Freitag, 7. Mai 2010

Do you hear the Sounds of the Machines?

MaschinenJAZZ, 30.4.2010, Druckfest im Speicher Katharinenberg


Ich will definitiv noch meinen Bericht fertigkriegen und die Samples aufnehmen, bevor ich sie wieder vergesse. So eine genial improvisierte Melodie darf nicht vergessen werden. Ich lad nebenbei noch mein Handy auf, damit ich das wenigstens summen kann, so dass ich das auch morgen noch im Kopf habe, weil jetzt reicht die Zeit einfach nicht mehr aus, um die Noten herauszufinden (durch Probieren). Den Rest kann ich gleich jetzt erledigen. Also:
Im Zuge des Druckfestes anlässlich des Tages der Arbeit findet fand am 30.4.2010 ein Impro-Jazzkonzert statt, bei welchem die Inspiration durch den Klang der Maschinen stattfindet. Ich war mir nicht sicher, ob ich hingehen sollte, aber die Tatsache, dass die Kopien durch das Druckfest erst später fertiggestellt werden konnten, ließen mich dazu übergehen, doch hinzugehen, denn wenn ich dadurch eine Verspätung hinnehmen muss, dann will ich auch was davon haben. Was komisch war: Vorher hab ich mir immer nur ausgemalt, wie das danach wohl sein würde, wenn wieder das Gleiche passiert, was nach der „Inglourious Basterds“-Premiere passierte, nämlich in die Kulturschmiede abdampfen, dort auf Strange_Core treffen und die Frage gestellt bekommen: Wie fandest du es? Meine Antwort fiel dabei kurz und nicht zufriedenstellend aus, daher wurde sie noch einmal gestellt, wobei ich mich an meine zweite Antwort nicht mehr erinnern kann. Ich hatte mir also ausgemalt, was ich sagen würde, wenn das jetzt noch mal passieren würde, und relativ schnell kam ich zu dieser Antwort: Bei Impro-Mucke kann man nicht wirklich sagen, gefällt mir oder gefällt mir nicht. Man muss von vornherein das Genre mögen, kann anmerken, welche Details einem besonders aufgefallen sind und die man gut fand, aber letzten Endes ist das eine Kunstform, die Gefühle zum Ausdruck bringt, und genau darüber sollte man dabei auch reden, nämlich über Gefühle. Dann hätte ich dieselben geschildert und das wäre meine Antwort gewesen. So ungefähr, abzüglich von etwaigen Nebeninformationen. (Falls es nicht aufgefallen sein sollte: Genau das mache ich jetzt gerade, ich werde auch einstreuen, wie weit fortgeschritten das Konzert jeweils war, momentan hat es noch nicht angefangen, aber ich bin schon drin.) Dabei dachte ich daran, wie das wohl cineastisch passen würde, also zu welchem bewegten Bild man das unterlegen könnte. Zu Anfang hin dachte ich an einen Film von Robert Rodriguez, der an der mexikanischen Küste spielt oder auf Kuba in einer Umgebung, die auch in Mexiko nicht fehl am Platze wäre, und dabei eine unheimliche Stimmung aufkommen würde, so als hätte er bei David Lynch angerufen und sich ein paar Tipps in Sachen Dramatik und „scare-the-crap-out-of-somebody“ geben lassen, und gleichzeitig bei Portishead angerufen, denen den Film zugeschickt, nach einer akustischen Basis gefragt und das Ganze dann selbst weiterkonstruiert. Der Anfang erinnerte nämlich stark an den Anfang von Portishead’s drittem Album „Third“. Nur eben noch abstrakter. Mit aufgelöstem Rhythmus und so. An der Seite waren Bänke, doch ich saß ganz hinten, und die Musiker waren um die Ecke, so dass ich zwar was hören, aber nix sehen konnte. Und allzu bequem war es auch nicht. Glücklicherweise standen hinter der Scheibe noch Stühle herum, die reichten wir herum, und ich bekam auch noch einen, mit Armlehnen waren die, richtig toll. Dadurch, dass die Druckmaschine (oder was auch immer das war) für das Klangexperiment in Betrieb war, konnte man aber die Stimme der Sprecherin nicht richtig verstehen und bekam von den Wortcollagen nur einzelne Fetzen mit. Und ich dachte ursprünglich auch an eine andere Durchführungsform, also im Prinzip wie klassischer Jazz, mit Instrumenten. Am Anfang war es wie bei dem Gastauftritt der Monaco Baggage beim 3sat-Zeltfestival 2005, als Begleitung von Urban Priol, in der Phase, als der Drummer sein Solo hatte und dabei sein Schlagzeug verließ. Man kann es mit dem Tag „disturbing“ beschreiben. Aber hört: Das war nur ein Intro. Und was für eines! Nicht nur, dass es so lang war. Dabei hat mich das gar nicht mal groß gestört, im Gegenteil, ich fand es so sogar wieder ganz gut, es diente höchstwahrscheinlich als letzte Inspirationssuche vor dem eigentlichen Auftritt. Sozusagen nicht nur ein Stimmen der Instrumente, sondern auch ein Stimmen der Mentalität. Dabei gingen wir auch gleich eine Etage höher. Der ganze Vorgang wurde durch ein richtig gutes Skit untermalt, das gut und gerne von DJ Krush sein könnte, so gut war der Beat. Abstrakter Hip Hop trifft Jazz-Instrumentierung. Währenddessen wurde die Bühne ein wenig weiter präpariert, der Drummer traf auch oben ein und sammelte sein Schlagzeug. Das war nötig, weil er unten, im Intro also, an verschiedenen Stellen verschiedene Teile seines Schlagzeuges hingestellt hatte, weil er ja im ganzen Raum spielte, so wie bei eben erwähntem Auftritt der Monaco Baggage. Als er damit fertig war, fing er auch gleich ein improvisiertes Solo an, recht kräftig, ich dachte mir: Mann, ist das laut. Nebenbei baute der Gitarrist einiges an Zubehör auf, dabei ging der Drummer dazu über, sein Solo zu beenden und mit einem Geigenbogen auf einer Glocke zu spielen. Das hatte er auch schon im Intro gemacht, allerdings nicht mit einer Glocke, sondern mit einem normalen Crash-Becken. Dieses Geigen auf der Glocke jedenfalls, das fühlte sich so an, als ob man mit einem Messer gestreichelt würde, wobei die scharfe Seite hinterhergezogen würde, allerdings auch den einzigen Kontaktpunkt darstellt, wie beim Rasieren mit einer Klinge. So kann man sich das vorstellen, es schmerzt nicht im Geringsten, im Gegenteil, es kribbelt, es ist richtig angenehm, aber eben mit einem Messer, ein falscher Ruck, und die Streicheleinheit ist gegessen, daher ist bei solchen Aktionen ein großes gegenseitiges Vertrauen notwendig. Dann begann der eigentliche Auftritt, mehr oder weniger nahtlos anknüpfend, im Hintergrund waren Aufnahmen von Maschinen in schwarzweiß zu sehen. Mittlerweile haben die beiden den Mexiko-Rodriguez-Pfad verlassen, vielmehr suggerieren sie nun das, was man sich bereits am Anfang vorgestellt hat, nämlich ungefähr die Darstellung von Arbeit, die auch im Zeitalter der Industrialisierung gang und gäbe gewesen sein muss, die im Realismus einen Zeugen fand, ich erinnere da an dieses Bild, auf welchem eine Eisengießerei zu sehen ist, im Hintergrund mehrere Männer an einem Ruck beteiligt, im Vordergrund vereinzelt solche, die schon richtig angepackt haben und sich jetzt die Füße waschen oder so was in der Art. Unweigerlich denkt man an „Moderne Zeiten“, nur ohne den humoristischen Teil. Und eines ist mir beim Konzert immer wieder aufgefallen: Wer zur Hölle ist der Typ eine Reihe vor mir, nur ganz rechts statt ganz links, da wo ich sitze? Immerzu singt der den Beat mit. Wird wohl ein Beteiligter sein, zumal von der Bühne keinerlei Reaktion kommt. Das sind halt Profis, die bringt so schnell nichts aus dem Konzept. Ich war immer noch auf der Filmschiene, als mir ein eigenes ungefähres Filmprojekt in den Sinn kam, zu welchem die Musik in der Tat unbeschreiblich gut passte. Das war ungefähr an der Stelle, an der der Grundrhythmus angeschlagen wurde, der für ein paar Minuten gehalten wurde und den ich mir deshalb auch gemerkt habe und den ich unbedingt festhalten will. Der passt super zum zweiten Teil. Kurz darauf wurde die Pause bekanntgegeben.

Soooooo, erstmal aufstehen, egal wohin du gehst, Hauptsache aufstehen. Der Rücken tut nämlich tierisch weh, die Stühle hier oben sind nicht so optimal. Nach etwas Umhergerenne erfahre ich, dass Strange_Core tatsächlich nicht da ist, komisch, wollte sie nicht da sein? Gute Besserung. Mal kurz rausgehen auf den Flur, hmm, was sind das für Klänge von da oben? Schnell raufgeschlichen, steht da ein Lautsprecher, aus dem Musik herauskommt. Fangen die schon wieder an? War ja eine kurze Pause. Runter, nachgesehen, nee, die spielen noch nicht. Was gibt es da oben noch so alles? Weiter hoch, in den vierten Stock, ich wusste gar nicht, dass das Haus so hoch ist, auch ein fünfter Stock findet sich da. Aber da bin ich nicht hoch, die knarzende Treppe kann verräterisch sein. Also wieder runter, was zu trinken bestellen. Das heißt nein, eigentlich wollte ich nicht, aber als ich so in der Nähe stand, kommt der Beatmitsummer an und bietet mir an, mir einen auszugeben. Nach innerer Frage an mich selbst, ob der mich verarschen will, und einem kurzen Zwist kriege ich tatsächlich eine halbe Spezi ausgegeben, wenn das nichts ist. Ich trinke aus und werde mit jemandem verwechselt und denke mir: Geh lieber noch mal austreten. Und just in dem Moment, genau, ist die Pause zu Ende und es geht weiter. Na sauber, aber macht nix, ich gehe halt einfach dann etwas später rein. Das Problem ist: Die Tür quietscht. Und zwar mächtig. Das ist blöde, wenn die schon spielen und dann quietscht die Tür. Zum Glück quietscht sie mit Schnellöffnen fast nicht mehr. Ich nehme ab jetzt einen Stehplatz ein, weil das ist Rock’n’Roll. Einfach so rumsitzen und nachher Rückenschmerzen haben ist nicht das, was man sich von einem Konzert verspricht. Es ist mittlerweile ¾-10. Der Rhythmus, den ich mir unbedingt merken wollte, ist mir wieder entfallen, weil ich mir einen anderen merken muss. Aber sie spielen ihn leicht verändert noch mal. Bingo, ich kann mir also beide merken. Der Krachmacher lässt wieder von sich hören, als die Damenstimmen erneut in Erscheinung treten. Die waren bereits, wie erwähnt, am Anfang im Intro zu hören, dann aber in den Hintergrund getreten. Textfragmente, die meine Vermutung mit der Arbeiterbeschreibung um 1880-1900 bestätigten, und der Krachmacher sprach ständig den Satz „Do you hear the Sounds of the Machines“ aus, den eine der beiden Sprecherinnen am Anfang des jetzigen Vortrages mehrfach hintereinander verwendete. Merkwürdigerweise war das Konzert dann relativ schnell zu Ende, es reihten sich aber vorher noch ein paar schnelle, rhythmische Impros ein. Und eine weitere anfängliche Vermutung wurde bestätigt: Ja, der Krachmacher gehörte zum Team.

Was kommt danach? Ich habe die Melodie dennoch schon wieder vergessen. Ich weiß nur, dass ich dabei an Butterfly von Nuthin‘ Strange und an die Strandmusik von Schiller gedacht habe. Bei Letzterem dachte ich, um das zu reproduzieren, kann man den ersten Griff nehmen, muss den aber abwandeln. Und Butterfly hat beim ersten Durchgang wie eine Erinnerungsblockade gewirkt. Ich habe das Bild, welches ich mir dazu vorgestellt habe, immer noch genauestens vor Augen, aber die Melodie will mir partout nicht einfallen, scheisse! Naja, vielleicht wird das bei der Nachbearbeitung am Piano noch funktionieren, ansonsten weiß ich nämlich nicht, wo ich eventuelle Mitschnitte herbekomme, es sei denn, das Konzert wurde auch so aufgenommen, dann ist es ja leicht.

So, das war der Text von gestern Abend. Hier die Ergänzungen vom nächsten Tag. Hab inzwischen vier Folgen von Bullrun II gekuckt. Das hat einen Motivationsanstoß gegeben. Und nicht nur das. Denn beim Aufwachen düdelt doch tatsächlich die Melodie, die ich vergessen habe, in meinem Kopf rum. Ich gleich das Grinsen angefangen wie Julia Roberts in „The Mexican“, als sie aufwacht. Sofort ein Sprachmemo gemacht und die Melodie so vor mich hin gesummt. Jetzt kann ich sie nicht mehr vergessen, auch wenn das Memo nicht gerade so gute Qualität hat, auch gesangstechnisch. Ich dachte mir, dass ich das erst später auf Piano nachspiele und so die Noten herausfinde, denn zuerst werd‘ ich mir mit Audacity die ganzen anderen Songs vom Gitarristen vornehmen und die richtigen Noten heraussuchen um dann daraus eine Audiofile zu konstruieren. Dann schreib ich darunter: Interpret Lucas Acuña, Produzent deranderenilo. Das muss aber erst noch warten, denn beim Aufstehen hab ich auf die Uhr geschaut und der Moment hätte mit einem ausgerutschten Trompetensound unterlegt werden müssen, den man in Filmen immer dann hört, wenn eine peinliche Situation auftritt, denn ich stellte fest, dass es erst um acht ist. Wieso ist das erst um acht? Wieso ist noch keiner wach? Wieso bin ich nicht so müde?
Das muss zurückgesteckt werden, denn ich hatte bei der Schilderung noch was vergessen. Nämlich, woran mich das Konzert noch erinnerte. Und zwar an die Lasershow zur Eröffnung des Ozeaneums. Da waren im Kanal lauter solche Leuchtstäbe aufgestellt, wie man sie am Ende von „Das fünfte Element“ in der ägyptischen Grabanlage gesehen hat, und dazu lief so sphärische Musik, so chillout-mäßig, nur ohne Takt, aber mit ähnlichen Stilmitteln. Das war abends, und wir hatten uns auf diese Art Steg gesetzt, die da unten an den richtigen Stegen dranliegt, haben uns zurückgelehnt und es war einfach nur toll. Bei diesem Event wiederum denke ich an zwei Sachen. Nämlich dass ich dazu wieder ein ganz bestimmtes Lied im Kopf habe, und zwar „The Sky is high“ von And.Ypsilon, und dass ich bei so einem Event mit so einer Musik (evtl. auch die von And.Y) gerne jemand dabei gehabt hätte, schon damals, als das stattfand.

Und stellenweise fühlte ich mich an Longplayer erinnert, ihr wisst schon, dieses 1000 Jahre lange Musikstück von Jem Finer, was man zum ersten Mal kennenlernt bei 168 Useless Music Facts auf MTV. Die Erinnerung hielt sich zurück.

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