Juristen haben nicht den besten Ruf in der Gesellschaft. Hin
und wieder wird ihnen unterstellt, sie seien verkopfte Kaltkaffeetrinker,
würden komplett eigenschaftslos sein und vollführen ein ums andere Mal
semantische Winkelzüge, dass sich einem Außenstehenden der Kopf dreht. Man
sagt, sie können besserwisserisch sein, und unter dem Strich wären sie
emotionslos. Sind sie das? Und wenn ja, was heißt das?
Es gibt den Begriff des Absoluten Beginners, den ich hier gerne noch einmal einfüge, falls ihr
nicht wisst, was das ist. Unter Absoluten Beginnern stellen
Naturwissenschaftler die größte Gruppe, direkt danach folgen Menschen, die sich
mit Jura befassen. Ein Problem, welches man bei Absoluten Beginnern erkennen
kann, ist, dass sie emotional irgendwie nicht den Dreh raushaben. Es gelingt
ihnen oftmals nicht, die Gefühls- und Gedankenwelt anderer Leute zu erkennen
und verbale und nonverbale Signale richtig zu erkennen. Im sozialen Typ des
Nerds spiegelt sich das wider. Betrachtet man die Hauptbeschäftigung von Juristen,
nämlich Gesetzestexte, fällt es leicht, sich eine Unterkühltheit oder zumindest
Abgebrühtheit allgemein häufiger zutreffend vorzustellen.
Viele betrachten das als ein Problem, weil sie nicht so
emotional schwach gestellt sind und ihnen daher solche Leute seltsam vorkommen,
so dass diese schnell durch das Raster fallen. Ich betrachte den
Juristencharakterzug nicht als Problem. Er ist notwendig. Und hier kommt die
Antwort, wieso: Angenommen, in den Nachrichten wird über ein Verbrechen
berichtet. Derzeit wäre das wohl der Anschlag auf den Marathon in Boston. Zu
anderen Zeitpunkten kommt hin und wieder ein Missbrauchsskandal in die
Gazetten. Oder ein Fremdgänger. Das sind keine schönen Dinge, die da ausgeübt
wurden, und diese gehören bestraft. Aber irgendwo ist auch ein oberes Limit.
Mal im Ernst, wer von euch hat noch nicht erlebt, wie bei einer solchen Anklage
ein Mitzuschauer erhebliche Körperstrafen fordert? Missbrauchstäter sollen
deren Meinung nach entmannt werden, oder am besten gleich die letzte Impfung.
Ich höre das so oft, dass ich annehmen muss, das Hochkochen von Emotionen,
welches einen zum Fordern der Todesstrafe bringt, muss wohl der Normalfall in
der Bevölkerung sein. Oder zumindest ein Normalfall von wenigen. Okay, ich kann
verstehen, wenn man sauer auf einen Täter ist. Aber: Ihr vernachlässigt dabei
die Verhältnismäßigkeit. Ein missbrauchtes Kind ist vielleicht für den Rest
seines Lebens gebrandmarkt, aber das sind noch mindestens siebzig Jahre, weil
es dabei nicht zu Tode kommt. Wenn jemand für ein Nichttötungsdelikt den Tod
des Delinquenten fordert, dann wünsche ich mir, dass der Fordernde kein
juristischer Entscheidungsträger ist. Und auch wenn man es beim Schnitt
belässt, wäre das immer noch verfassungswidrig, weil Körperstrafen abgeschafft
sind, und zwar schon lange. Insbesondere möchte ich das erwähnen, weil viele
dabei die Betäubung weglassen wollen. Und minderwertiges Material einsetzen.
Was, nebenbei bemerkt, grobe Fahrlässigkeit darstellt.
Juristen haben diesen Wesenszug in ihrem Beruf nicht. Sie
betrachten eine Strafsache kalt und emotionslos, so wie es bei einem exakten
Prozess gefordert werden muss. Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle ein
Dankeschön an den Berufsstand des Juristen aussprechen. Ihr seid diejenigen,
die uns vor Blutrache schützen und sozioapokalyptische Zustände verhindern. Dafür
ein Dankeschön.