Donnerstag, 16. Dezember 2010

Sechs Stunden

„Er hat die Augen aufgemacht. Doch er ist nicht aufgewacht.“
Till Lindemann

Wenn man das Bewusstsein verliert, sieht alles so aus wie bei einem Senderplatz, auf dem kein Sender ist. Es fiept wie beim Standbild. Und es dauert für einen selbst nur zwei Sekunden, egal wie viel Zeit dazwischen vergehen mag.

Es kamen keine elektrischen Signale zurück. Der Widerstand war klein genug eingestellt, daran lag es nicht. Es lag daran, dass es keine mehr gab. Wach lag sie da, mit weit aufgerissenen Augen, ohne dabei etwas anzusehen oder auf etwas zu reagieren. Sie hatte sich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht bewegt. Seit dreißig Minuten zog das Gerät seine schnurgerade Linie. Man konnte es so oft nachprüfen wie man wollte, aber es ließ sich nicht mehr rückgängig machen: Sie war tot.

Nach und nach hatten sich die Lebensgeister aus ihren Hirnarealen zurückgezogen. Erst haben sie die äußeren Stellungen aufgegeben, wanderten immer weiter nach innen, bis sie sich schließlich durch das Mark davonmachten. Mag sein, dass es irgendwo noch Zellen gab, die munter weiter machten, mag sein, dass irgendwo noch ein paar Quäntchen Sauerstoff durch ihr Blut transportiert wurde. Aber das Hirn war tot. Daran konnte auch er nichts mehr drehen. Er sah sie an, sie hatten ihr die Augen zugemacht.

Keine Spende. Lasst sie. So wie sie ist. Mausole-isch. (Bindestrich zwecks Aussprachenanzeige eingefügt.) Auch wenn sie den Ausweis unterschrieb.

Wie es der Zufall so wollte, sollte seine Vertraute als nächstes dran sein: Ein neuer Platz in der Intensiven. Abwägung. Ein Leben, das nicht mehr da war. Ein Leben, das noch da war. Zustimmung.

Als sie fertig waren, ruhte sie sich aus.

Später trafen sie sich bei ihr. Sie überlebte durch ihre Spende. War gesund. Er machte sich das bewusst. Er fragte: „Darf ich?“, legte sein Ohr auf ihre Brust, und hörte es wummern. Sie lebte in ihr weiter. Und er hörte ihrer Seele zu. Wie sie weiterexistieren durfte. Und sie schien zu sagen: Führe fort, was du beenden wolltest.

Sie lebte in ihr weiter. Und er hörte ihrem Herzen zu.

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