Es dauerte sehr lange, bis die nächste Kreuzung kam. Diese wies den Weg nach Sassnitz, der sich auf diesem langen Abschnitt nur um zwei Kilometer verkürzt haben soll. Oh Mann. Aber zu dem Zeitpunkt war Sassnitz ja eh nicht das vorgegebene Ziel, sondern der Strand. Den langen Weg konnte ich mir also sparen. Mit dem Rad hoch und wieder runter an der Bahnüberführung. Da sah ich es: Ein mehr oder weniger würfelförmiges Gebäude, strahlend hell ausgeleuchtet. Ich hab es geschafft. Ich hab es geschafft! Café Peters. Ich habe es überstanden. Logisch, dass die halb elf längst zu haben, aber ich kann mir endlich merken, wann die öffnen. Taumelnd umarme ich die Eingangstür. Aber Spaß beiseite, zunächst muss ich das Nachtlager finden. Fahre auf dem Radweg etwas weiter Richtung Strand. Lege es und mich auf den Boden, um mein schon länger geplantes Vorhaben in die Tat umzusetzen: Ich will den Andromedanebel sehen. Und hier, abseits von jeder großen Beleuchtungsquelle, müsste das klappen. Die Sicht ist gut, alle Sterne gut zu sehen, auch der kleine Wagen, was ein gutes Zeichen ist, und das Milchstraßenband. Aber ich finde den Scheiss Andromedanebel einfach nicht schräg unter dem Himmels-W. Dabei hab ich das Suchareal genügend groß gewählt. Verdammt. Irgendwann wird mir der Mist zu blöd und auch zu kalt, stehe daher wieder auf und fahre zurück. Am Strand schlafen wäre wegen des Windes auch mit maximaler Bekleidungsstufe eine mehr als frostige Angelegenheit, muss mir also einen windgeschützten Platz suchen. Und ich hab keine Lust, jetzt noch den ganzen Weg nach Prora zu der großen Steinmauer zu fahren. Sehe mich zwar noch bei dem Hotel um, weiß aber insgeheim, dass meine läppischen Barreserven eh nicht mehr für eine Nacht dort reichen werden, und ich liebäugelte sowieso mit dem Vorplatz von Peters. Da weiß ich genau, wo ich bin und kann von dort aus schnell agieren. Direkt auf dem Parkplatz wird mir dann aber doch zu suspekt, gehe daher ein wenig abseits an eine stillgelegte Halle. Dort ist der Boden wegen Begrasung weicher und die Wand schützt effektiv gegen auflandigen Wind. Verstecke mich hinter einem flachen Erdwall, um so nicht bemerkt zu werden. Ziehe mir mehrere Lagen verschiedenster Klamotten an, binde mir ein Tuch um den Kopf und lege ein T-Shirt in eine Tüte, als Kissenersatz. Die Beine in die großen Plastiktüten, die als Wasserschutz für das Kamerastativ herhalten sollten. Baut vielleicht keine sonderlich bemerkenswerte Wärmeschicht auf, schützt aber ungemein gegen Wind. Lege mich hin, mache das Radio aus und versuche zu schlafen.
Die Nacht war mehr als durchwachsen. Ich habe zwar den weichsten Grund der Umgebung erwischt, aber bequem ist was anderes. Und auch wenn ich mich warm angezogen hab, ist es doch ziemlich frisch. Was aber am allermeisten genervt hat, war der Besucherstrom. Ich dachte eigentlich, eine ruhige Ecke gefunden zu haben. Aber kurz nachdem ich mich hinlegte, kam doch schon ein Wagen die Steigung runtergerollt. Wollte der hier in die Halle? Ist die wohl doch nicht stillgelegt, weil er ungefähr vor dem Halleneingang langsamer wurde. Aber er fuhr weiter. Weiter? Hm. Sollte nicht meine Sorge sein. Sorge bereiteten da schon eher die Leute, die auf den Parkplatz von Peters fuhren. Gut, dass ich da nicht gepennt habe, spätestens zu diesem Zeitpunkt wäre ich aufgeflogen. Ducke mich und versuche rauszufinden, wo die parken. Ich werde nicht bemerkt. Und der Wagen war nicht der einzige. Es kommen kurz darauf noch weitere. Wird wohl eine Schichtverstärkung sein. Zusammengefasst kann man sagen, in Abständen von einer halben bis anderthalb Stunden immer mal wieder auf die Uhr geschaut. Und ab und zu fährt ein Lkw auf dem Weg vorbei. Alle in dieselbe Richtung. Bemerke irgendwann, dass ich wohl einen Platz in der Nähe zum Roll-on auf das Fährschiff erwischt habe.
Der Morgen danach. Habe wider jedes Erwarten die Nacht überlebt. Die Einzelheiten dieses Geisteszustandes kann ich nicht mehr einfangen, da es mittlerweile über eine Woche her ist. Ich weiß nur, ich hab mir den Wecker auf um sechs gestellt und bin etwa halb sechs aufgewacht. Hab noch ein wenig die Augen zugemacht, auch wenn es tierisch kalt war. Halb sechs ist es noch ein wenig duster, aber der Morgen fängt an, sich vorzuarbeiten. Als es um sechs ist, braucht man bereits keine künstliche Beleuchtung mehr. Stehe auf. Als erstes diese Plastiksäcke loswerden. Ich habe den Klamottenplan gestern Abend vorausschauend zusammengestellt. Unter anderem auf schnellen Einsatz ausgelegt. Die Beutel sind schnell entfernt und eingepackt. Nach dem Ausziehen der obersten Hose kommt wieder der Handtuchtrick zum Einsatz. Bin startklar. Auf zum Strand, baden gehen. Habe keine Seife dabei, scheisse. Muss auch so gehen. Der Körpergeruch nach der Nacht ist besonders unangenehm von allen möglichen Körpergerüchen. Gerade aus dem Mund. Autolyse oder so was in der Kategorie.
Bin kurz darauf an einem akzeptablen Strandstück. Hier nehme ich gleich die ersten paar Fotos auf, solange ich die Jacke und das Shirt noch anhabe. Begegne einer morgendlichen Steinesucherin, die Akustik ist wegen des Windes eingeschränkt. Der Sonnenaufgang ist irre. Als sie weit genug weg ist, ziehe ich mir meine Badehose an und gehe ins Wasser. Heute sind die Wellen besonders kräftig, da fällt dieser Effekt nicht so ins Gewicht, bei dem man immer langsamer ins Wasser geht, weil es immer mehr Körperregionen der Kälte übergibt. Da hat man keine Wahl, das Wasser haut einem selbiges sowieso um die Ohren. Das hat gleichzeitig einen mechanischen Spüleffekt, umso besser. Ich begreife, dass ich das Im-Wasser-Motiv nicht aufnehmen kann, weil es die Kamera sofort umschubsen würde. Ich sollte viel später bemerken, dass die Übernachtung und der Zeitplan dafür überhaupt nicht zur Rechenschaft gezogen werden können, weil der Wind gestern schon so stark gewesen und die Wellen daher gestern genauso hoch waren. Das beruhigt ein bisschen. Das Wasser ist dort immer kalt, besonders morgens, aber mit nichts Anderem habe ich gerechnet. Gehe nach wenigen Minuten wieder raus, die Wellen haben es echt in sich. Derartige Kaliber hatte ich lange nicht, zuletzt in Prora selbst, als mal Windstärke sechs war, da war ich noch viel kleiner, die Wellen waren zum Teil höher als ich, und jetzt, wenn man das mal runterrechnet, kommt das ungefähr hin. Damit besteht auch ein Vergleichswert für den Gegenwind von gestern. Boah, ist das kalt. Nix wie abtrocknen und in die Klamotten. Habe für nach dem Bad ohnehin neue Unterwäsche dabei. Mit neuer Ausrüstung zurück zum Café. Ist eh kurz vor sieben, da machen die auf. Gehe rein in den Laden. Sehe mich an der Theke um. Kein Stück Kuchen in Sicht. Na sauber. Ich quäl mich den Weg ab, übernachte draußen, und dann steht da nix. Und warm ist es hier. Richtig warm. Ich will mich aber nicht beklagen, draußen ist es kälter als gesund. Kaufe mir eine Streuselschnecke. Ist zwar sehr profan, aber ich will wissen, wie die Streuselschnecken dieser Welt so sind. Bevor ich sie esse, gehe ich nach oben auf die Toilette. Muss mich unbedingt erleichtern. Und die sind da oben nicht von schlechten Eltern. Sehen klasse aus, die Buden. Riechen auch nicht nach Latrine. Die Duftis funktionieren sauber. Vielleicht nicht unbedingt so weltklasse wie das Klo in dem Ort, wo wir Ende März in Österreich mal für einen Abend hin sind (da roch es, ungelogen, nach frisch zubereitetem Wiener Schnitzel, das war nasal das beste Klo, das ich kenne), aber immer noch sehr gut. Das Haus hält innen, was es von außen verspricht. Sehe mir im Spiegel die Lippe an, der Verdacht bestätigt sich: an zwei Stellen aufgeplatzt. Ist aber nicht weiter schlimm und ganz normal, wenn man in der Kälte hockt ohne Lippenpomade. Hatte ich auch diverse Male auf dem Schulweg. Wische das bisschen Blut weg und geh dann wieder runter. Mache weitere Fotos. Lasse mir sehr viel Zeit. Nicht nur wegen der Nebenaktivitäten. Mache nicht nur Fotos, sondern entjungfere auch endlich das Skizzenbuch, welches bereits über einen Monat darauf wartet. Die Playlist in diesem Haus ist auch von Kennerhand ausgewählt. Ich habe den ersten Abspanntitel aus Kill Bill: Vol. 2 ausgemacht und Sinnerman von Nina Simone. Ein weiteres Beispiel dafür, dass eine kleingastronomische Einrichtung einen Titel aus der Auswahl für Besides spielt (zur Erinnerung, der andere war Empire oft he Sun - Country in der Kulturschmiede nach der Vernissage vom Skizzenfestival). Und irgendwas von Billie Holiday hatten sie auch. Genau so muss die Playlist sein. Ich bin zufrieden mit dem Moment.
Muss dann aber wieder los, weil ich, ehrlich gesagt, mich lieber von meinen Eltern abholen lasse als die Strecke mit dem Fahrrad zurückzufahren. Auch wenn ich den direkten Weg nehme und jetzt Rückenwind habe. Und es muss schon ziemlich extrem sein, wenn ich eine derart rücksichtslose und snobistische Variante bevorzuge. Frage daher nach dem nächsten Bahnhof. Befindet sich in Sassnitz. Das muss erst einmal ausgekundschaftet werden, bevor ich da noch zu spät hinkomme. Und es ist eine böse Steigung. Also eine, die man nicht sieht, aber spürt. Man wundert sich: Hey, wieso muss ich hier runter in den dritten gehen, wo doch eigentlich mindestens der fünfte angesagt sein müsste und ich die Steigung nicht mal sehen kann? Der Weg zum Ortseingang war dann aber doch kürzer als erwartet. Find ich gut. Auch wenn das dahinter nicht die Ideallösung ist, denn es geht größtenteils noch weiter nach oben. Um dann steil abwärts zu rasen. Bin mindestens eine Minute bei häufig angezogenen Bremsen nicht in die Pedale getreten. Nach wenigen Kurven sehe ich den Bahnhof. Die Abfahrtszeiten sind schnell besorgt. Ebenso die Fahrradkarte. Geldautomaten muss ich nicht mehr suchen, da ich mir den Fahrschein auch per Karte besorgen kann. Sehe einen alternativen Weg zurück, habe ohnehin nicht vor, das Gefälle, was jetzt eine Steigung ist, hinter mir zu lassen. Der ist zwar größtenteils auch Steigung, aber wenigstens keine unnötige wie vorhin. Die scheiss Wasserflasche ist seit zwölf Stunden leer, gebe sie bei Lidl ab und hole mir eine neue. Wieder zurück zu Peters. Kann mir nämlich denken, dass die das Kuchenbuffet erst später auspacken. Außerdem war ich mit den Fotos noch nicht fertig. Und wirklich: Es ist zwar noch nicht vollständig, aber immerhin vorhanden. Besorge mir ein Stück Himbeertorte und gehe nach draußen. Die Strandsession ist sowieso ins Wasser gefallen, dafür ist es zu wolkig und die Beleuchtung scheisse. Muss also improvisieren. Da kommt mir die Architektur ganz gelegen. Überlege, das Ganze potentiellen Fragestellern als Kunstprojekt zu verkaufen, was ja irgendwie auch stimmt. Es fragt keiner. Gehe auch nicht mehr zum Strand zurück. Die SD-Karte ist zwar noch lange nicht voll, aber ehrlich gesagt, habe ich auch keinen Bock mehr. Ich hab Fotos gemacht, und mehr als 46 kriege ich eh nicht da drin verarbeitet. Reicht also voll und ganz aus. Ich will einfach nur nach Hause. Packe alles ein und mache mich auf den Weg nach Sassnitz. Biege dann anders ab als es mir der Wegweiser nahelegt. Der Weg ist zwar bequemer zu fahren, aber es geht nicht so locker flockig bergab, ich muss bergab treten, um eine akzeptable Geschwindigkeit zu haben. Dieser beknackte Gegenwind will einfach nicht aufgeben. Wann sieht er endlich ein, dass es nun mal Widerstände gibt, die man nicht brechen kann? Den kurzen Abschnitt hoch zum Bahnhof schiebe ich. Ich kann mir das erlauben. Ich hab genug Strecke in den Knochen. Ich hab genug Zeit, um das zu machen. Karte gekauft, 11:05 fährt der. Er rollt an, die Leute steigen aus, die Leute steigen ein, ich schleppe mich in den Waggon und lasse mich kraftlos auf den Sitz fallen. Warte darauf, dass sich eine normale Körpertemperatur einstellt. Hab auf dem Weg hierher Cypress Hill gehört. Jetzt läuft gerade der dritte Titel vom Album Temples of Boom. Der passt genau zu dieser Stimmung. Graues Wetter, psychedelisch angehauchte Stimmung, Kopfschmerzen wie von einem Kater. Wie nach einem mittelmäßigen Trip bzw. auf dem letzten Stück davon. Den Kopf an die Scheibe gelehnt, als müsse sie diesen halten. Auch nach dem Losfahren noch. Irgendwann ist die Platte zu Ende und ich überlege, mcl anzumachen. Hab ich im Zuge der Vorbereitungen draufgepackt. Blöderweise muss ich erst noch die Playlist dafür erstellen, und zwar richtig rum, sonst spielt er die rückwärts ab. Und wav-Dateien spielt der keine ab, mit Skits wird es also nichts. Wie immer, wenn ich diese CD höre, denke ich, alles, was ich sagen musste, ist gesagt, ich muss nur auf die Reaktion warten. Es kann kein Ausbleiben erfolgen. Bei der CD muss einfach eine Reaktion kommen. Kann die CD aber nicht zu Ende hören, weil der Zug gerade mal 55 Minuten braucht. Dachte mir übrigens noch im Café, dass ich wohl noch in Stralsund zum Geldautomaten muss, weil das Geld nicht mehr für eine Fahrt nach Greifswald reicht. Will daher ganz besonders jetzt keine Verspätung dieses Zuges, weil mir dafür nur 13 Minuten bleiben. Das reicht zwar aus, weil die Bank da in der Nähe ist, aber jede Verspätung wäre fatal. Ich sehe direkt vor dem Fahrkartenkauf in Sassnitz nach, wie viel ich noch habe, es sind 5,60 €. Und, wie durch ein Wunder, finde ich in dem Wechselgeldschacht genau zwei Euro. Damit reicht es für die Rückfahrt. Durch diese zufällig gefundenen zwei Euro. Als hätte ich einen Engel.
In Stralsund dann, brauche ich also nicht zur Bank zu gehen, weil ich genug Pinke habe. Beim Aussteigen in Stralsund bin ich bei dem Titel von Angelo Badalamenti angelangt. Wenig später, im Zug, beim Titel von Linkin Park, beende ich die Wiedergabe, weil ich mal etwas Stille brauche. Fahre nach Greifswald. Komme in Greifswald an. Fahre im Regen nach Hause. War da keine drei Minuten draußen und die Hose ist durch.
Tja, das war die Reise. Dachte, ich hätte an den beiden Tagen achtzig, vielleicht hundert Kilometer zurückgelegt. Hab es gleich danach rechnergestützt nachgemessen, es war etwas über hundertdreißig. Es war dann also trotz mangelnden Rückweges dennoch in etwa so viel, wie ich spontan veranschlagt habe. Ich kann wirklich nur jedem raten, der so was vorhat: Macht das nicht. Zumindest keinem, der nicht mindestens einmal beim Giro d’Italia mitgefahren ist. Oder wenn ihr es machen wollt: Fahrt mit dem Zug, nehmt euch eine Gute Limousine™, also einen Viertürer mit Lederausstattung, Hinterradantrieb und Automatikgetriebe, oder geht notfalls zu Fuß, wenn ihr unbedingt Sport machen wollt. Alles ist besser als mit dem Fahrrad zu fahren. Ich hatte nicht mal die Motive gekriegt, die ich wollte. Am Strand in der Sonne. Im Wasser und als Capote. Ich habe andere Ergebnisse gekriegt. Machen wir das Beste draus.
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