Prostituierte, aber vor kurzer Zeit haben sie sich von ihrem Geschäft zurückgezogen (wurden gefeuert) und freunden sich mit Urban und Butler an. Zusammen wollen sie bis zur Küste vordringen, wo sich ihre Wege wahrscheinlich wieder trennen. Bis dahin wollen sie das Beste aus der Situation rausholen (öhm, ja) und um überhaupt an die Küste zu gelangen, schließt sich die Vierergruppe zunächst einem Busfahrer und seiner Mannschaft an. Und so wird aus dieser Etappe des Films eine Art Roadmovie.

 
Wie es weitergeht, konnte man im Film schon im mittleren Segment sehen; letztendlich erreichen Butler und Urban den Senegal doch nicht mehr. Findige Analysten meinen, der Storyaufbau wäre von Pulp Fiction abgekupfert, denn dort wird der letzte Teil der Handlung auch in der Mitte des Films gezeigt, aber ich finde, hier ist die ganze Sache eher unauffällig und nicht so offensichtlich an den Hit von Tarantino angelehnt. Es ist auch interessant, die Charakterwandlung zu beobachten: Am Anfang meint man, man hätte irgendwelche Charaktere, die das Wort „austauschbar“ auf ihren T-Shirts umhertragen. Dazu passt auch die distanzierte Kamera, man sieht in erster Linie die Gestik der Personen. Später jedoch sieht man die Gesichter bedeutend näher, was auch an den Make-Up-Effekten liegen kann, da Butler und Urban immer mehr Schmierzeug im Gesicht haben, wie zum Beispiel die Ölflecken, und die Frisur von Urban bleicht halt auch noch aus. Entsprechend entwickeln sich die Charaktere, man erhält immer neue Stücke auf dem Flickenteppich, analog zu ihrem Äußeren.


Abschließend lässt sich wohl sagen, dass die beiden Darsteller eine sehr gute Leistung abgegeben haben und auch wenn sich der Film nicht an jeder Ecke um Genauigkeit schert, so sollte man definitiv einen Blick darauf riskieren. Und etwas zu lachen hat man dabei gleich mit. Ich danke für die Aufmerksamkeit.