Mittwoch, 9. Juni 2010

Ich will zeichnen

Man, ist das warm draußen. Ist aber auch gar nicht mal so schlecht, denn dann kommt wieder diese sommerliche Atmosphäre auf, die Zeichner in T-Shirts und kurzen Hosen, bewaffnet mit Bleistift und Papier in die Cafés treiben und ihre Umgebung aufzunehmen. Sollte ich in Anbetracht des nahenden Skizzenfestivals auch machen. Aber jetzt nicht irgendwelche gesellschaftskritischen Satiren, dazu bin ich nicht fähig. Ich kann vielleicht mal irgendwas anfangen und dann einen Text dazu parallel überlegen, und dann die beiden Sachen nebeneinander weiterentwickeln und dann bei der Endfassung dieses Textes in der Logik irgendwelche umschwungenen Kniffe anwenden. Mach ich aber nicht. Kommt nur selten vor, und wenn, dann bei größeren Projekten, wobei groß in diesem Zusammenhang die verschiedensten Bedeutungen von Größe umfassen kann. Jedenfalls, ich bin einer, der betreibt das Zeichnen nicht, weil er damit irgendwas bewirken will oder weil er es als Mittel zum Zweck ansieht. Nein. Ich zeichne eigentlich nur einfach so. Ohne dass es dazu einen sonderlichen Beweggrund gibt, außer Spaß an der Freude. Zeichnen um des Zeichnens willen. Und dabei die eigenen Skills weiter ausbauen. Ich bin mir sicher, dass es auch andere da draußen gibt, die so denken, die sich sagen: "Hey, wir brauchen keinen Grund, um was zu Papier zu bringen, wir zeichnen jetzt genau das, weil uns gerade danach ist und nicht, weil wir müssen." Es gibt solche Leute. Nur: Wo in aller Welt sind die?
Wir haben immer noch mit dem Problem zu kämpfen, dass ein Bild nicht nur aus dem Bild besteht, sondern auch aus dem Subtext. Den herauszufinden, gleicht oftmals dem Versuch, allein aus einer mit einer ENIGMA verschlüsselten Nachricht den jeweiligen Tagescode herauszufinden. Oder nein, noch besser: Aus dem öffentlichen RSA-Schlüssel den privaten auszurechnen. Beide Sachen, das mit RSA und ENIGMA, und das mit dem Bild, haben eins gemeinsam: Das, was man unmittelbar sieht, ist nur das Endergebnis. Was der Künstler aber eigentlich ausdrücken will, ist der Subtext, aus dem sich das Bild ergibt. Der Rechenweg sozusagen. In der Schule wird einem in Mathe in jeder Arbeit um die Ohren gehauen, dass man den fückin' Rechenweg auch hinschreiben soll, weil es für das Ergebnis nur einen Punkt gibt, für den Rechenweg aber drei. Ein Haufen Erwachsener meint, es ist sinnvoll, sich noch unter dieses Niveau zu begeben, und nur das Ergebnis hinzuschreiben. Womit sie meistens auch Recht haben, weil die Zusammenhänge wirklich manchmal kompliziert sind. Aber doch nicht in der Kunst. Wenn man in der Kunst wirklich gegen etwas ankämpfen will, dann sollen die verdammt noch mal auch sagen, gegen was. Die Kunstszene ist mittlerweile weitestgehend frei von Zensur, so dass man diese Botschaft nicht mehr akribisch zu verschlüsseln braucht.
Und dann sagen die uns: Alles ist Kunst. Nur um über jeden Schwachfug so ein Rätsel zu lösen, das niemand gestellt hat. Es hat nicht alles eine Bedeutung. Wo sind die Leute, die einfach so zeichnen? Wieso sind die kein mitredendes Element in der Kunstszene? Zumindest gefühlt. Die einzigen, von denen man was hört, sind die Speed Painter auf youtube. Ihr wisst schon, diejenigen, die ihre Zeichnung auf Video aufnehmen und das dann raffen und online stellen. Das ist zwar das, was ich vorhin verlangt habe, aber nicht auf dem Niveau. Die sind technisch ziemlich ausgereift und haben das Bild x-mal geprobt. Unsereiner kann erstmal nur mit den Umrisszeichnungen beginnen und dann die Details einfügen, ist aber eben nicht dazu in der Lage, ein Coldmirror-Porträt ausgehend von der Augen- und Nasenpartie zu machen. Ohne zu radieren, versteht sich.
Wir haben nur mit den absolut höchsten Vertretern ein Sprachrohr. Und das geht nicht mal so weit. Wie viele Leute, die den Namen van Gogh wenigstens schon mal gehört haben, wissen, was ein Speed Painting auf youtube ist? Na also, da habt ihr's. Wir brauchen eine geeignete öffentliche Wahrnehmung, wir sollten den Leuten erklären, dass Kunst eben nicht nur das ist, worüber man irgendwelche tiefen Betrachtungen anstellen kann, sondern dass es eben auch einen riesigen Haufen Leute gibt, die nicht höchstprofessionell arbeiten, deren Bilder man sich aber auch ansehen kann, ohne dass man sich darüber das Maul zerreißen muss. Man weiß immer, dass man etwas ganz Besonderes gefunden hat, wenn man einfach mal für'n Moment zusammen dasitzen und die Schnauze halten kann.
Vielleicht meinten die Pros auch genau das mit ihrem Ausspruch "Alles ist Kunst"? So von wegen: Es gibt neben uns auch noch andere talentierte Leute, die was draufhaben und denen man wenigstens auf die Schulter klopfen sollte. Die wollen auch nichts Anderes als Anerkennung. Dass sie den Fokus ein wenig erweitern wollten und auch denen ein Gehör geben wollten, die einfach nur gut zeichnen können. Und geschnappt haben sich diesen Ausspruch dann die Leute, für die Ästhetik der Name einer im Mariannengraben versenkten Eisenkugel ist. Mistkerle.

2 Kommentare:

  1. Ich bin auch eine begeisterte Zeichnerin, am liebsten fange ich die Momente ein, die sonst nicht viele bemerken, weil sie nicht wichtig erscheinen. Wie etwa ein kleines Kind, dass einen Ball wirft und nur einen Meter weit damit kommt.

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  2. Interessant zu sehen welche Meinung die Leute zur Kunst haben (^^besonders in der Familie)
    - doch muss man sich denn Fragen wo diese Leute sind .? sie umgeben einen doch .?!

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