Dienstag, 22. Juni 2010

Über die Hetze gegen „The Da Vinci Code - Sakrileg“

Bevor ich mein Versprechen einlöse, endlich, wie schon bei wursr angekündigt, einen Meckerpost über Internettrends zu veröffentlichen und anderes Zeug zu schreiben, muss ich noch ein paar Worte zu dem Film „The Da Vinci Code - Sakrileg“, im Folgenden The Da Vinci Code genannt, loswerden.

Was mich wirklich sehr stört, sind die vielen schlechten Kritiken an dem Film. In meiner Top 50-Filmliste ist der Film auf Platz sechs, zusammen mit dem Nachfolger „Illuminati“. Das beruht zwar zum Teil auf einer starken Subjektivität, aber dazu später. Wer ist der Hauptkritikgeber? Die Kirche. Macht irgendwie auch Sinn. Der Film stellt Thesen auf, die der christlichen Kirche stark widersprechen. Lohnt es sich daher, so sehr darüber zu lästern? Leute, das ist nur ein Film und keine theologische Dissertation oder so etwas. Man kann daran sehr gut erkennen, dass dem Medium Film von Fachleuten eine ähnlich hohe Gesellschaftsrolle zugeschrieben wird, wie ihn die angeblichen Kunstkenner in den abstrakten Bildern in den Galerien dieser Welt auch gerne sehen. Dabei verkennen sie vollständig, dass das für mindestens 70 Prozent aller Filmkonsumenten nicht zutrifft - und das ist nur eine vorsichtige Schätzung. Für bildnerische Kunstwerke ist diese Zahl zwar geringer, aber nach wie vor dominant. Jetzt mal im Ernst: Wenn die Leute alle Filme verreißen würden, die etwas darstellen, was ihrer Überzeugung nach nicht sein kann und darf … aber was rede ich da, schließlich war das Echo auf „Bowling for Columbine“ auch nicht gerade durchgehend positiv, besonders im Bereich der Republikaner und Waffenlobbyisten, die dort ähnlich stark die Hucke vollgekriegt haben wie Opus Dei in The Da Vinci Code. Also, wie gesagt, ist nur ein Film, und nicht umsonst steht am Anfang von den ganzen DVDs der Hinweis: Bei den hier geäußerten Aussagen handelt es sich nicht notwendigerweise um die Ansichten der Mitarbeiter von Universal oder wer auch immer den Film jetzt verleiht. Und Dan Brown, der Typ, der das Buch geschrieben hat, hat ja auch gesagt, dass das nicht unbedingt seine eigene Ansicht ist, sondern dass das nur ein Gedankenexperiment war, in dem er sich gefragt hat, was denn wäre, wenn der heilige Gral kein Kelch wäre, sondern halt was anderes. Man darf sogar noch weiter gehen im Auseinandernehmen der Meinung darüber: Will die Kirche uns etwa verbieten, Gedankenexperimente durchzuführen, nur um zu sehen, was dabei herauskommt, wenn sich diese Gedanken auf Grundfeste der Kirche beziehen? Ich will jetzt nicht von einer Wiederauferstehung von inquisitorischen Tendenzen sprechen, aber ich will sagen, dass das schon einigermaßen daran erinnert, also chillt mal gefälligst, ihr verkalkten Spasten. Die Bundesregierung beschwert sich schließlich auch nicht über den Roman „1984“ (wobei, ich denke, dass das schon etwas verdächtig klingt; bei der Kirche weiß man durch dieses „Feedback“ genau, dass sie sich nicht mit Dan Browns Gedanken identifiziert, bei der Bundesregierung fehlt so ein Feedback auf „1984“, wobei ich mich frage, was das jetzt heißt).

So viel zu der Kritik von der Kirche. Jetzt in einem Rutsch die Filmkritiker und die, die das Buch gelesen haben. Also die Cineasten: Klar gibt es besser gespielte Filme. Und klar gibt es auch künstlerisch wertvollere Filme. Das erklärt aber immer noch nicht, wieso Donnie Darko so hoch gerankt wird oder wieso ihr David Lynch so mögt. Wollt ihr uns sagen, dass Filme nur dann wertvoll sind, wenn sie total beschruppt sind? Und ich meine damit keine Cordula-Stratmann-definiert-es-über-Max-Goldt-Beschrupptheit, sondern die Kehrseite davon. In meinen Augen sind das gute Beispiele für die Bedienung von interpretationswütigen Filmeauseinanderreißern, die völlig vergessen haben, dass man bei einem Film nicht dauernd mitschreibt und dass man ihn nicht sieht, um was darüber zu schreiben, sondern um ihn zu sehen, und die noch nie eine halbwegs erinnerungswürdige schauspielerische Leistung gezeigt haben und daher auch gar nicht wissen können, was es heißt, schauspielerisch hochwertig zu sein. Also genau die Leute, die unter Coldmirror-Videos oder so was irgendwelche blöden Kommentare schreiben von wegen: Deine Videos sind scheisse, du hast nix drauf und so. Nur eben besser bezahlt und aus New York City und nicht aus Seifhennersdorf. Und dann noch die, die das Buch gelesen haben: Ihr peilt aber auch gar nicht, dass Buch und Film zwei grundverschiedene Medien sind, völlig anders strukturiert. Beispiel: Als ich die Twilight-Reihe gelesen hab, hab ich immer last.fm chillout-Tag-Radio gehört und dabei die Seiten, Titel und Lesezeiten mitgeschrieben, wodurch ich ziemlich präzise rekonstruieren konnte, wie lange ich gebraucht hab, um die Bücher zu lesen. Beim dritten hab ich eine solche Modellrechnung gemacht und kam auf ziemlich genau dreizehn Stunden reine Lesezeit. Dreizehn Stunden. Selbst wenn die Macher alle vier Filme zusammenlegen würden, hätten sie noch eine ziemlich große Lücke zu füllen, um eine derartige Erzählzeit aufzubringen. Die Beschreibungen, die Film und Buch tätigen, sind ebenfalls ganz anders. In den Büchern hat man detaillierte Beschreibungen über das Gefühlsleben der einzelnen Figuren, naja, eigentlich nur eine, aber das reicht ja auch vollkommen aus. In dem Buch hat man mehrere Minuten Zeit, um die ganzen Einzelheiten zu erfahren, was Bella um den Moment herum dachte, in welchem sie das erste Mal die Wange von der Freundin von Sam Uley sah (das war jetzt aus dem zweiten Band). Alle möglichen Gedankengänge, die sonst nur wenige Sekundenbruchteile dauern, naja, sagen wir mal Sekunden, akribisch nachvollziehbar aufgelistet. Wie willst du das in einem Film machen? Willst du jedes Mal den Film langsamer laufen lassen und sie dann aus dem Off sprechen lassen, wenn so eine Stelle auftaucht? Mit dem Prinzip wäre ganz Hollywood nach einem Monat pleite. Wer kuckt sich denn so was an? Ein Film beschreibt das Leben nicht, er zeigt es. Da läuft alles in Echtzeit ab. Da kann man auch nicht den Leuten imaginär in den Kopf kucken. Die müssen das in wesentlich kürzerer Zeit allein über Mimik, Gestik und Tonfall darstellen. Und dann soll das auch noch realistisch wirken und nicht wie in den Antigone-Verfilmungs-Standbildern. Irgendwie erscheint es da logisch, dass da massiv gekürzt werden muss, wenn für fünf Minuten auf einmal nur drei Sekunden bleiben. Da entstehen zwangsläufig Differenzen zum Buch. Überhaupt finde ich, dass Leute, die ein Buch lesen und sich dann über die Verfilmung beschweren, ein ziemlich undankbares Volk sind. Egal wie man es macht, man kann es ihnen nie recht machen. Da labern die beispielsweise bei Illuminati, dass denen im Film die Liebesgeschichte zwischen Langdon und Vittoria gefehlt hat. Was soll der Mist? Erst beschweren sich die Kinobesucher dauernd darüber, dass in allen Filmen eine erzwungene Lovestory vorkommt, dann wird daraus eine Konsequenz gezogen, und dann kommt so was. Leute, Filme werden nach wie vor für Filmfreunde gemacht und nicht für Leseratten. Man kann das kombinieren, aber wer denkt, dass Filme den Büchern untergeordnet sind, der ist hier definitiv falsch beraten. Hält man sich eng an die Vorlage, wird bemängelt, dass der Film nichts Neues bietet, tut man das nicht, wird bemängelt, dass der Film nicht eng genug an der Vorlage sei. Es reicht. Aber voll. Ich vertraue nur noch meiner eigenen Bewertung und ziehe wenn möglich unterstützend die Bewertungen von Hörzu und gelegentlich imdb zur Hand (Hörzu vergibt für The Da Vinci Code einen Pfeil nach schräg oben, nicht großartig, aber gelungen, also im ersten Viertel; und wer jetzt argumentiert, dass die Hörzu vom Axel Springer Verlag verlegt werden würde, dem haue ich zwei, drei Ausgaben von Metal Hammer um die Ohren).

Weshalb bewerte ich den Film so hoch? Ich sah ihn das erste Mal im September 2008, zu einer Zeit, in der ich noch Filme suchte, um meine Top 50 zu schreiben, die damals noch als Top 25 geplant war, was auf Grund der Filmanzahl dann geändert wurde. Ich lieh mir unter anderem zu diesem Zweck zehn Filme aus, fünf davon mit meiner Lieblingsschauspielerin Audrey Tautou. Einer davon war eben The Da Vinci Code. Dieser landete damals auf Platz sechs, auf dem er heute noch ist. Später kam direkt, nachdem ich ihn im Kino sah, Illuminati dazu, auch auf Platz sechs. Ich mache gerne Doppelbelegungen, besonders, wenn es sich um Fortsetzungen handelt. Natürlich ist Illuminati handwerklich etwas besser als The Da Vinci Code. Man muss allerdings auch sagen, dass mit The Da Vinci Code erst mal etwas ausprobiert werden musste, da man ja die Fortsetzungsreihenfolge der Bücher umdrehte. So wurde The Da Vinci Code zum ersten Teil, auf dem Illuminati aufbaut. Wer mit der Rolle von Audrey Tautou nicht einverstanden war und beispielsweise ihren französischen Akzent nicht mochte, dem sei gesagt, dass dies ihre erste große US-Produktion war. Ihre vorherigen großen Filme waren allesamt französischen Ursprungs, in welchem ein Akzent in der Synchro keinen Sinn ergeben hätte. Hier allerdings spielt ein Amerikaner die Hauptrolle, sowohl was den Schauspieler als auch die Rolle angeht. Das Ganze findet größtenteils auf französischem Boden statt, und da ist ein solcher Akzent durchaus angebracht. Und wer das tendenziell unterkühlte Spiel von Audrey Tautou bemängelt: Wie würdet ihr reagieren, wenn euer Onkel ermordet vor euch liegen würde, das aber keiner mitkriegen darf und ihr sozusagen offiziell in dem Fall mitermittelt? Dazu kommt noch, dass sie selbst und ihre Rollen eher schüchtern eingestellt sind (was sie mir auch so sympathisch macht), und das kann schnell in wahrgenommene Unterkühltheit umschlagen, ich weiß, wovon ich spreche. Ich finde es auch gut, dass sie sich hier offensichtlich zurückgenommen hat, da der Hauptpart von Tom Hanks getragen wird, um noch mal einen Teilaspekt der Akzentfrage aufzugreifen. Illuminati ist ganz anders gestrickt, das ist ein Thriller auf italienischem Boden, die Architektur erinnert ein bisschen an das, was man aus Ocean’s Twelve kennt und ein bisschen vom Anfang von Ein Quantum Trost (die schwarzen Alfa Romeo 159 und der Lancia), und darum herum ein guter Thriller gestrickt. Und jetzt mal ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass der Camerlengo dahinter steckt. Auch wenn Ewan McGregor geheimnisvoll wirkte. Gut gemacht. Beim Kucken der DVD übernehme ich sogar die Pause, die die im Kino gemacht haben. Das hat weitere Auswirkungen gehabt, ich werde bei den nächsten Filmen mit Top-Platzierungen Pausen beim Sehen einfügen, besonders bei meinen beiden ersten Plätzen *schwärm*. Und nicht zuletzt kriegt The Da Vinci Code einen kleinen Aufwind durch die Besetzung: Es ist der einzige Film, in welchem meine beiden Lieblingsschauspieler auftreten, und dann auch noch in den Hauptrollen: Tom Hanks als mein Lieblingsschauspieler und Audrey Tautou als meine Lieblingsschauspielerin, wobei Audrey Tautou noch ein bisschen weiter vorne liegt (sie trägt den Titel bereits länger und, um genau zu sein, seit ich ihren Namen kenne, darüber hinaus ist sie häufiger in meiner Top 50 vertreten). Wie ich schon mal andeutete, meine Top 50-Filmliste ist sehr subjektiv geprägt, so dass nicht nur die Qualität der Machart und des Spielens über den Film entscheidet, sondern auch, wie ich ihn allgemein finde und was für eine Rolle er in meinem Leben spielt. Das ist auch der Grund, warum meine Filmliste so untypisch ist und beispielsweise „Er steht einfach nicht auf dich“ oder gar „New Moon“ enthält.

Und um zum Schluss noch alle wegzukriegen, die bis hierher mit offenen Mündern dagesessen haben: Ich dachte sogar zeitweise daran, The Da Vinci Code neben meine beiden Lieblingsfilme auf Platz eins zu hieven und so die erste Dreierbelegung zu eröffnen, hab das dann aber wieder verworfen. Neben Illuminati ist der gut aufgehoben.

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