Freitag, 17. September 2010

besides - Third Session

Heidihei! Der erste Eintrag zu dem Thema, wegen dem dieser Account hier eigentlich besteht.

Eins aber vorweg. Wenn ihr jemals einen Tagestrip von geschätzten 120 km mit dem Fahrrad machen wollt, kann ich euch nur einen Rat ans Herz legen: Macht das nicht. Die Motivation war die, dass ich mit dem Fahrrad von Greifswald nach Sassnitz fahre, dort am Strand Fotos für die neue CD mache, danach bei Café Peters ein Stück Kuchen esse und dann wieder zurückfahre. Alles an einem Tag. Wieder zu Hause sein wollte ich spätestens gegen 22.00 Uhr. Aber zu den Geschehnissen.

Kurz nachdem ich mit meinen Ellis genau an diesem Strand war, reifte in mir der Gedanke, dort Fotos für besides zu machen. Ein konkretes Motiv hatte ich bereits im Kopf: Ich steh im Wasser mit kurzer Hose und halte in der rechten Hand Schlamm vom Meeresboden, der langsam wieder reintröpfelt, wie bei einer Sandburg. Und dann hatte ich noch die Idee, ein Foto zu schießen, welches das Titelmotiv von „Capote“ imitiert. Also so ungefähr. Für das alles hatte ich mir bei meinen Eltern bereits das Kamerastativ stibitzt. Nun wusste ich natürlich nicht, wie sich das Teil im Wasser verhält. Deshalb hab ich drei gelbe Säcke mitgenommen (na gut, eigentlich sind die grün, aber das klingt mir jetzt zu doof) und hatte nun vor, mir vor Ort ein paar Steine zu suchen, diese in die Tüten einzupacken und jede um einen Stativfuß zu wickeln, damit das Ding auch im Wasser geschützt stehen kann, ohne dass ich Schäden am Stativ befürchten müsste.

Da mir klar war, dass eine solche Tour nur an einem einigermaßen sonnigen Tag möglich ist, packte ich mir meine Badehose und Wechselsachen ein, damit ich mir vor der Session in der Ostsee den Schweiß vom Leib waschen konnte. Dazu dann ein paar Hemden und T-Shirts für das Shooting (verschiedene Outfits). Und diverse Plastiktüten, um die schmutzige Wäsche und anderen Kleinkram transportieren zu können. Zwei Flaschen Wasser, Tücher, Skizzenbuch, Stifte, blablabla. Als ich den Rucksack dann gepackt hatte, war er übel schwer. Einen Tag nach der Erkundung bin ich dann losgefahren, vorher hab ich mir entsprechende Mucke auf das Handy gepackt. Ich fuhr von Greifswald los und steuerte zunächst in einem Bogen Mesekenhagen an. Auf dem Weg dann schön Turbostaat und den Soundtrack von Death Proof gehört. Als ich in Mesekenhagen war, war mein T-Shirt bereits durch. Ich hatte nie geglaubt, dass das so schnell passieren würde. Und der Rucksack machte es auch nicht leichter. Im Endeffekt habe ich die Tour dann an diesem Punkt abgebrochen, zumal auch einzelne Schauer angesagt waren. Auf dem Rückweg hatte ich die Dropkick Murphys an. Wenn ich eher gewusst hätte, dass Dropkick Murphys hören und Regen so viel Bock machen, hätte ich das viel eher gemacht. Wieder zu Hause. Tour aufgeschoben, wird noch wiederholt.

Ich las mir die Wetterberichte in den folgenden Tagen durch. Ich wollte die Tour noch in der folgenden Woche absolvieren. Der Mittwoch schien mir der beste Tag zu sein, da ich da Zeit hatte und es da nicht regnete. Ich erleichterte meinen Rucksack um ein paar Kleidungsstücke und nahm nur noch eine Flasche Wasser mit, die ich genau wie mein Handtuch auf den Gepäckträger klemmte. Insgesamt muss das eine Erleichterung von ungefähr vier bis fünf Kilogramm gewesen sein. Zwischenstopp in Stralsund ist eingeplant, habe subversiv nach dem Schichtsystem von Mom gefragt, damit ich weiß, wann ich freie Fahrt habe. Dort will ich dann die Klamotten bügeln, denn die haben Einiges von ihrer Knitterfreiheit eingebüßt, und bei H&M nach einer Sonnenbrille suchen. Meine aktuelle ist noch kaputt und ich hab keine Lust, das Ding wieder mit Revell Bastelkleber zu reparieren. Darüber hinaus Wasservorräte auffüllen, was essen und die restlichen Karten ausdrucken. Ebenso Fotomotivinspirationen. Und von dort aus weiter nach Sassnitz, um dort die Fotos zu machen und dann wieder zurück. Einfacher Plan.

Eigentlich wollte ich um sieben aufstehen. Jedoch dauerte der Vorabend länger als erwartet, so dass es dann doch um neun wurde. Den ganzen Kram hatte ich mir bereits zurechtgelegt und packte meinen Rucksack. Losgefahren bin ich erst um halb elf. Recht spät. Zu ungefähr dieser Uhrzeit begann ich auch den abgebrochenen Trip. Aber ich fuhr los. Der erste Teil ging sehr sauber von der Hand, die erkundete Route hinter dem Ortsausgang, an der ich mich dann später nur an der Bundesstraße entlanghangeln musste, kam mir bereits viel kürzer vor. Dies lag nicht nur an dem erleichterten Gepäck, sondern auch an der zielsichereren Musikauswahl. Ich hatte wie vorher mein Handy mit diversen Titeln bestückt und meine Kopfhörer eingepackt, um meine Umgebung nicht allzu sehr über meine Scrobbels zu informieren. Ich begann mit Harm Rochel von Turbostaat.

Als ich in Mesekenhagen war, an der gleichen Bushaltestelle, an der ich die erste Tour abbrach, legte ich die erste Pause ein. Der Weg ging tatsächlich etwas schneller. Hier nutzte ich allerdings die Gelegenheit, die Hose zu wechseln. In den Jeans ist es scheisswarm geworden. In weiser Voraussicht hatte ich die kurze Hose ganz nach oben gepackt. Dann kam der Handtuchtrick zum Einsatz, den viele wahrscheinlich unter einem falschen Namen oder gar unter keinem Namen kennen, bei dem man sich das Handtuch geschmeidig oberhalb der Hüftregion um den Leib knotet, um so einen Sichtschutz zu erzeugen. Dann öffnet man die Hose und zieht sie aus. Dabei sollte man darauf achten, dass einem das Handtuch nicht herunterfällt, was leicht passieren kann, auch wenn der Knoten sehr fest gebunden ist. Insbesondere sollte man darauf achten, wenn, wie in diesem Fall, ein Herr an der Schwelle zu fünfzig Lenzen im Haus gegenüber hinter den Gardinen rumlinst unter dem Vorwand, die Fenster zu säubern. Und das, obwohl ich mich hinter der Haltestelle den Blicken zu entziehen versuchte. Die kurze Hose war schnell angelegt und das Wärmegefühl sogleich auf ein angenehmeres Niveau geregelt. Nach zehn Minuten Rast ging es weiter. Inzwischen sollte Westernhagen laufen, genauer gesagt dessen Album Williamsburg. Es ging wie vermutet weiter auf dem ruhenden Teil der Bundesstraße, auf der man auch als Fahrradfahrer bedenkenlos fahren kann, ohne Befürchtungen des ständigen Behinderns. Ohne damit gerechnet zu haben, wurde mehrmals die maximale Gangeinstellung verwendet, so dass ich schnell vorankam. Auch wenn ich mehrmals absteigen musste, weil, einige männliche Genossen werden diesen Effekt kennen, ein ergonomisch ungünstiger Sattel - und derer gibt es viele - nach einiger Fahrzeit ein sehr unangenehmes Gefühl im Schritt verursachen können. Ohne auf Details einzugehen, möchte ich allerdings darauf verweisen, dass dieses Gefühl vergleichbar ist mit dem, was man merkt, wenn man beispielsweise seinen Arm längerfristig von der Blutzufuhr teilabklemmt und ihn dann wieder in eine normale, durchblutbare Stellung bringt. Dies funktioniert genauso gut mit einem Teil des Armes oder bei Teilen des Beines. Von einer Überprüfung dieses Phänomens auf Wirksamkeit in der Kopfgegend wird abgeraten.

Nach zweieinhalb Stunden erreichte ich Stralsund. Der Weg zum Etappenziel erwies sich nicht als so vertraut, wie ich es eigentlich vermutete. Der alte Schulweg, den ich auf dem Fahrrad fuhr, kam mir so seltsam fremd vor, als wäre ich ihn nicht sieben Jahre lang fast jeden Tag hin und zurück gefahren. Als ich zu Hause ankam, war es bereits dreiviertel eins. Knapp eineinhalb Stunden verblieben, um die Zwischenstoppaktionen auszuführen, bevor die Frühschicht endete und ich dann mit einem Aufeinandertreffen und diesbezüglichen unnötigen Erklärungen rechnen musste. Ich musste dieses T-Shirt loswerden. Auf dem Balkon kurz mit Steinen befestigt und dann lostrocknen in der Sonne. Dann ab unter die Dusche. Vorher noch das Gesamtlayout des Bades feststellen. Ich wollte keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Währenddessen konnte der Rechner schon mal vorglühen. Beim Essen dann das Kartenmaterial, also der Weg auf Rügen und, als Zusatz, eine detailliertere Anfahrtskarte für Café Peters. Einer der zwei Gründe, weshalb ich dort war. Die Zeit ging schnell um, also musste ich mich beeilen und bei den zu bügelnden Klamotten eine Auswahl treffen. Das war nicht schwer, das weiße T-Shirt war noch einigermaßen knitterfrei und eines der schwarzen Hemden noch gut gelegt. Also nur drei Kleidungsstücke. Keine große Sache. Es war jedoch bereits nach zwei und ich musste zusehen, dass ich dort rauskam. Das T-Shirt hatte ich strategisch gut platziert, so dass ich dieses nicht vergaß, aber den Hut hätte ich beinahe vergessen. Jetzt fiel mir auch ein, dass ich die Maus gar nicht dabei hatte, die ich mir am Strand eigentlich tarantinoesk an die Schläfe halten wollte, als Revolverersatz. Und das Foto von Capote fehlte ebenfalls. Macht alles nichts, ich weiß, wie Capote aussieht.

Der Weg nach Rügen. Im H&M in Stralsund hatten sie genau dieselben Scheisssonnenbrillen wie in Greifswald, nur waren sie diesmal besser nach Damen- und Herrenbrillen getrennt. Im Stil offenbarte sich mir dieser Unterschied nicht. Die Sonnenbrillen in der Herrenabteilung hätten sich besser ein Stockwerk weiter unten gemacht oder bei den Regalen mit der Aufschrift „65plus“. Bereits auf der Anfahrt zur alten Rügenbrücke stellte sich ein mehr als bemerkbarer Gegenwind ein und auf der Brücke selbst war dieser so stark, dass ich sicherheitshalber einhändig fuhr, um meinen Hut festzuhalten. Dieser konnte zwar dank des festen Sitzes nicht so leicht abgeweht werden, sollte sich dieser aber einmal lockern, blieb keine Zeit zum Reagieren und er würde fortfliegen, was angesichts des dort nicht vorhandenen Korrigierraums in jedem Fall für den Hut fatal bzw. nass geendet hätte. Als ich auf Rügen ankam und um die Kurve düste, die den Rügener Radweg erst eröffnete, konnte ich mir zum ersten Mal ansatzweise ausmalen, dass mein Zeitplan korrigiert werden müsste. Insbesondere, da auf der Ausschilderung Putbus 46 Kilometer entfernt war, eine Strecke, die ich bis Sassnitz geplant hatte. Und der Wind, er hörte nicht auf. Ich kam kurze Zeit später an einer Gaststätte vorbei, die mich bereits mehrmals begleitete. Zum einen sind wir beim schulischen Kajakkurs einmal vom Dänholm hierher gefahren. Zum anderen war ich hier mal mit meinen Eltern essen. Ich glaube, das war in einem Herbst. 2008 oder 2009, ich weiß es nicht. Genau dieses Restaurant, oder besser gesagt dessen Außenbereich, hatte ich im Hinterkopf, als ich bei den Arbeiten zur Seite von „Widder wider Willen“ von Annett Louisan auf magna cum laude war. Dieser Außenbereich erinnert mich auch jedes Mal an die Eröffnungsszene von „Die fabelhafte Welt der Amélie“, in welcher im Außenbereich eines Restaurants der Wind unter die Tischbecke blies und die Weingläser auf diesem tanzen ließ. Hierher wollte ich um zwanzig Uhr zurückkehren und zu Abend essen. Wenig später begann der Sturm.

Es war zwar nur der Gegenwind, der einem auf offenem Land begegnet, wenn zwei Wetterfronten aufeinander treffen, aber auf dem Fahrrad ist dieser sehr nervig. Ich musste in einen derart niedrigen Gang schalten, von dem ich nicht einmal wusste, dass mein Getriebe da unten noch funktioniert. Die folgenden Stunden bis Garz und Putbus bedürfen eigentlich kaum einer Ergänzung. Es ging mit ständigem Gegenwind weiter. Ungekrönter Negativhöhepunkt dieses Teilstückes war das Ausweichen vor einem Traktor. Dieser kam langsam auf mich zu, ich wollte mich an den Wegesrand stellen. Nun hatte ich nicht bedacht, dass dieser nicht so eben ist, wie es einem das Gras suggeriert. Ich kippte ohne Gnade um. Und dieser Traktorfahrer fährt einfach auf das Feld, anstatt den Weg weiter zu benutzen. Haben die keine Blinker? Zu allem Überfluss stellte ich kurz danach fest, dass ich mit der Hand großflächig in Brennnesseln gepackt habe. Schöner Mist. Aber ich fuhr weiter.

Weit nach vier, fast schon fünf, vielleicht sogar nach fünf, lief ich in Garz ein. Durch eine zwar unbequeme, dafür aber effektive Abkürzung sparte ich dreizehn Kilometer, also geschätzt mindestens eine Stunde, ein. In Garz fand ich bei einem Bäcker Zuflucht, der meinen Magen erst mal beruhigen konnte. Zum Hieressen einmal Kokosecke und Bienenstich, zum Mitnehmen Ochsenauge. Ich wusste, der Hunger würde kommen. Aber ich musste weiter nach Putbus. Es waren nur noch neun Kilometer bis dorthin. Zumindest auf dem direkten Weg. Mit Zwischenstation in Kasnevitz. Es war 17.40 Uhr. Neben einem Subaru-Händler (bemerkenswert, ein Dorf mit Subaru-Händler) stand eine flache Abgrenzungsmauer, ich legte mich darauf hin. Auf der Karte überprüfte ich es erneut: Ja, ich habe mindestens die Hälfte der Rügener Strecke geschafft. Aber die Zeit ist sehr weit fortgeschritten. Nur noch zehn vor sechs. Selbst wenn Peters bis acht aufhätte, kamen mir Zweifel, ob ich das Stück Kuchen noch abgreifen könnte. Hauptsache die Sonne ist noch nicht vollständig weg, ehe ich angekommen bin. Nach ausreichender Erholung ging es weiter. Irgendwann lief ich in Putbus ein. Der Ort, an dem die Rügener Kabarettregatta stattfindet. Dieses Jahr unter anderem mit Horst Schroth und Arnulf Rating, beides bereits Gäste in „Neues aus der Anstalt“. Erst hier war mir eine Steigung zu heftig, so dass ich abstieg und das Fahrrad schob. Eine kleine Kapitulation. Ich sollte eigentlich nicht aufgeben, zumal ich es bereits so weit geschafft habe. Ich sehe nicht auf den Weg, der vor mir liegt, sondern auf den Weg, der bereits hinter mir liegt. Putbus geschafft! Auf nach Bergen. Ich habe den Scheiss-Radweg nicht gefunden, musste also über die Landstraße. Und ich war nun extra an einem Tag unterwegs, der außerhalb der Saison liegt, aber das … Man glaubt gar nicht, was für Gewohnheiten Autofahrer manchmal an den Tag legen. Für wenige Minuten bleibt eine Straße leer und dann kommt ein unfassbar langer Pulk an Autos. Das muss man sich einmal angesehen haben, sonst glaubt man das nicht. Auf diesem Weg dachte ich auch das erste Mal daran, dass ich es möglicherweise nicht vor Sonnenuntergang schaffen würde. Die schnellen Kurven und überhaupt der Weg zwischen Putbus und Bergen sind für einen Radfahrer die Hölle. In einer sehr engen Kurve erreichte ich wieder den Maximalgang und schlagartig wurde mir bewusst, wie gefährlich dieser Fahrzustand mitten im Wald in einer scharfen Kurve doch ist und ich war panisch darauf bedacht, dort rauszukommen. Und der Gegenwind. So viel Gegenwind kann es doch nicht geben. Kurz vor Bergen, man konnte die Kirche sehen, machte ich dann die ersten drei Fotos für diese Session.

In Bergen. Die Sonne steht schon reichlich tief. Es gibt zwei Wege aus Bergen raus: Die Landstraße, also den Weg, den ich ursprünglich wollte, der aber keine Fahrradunterstützung bietet, und der vom Navi empfohlene Weg mit Fahrradunterstützung und nur ein bisschen länger. Welchen nehme ich? Die Entscheidung fiel wegen der vorangegangenen Etappe leicht. Ich schob das Rad wieder hinauf. Diese Steigung ist selbst zu Fuß bemerkbar. Ich wusste nicht mehr so recht, wie es weitergehen würde. Da entdeckte ich ein Lokal. Und da dachte ich dann: Scheiss drauf. Ich werde es nicht vor Sonnenuntergang schaffen. Da kann ich mir auch Zeit lassen. Ich sah mir von außen die Karte an und wusste beim Eintrag „Steak mit Kräuterbutter und Bratkartoffeln“, dass das der richtige Ort war, wo ich verstanden werden würde. Genau das bestellte ich mir, dazu eine Spezi. Nun musste ich zwei Anrufe tätigen. Einmal bei BK anrufen, dass ich erst morgen zurückkomme (und bei meinen Ellis übernachte, was natürlich wegen der Entfernung utopisch war), und bei Ellis anrufen, ob morgen das Wetter wirklich so verregnet sein wird. Beinahe hätten sie es deswegen erfahren. Ich konnte meiner Mutter gerade noch so beibiegen, dass ich gerade unterwegs sei und dass ich nicht bei ihnen vorbeikommen würde (was ihnen BK am Telefon sagte). Glück gehabt. Aber ich werde es ihnen sowieso sagen, wenn die Zeit dazu harmlos ist und nicht so angespannt wie jetzt.

Als ich rausging, war die Sonne bereits untergegangen. Damit fiel der Fototermin für heute endgültig ins Wasser, und mein Entschluss festigte sich: Ich übernachte dort. Dazu muss ich aber erst mal hinfahren. Dies tat ich dann auch. In den letzten Stunden hatte ich keine Musik mehr gehört. Der positive Moment kurz vor Stralsund war schon längst verflogen. Und zwar hatte ich da gerade The Rocky Road to Dublin von den Dropkick Murphys gehört, und beim Sperren des Telefons war im Hintergrund ein vierblättriges Kleeblatt zu sehen, und genau in dem Moment sah ich auf der Straße einen Roadkill (Tier, welches auf der Straße zu Tode kam), und man mag es kaum glauben, es war ein Hase! Also ein Dead Rabbit! Ist das geil oder was? (Wer die über alle Maßen superbe Ironie dahinter nicht versteht, hat wahrscheinlich noch nie in kurzer Reihenfolge hintereinander Gangs of New York und Departed - Unter Feinden gesehen, beides Filme mit Leonardo DiCaprio, in denen es um Iren in den USA geht. Und beide von Martin Scorsese.) Derartige Euphorie konnte man jetzt vergessen. Um dem entgegenzuwirken, und um den verdammten Wetterbericht zu kriegen, machte ich das Radio an. Das geht auf dem Handy. Ich hatte es sehr lange an. Und es wurde sehr schnell sehr dunkel. Schon als ich aufhörte, das Rad durch den Ort zu schieben, holte ich die Lampen raus. Sie funktionierten tadellos. Im Radio kam Motivationsmucke, genau das richtige für jetzt. Beim Ortsausgang musste ich bereits ziemlich stark einbremsen, weil die Geschwindigkeit diesmal durch Gefälle stark anstieg, was bei beschissener Sicht im Dunkeln sehr ungünstig ist. Die Autofahrer an der Seite müssen sich gewundert haben, was der Kerl so spät abends noch dort an der Seite sucht. Dann kam ein langer Abschnitt. Im Wald führte eine Landstraße lang, am Rand ein Fahrradweg. Die Steigung war nicht ohne. Ich musste mal wieder niedrigste Gänge bedienen. Und der Weg läuft nicht einfach so an der Straßenseite entlang. Er wechselt gelegentlich die Straßenseite. In der Dunkelheit ist das nicht immer eindeutig zu erkennen. Daher kam ich dann auf einen tatsächlichen Waldweg, bei dem ich mir schon nach kurzer Zeit sicher war, dass ich, wenn überhaupt, lieber auf der Straße fahren würde. Da musste ein Seitenwechsel sein. Und es war einer. Dann auf der linken Seite weiter. Es hat ewig gedauert, aus diesem Wald rauszukommen. Aber irgendwann schaffte ich es: Ich sah wieder die Lichter der Zivilisation. Meine erste Rügenkarte hatte ich längst weggepackt, die Detailkarte, auf der man den restlichen Weg sehen konnte, war dran. Ich sage das jetzt, weil die große Karte genau jetzt nicht mehr zu gebrauchen war, weil Lietzow schon gar nicht mehr drauf ist. Ich stellte mich an ein Straßenlicht und dachte: Hey, es sind nur noch wenige Kilometer zurückzulegen, und dann kannst du am Strand mit dem Geräusch der Wellen pennen. Mittlerweile war es um neun. Und dann ging es in den nächsten Wald hinein. Die enormste Steigung. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal wirklich den alleruntersten Gang im richtigen Leben brauchen würde, aber es stimmt. Da brauchte ich ihn. Aber dann musste ich doch absteigen. Im Radio lief Nelly Furtado - Say it right. An der Stelle beschlich mich dann das Gefühl, dass ich mich fragte, wozu ich das alles hier eigentlich mache. Hat das alles einen Sinn, wenn doch keine Antwort kommt? Hat es einen Sinn, sich auf den physiotherapeutischen Effekt dieser Tour zu berufen, wenn sie von der Tour zur Tortur wird? Ma chère, gib mir Kraft. Ich trage sie immer bei mir, sie weiß es noch nicht (glaub ich). Auf dem USB-Stick, ohne den ich nicht das Haus verlasse, ist ein Bild von ihr. Als Bitmap, nicht als JPEG, das sollte es einem wert sein. Die Steigung hörte bald auf, ich konnte weiterfahren. Irgendwann gesellte sich der Weg zur Straße. So hat man immerhin eine bessere Orientierung. Der Wald löste sich langsam auf, bis wir wieder auf den offenen Badlands waren (verdammt, schon wieder dieses GTA San Andreas). Dann, große Fluchtbeleuchtung in der Ferne zu sehen. Sollte das das ausgemachte Ziel sein? Es kam eine Kreuzung. Sie wies Wege nach Sagard und Sassnitz und Binz. In Sagard gibt es ein ungarisches Restaurant, die machen da einen guten Gulascheintopf mit Schmelzkäse, das Zeug ist schön scharf. Sollte ich auch mal wieder hin. Ich bog nach rechts ab, auf die Lichter zu, Richtung Sassnitz. Dies war die Etappe, auf der der Gegenwind am unbarmherzigsten zuschlug. Was willst du von mir? Dass ich umkehre? Dass ich aufgebe? Aufhören! Aufhören! Verpiss dich, Wind! Die Lichter entpuppten sich dann als Bahntrassenbeleuchtung, nicht als Sassnitzbeleuchtung bzw. die Fähreneinfahrt. Bloß nicht das Radio ausmachen, das würde ich jetzt nicht mehr aushalten, in dieser zugigen Stille und Dunkelheit.

Ich fühlte mich einsam. Und es war eine unschöne Einsamkeit.

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