Es dauerte sehr lange, bis die nächste Kreuzung kam. Diese wies den Weg nach Sassnitz, der sich auf diesem langen Abschnitt nur um zwei Kilometer verkürzt haben soll. Oh Mann. Aber zu dem Zeitpunkt war Sassnitz ja eh nicht das vorgegebene Ziel, sondern der Strand. Den langen Weg konnte ich mir also sparen. Mit dem Rad hoch und wieder runter an der Bahnüberführung. Da sah ich es: Ein mehr oder weniger würfelförmiges Gebäude, strahlend hell ausgeleuchtet. Ich hab es geschafft. Ich hab es geschafft! Café Peters. Ich habe es überstanden. Logisch, dass die halb elf längst zu haben, aber ich kann mir endlich merken, wann die öffnen. Taumelnd umarme ich die Eingangstür. Aber Spaß beiseite, zunächst muss ich das Nachtlager finden. Fahre auf dem Radweg etwas weiter Richtung Strand. Lege es und mich auf den Boden, um mein schon länger geplantes Vorhaben in die Tat umzusetzen: Ich will den Andromedanebel sehen. Und hier, abseits von jeder großen Beleuchtungsquelle, müsste das klappen. Die Sicht ist gut, alle Sterne gut zu sehen, auch der kleine Wagen, was ein gutes Zeichen ist, und das Milchstraßenband. Aber ich finde den Scheiss Andromedanebel einfach nicht schräg unter dem Himmels-W. Dabei hab ich das Suchareal genügend groß gewählt. Verdammt. Irgendwann wird mir der Mist zu blöd und auch zu kalt, stehe daher wieder auf und fahre zurück. Am Strand schlafen wäre wegen des Windes auch mit maximaler Bekleidungsstufe eine mehr als frostige Angelegenheit, muss mir also einen windgeschützten Platz suchen. Und ich hab keine Lust, jetzt noch den ganzen Weg nach Prora zu der großen Steinmauer zu fahren. Sehe mich zwar noch bei dem Hotel um, weiß aber insgeheim, dass meine läppischen Barreserven eh nicht mehr für eine Nacht dort reichen werden, und ich liebäugelte sowieso mit dem Vorplatz von Peters. Da weiß ich genau, wo ich bin und kann von dort aus schnell agieren. Direkt auf dem Parkplatz wird mir dann aber doch zu suspekt, gehe daher ein wenig abseits an eine stillgelegte Halle. Dort ist der Boden wegen Begrasung weicher und die Wand schützt effektiv gegen auflandigen Wind. Verstecke mich hinter einem flachen Erdwall, um so nicht bemerkt zu werden. Ziehe mir mehrere Lagen verschiedenster Klamotten an, binde mir ein Tuch um den Kopf und lege ein T-Shirt in eine Tüte, als Kissenersatz. Die Beine in die großen Plastiktüten, die als Wasserschutz für das Kamerastativ herhalten sollten. Baut vielleicht keine sonderlich bemerkenswerte Wärmeschicht auf, schützt aber ungemein gegen Wind. Lege mich hin, mache das Radio aus und versuche zu schlafen.
Die Nacht war mehr als durchwachsen. Ich habe zwar den weichsten Grund der Umgebung erwischt, aber bequem ist was anderes. Und auch wenn ich mich warm angezogen hab, ist es doch ziemlich frisch. Was aber am allermeisten genervt hat, war der Besucherstrom. Ich dachte eigentlich, eine ruhige Ecke gefunden zu haben. Aber kurz nachdem ich mich hinlegte, kam doch schon ein Wagen die Steigung runtergerollt. Wollte der hier in die Halle? Ist die wohl doch nicht stillgelegt, weil er ungefähr vor dem Halleneingang langsamer wurde. Aber er fuhr weiter. Weiter? Hm. Sollte nicht meine Sorge sein. Sorge bereiteten da schon eher die Leute, die auf den Parkplatz von Peters fuhren. Gut, dass ich da nicht gepennt habe, spätestens zu diesem Zeitpunkt wäre ich aufgeflogen. Ducke mich und versuche rauszufinden, wo die parken. Ich werde nicht bemerkt. Und der Wagen war nicht der einzige. Es kommen kurz darauf noch weitere. Wird wohl eine Schichtverstärkung sein. Zusammengefasst kann man sagen, in Abständen von einer halben bis anderthalb Stunden immer mal wieder auf die Uhr geschaut. Und ab und zu fährt ein Lkw auf dem Weg vorbei. Alle in dieselbe Richtung. Bemerke irgendwann, dass ich wohl einen Platz in der Nähe zum Roll-on auf das Fährschiff erwischt habe.
Der Morgen danach. Habe wider jedes Erwarten die Nacht überlebt. Die Einzelheiten dieses Geisteszustandes kann ich nicht mehr einfangen, da es mittlerweile über eine Woche her ist. Ich weiß nur, ich hab mir den Wecker auf um sechs gestellt und bin etwa halb sechs aufgewacht. Hab noch ein wenig die Augen zugemacht, auch wenn es tierisch kalt war. Halb sechs ist es noch ein wenig duster, aber der Morgen fängt an, sich vorzuarbeiten. Als es um sechs ist, braucht man bereits keine künstliche Beleuchtung mehr. Stehe auf. Als erstes diese Plastiksäcke loswerden. Ich habe den Klamottenplan gestern Abend vorausschauend zusammengestellt. Unter anderem auf schnellen Einsatz ausgelegt. Die Beutel sind schnell entfernt und eingepackt. Nach dem Ausziehen der obersten Hose kommt wieder der Handtuchtrick zum Einsatz. Bin startklar. Auf zum Strand, baden gehen. Habe keine Seife dabei, scheisse. Muss auch so gehen. Der Körpergeruch nach der Nacht ist besonders unangenehm von allen möglichen Körpergerüchen. Gerade aus dem Mund. Autolyse oder so was in der Kategorie.
Bin kurz darauf an einem akzeptablen Strandstück. Hier nehme ich gleich die ersten paar Fotos auf, solange ich die Jacke und das Shirt noch anhabe. Begegne einer morgendlichen Steinesucherin, die Akustik ist wegen des Windes eingeschränkt. Der Sonnenaufgang ist irre. Als sie weit genug weg ist, ziehe ich mir meine Badehose an und gehe ins Wasser. Heute sind die Wellen besonders kräftig, da fällt dieser Effekt nicht so ins Gewicht, bei dem man immer langsamer ins Wasser geht, weil es immer mehr Körperregionen der Kälte übergibt. Da hat man keine Wahl, das Wasser haut einem selbiges sowieso um die Ohren. Das hat gleichzeitig einen mechanischen Spüleffekt, umso besser. Ich begreife, dass ich das Im-Wasser-Motiv nicht aufnehmen kann, weil es die Kamera sofort umschubsen würde. Ich sollte viel später bemerken, dass die Übernachtung und der Zeitplan dafür überhaupt nicht zur Rechenschaft gezogen werden können, weil der Wind gestern schon so stark gewesen und die Wellen daher gestern genauso hoch waren. Das beruhigt ein bisschen. Das Wasser ist dort immer kalt, besonders morgens, aber mit nichts Anderem habe ich gerechnet. Gehe nach wenigen Minuten wieder raus, die Wellen haben es echt in sich. Derartige Kaliber hatte ich lange nicht, zuletzt in Prora selbst, als mal Windstärke sechs war, da war ich noch viel kleiner, die Wellen waren zum Teil höher als ich, und jetzt, wenn man das mal runterrechnet, kommt das ungefähr hin. Damit besteht auch ein Vergleichswert für den Gegenwind von gestern. Boah, ist das kalt. Nix wie abtrocknen und in die Klamotten. Habe für nach dem Bad ohnehin neue Unterwäsche dabei. Mit neuer Ausrüstung zurück zum Café. Ist eh kurz vor sieben, da machen die auf. Gehe rein in den Laden. Sehe mich an der Theke um. Kein Stück Kuchen in Sicht. Na sauber. Ich quäl mich den Weg ab, übernachte draußen, und dann steht da nix. Und warm ist es hier. Richtig warm. Ich will mich aber nicht beklagen, draußen ist es kälter als gesund. Kaufe mir eine Streuselschnecke. Ist zwar sehr profan, aber ich will wissen, wie die Streuselschnecken dieser Welt so sind. Bevor ich sie esse, gehe ich nach oben auf die Toilette. Muss mich unbedingt erleichtern. Und die sind da oben nicht von schlechten Eltern. Sehen klasse aus, die Buden. Riechen auch nicht nach Latrine. Die Duftis funktionieren sauber. Vielleicht nicht unbedingt so weltklasse wie das Klo in dem Ort, wo wir Ende März in Österreich mal für einen Abend hin sind (da roch es, ungelogen, nach frisch zubereitetem Wiener Schnitzel, das war nasal das beste Klo, das ich kenne), aber immer noch sehr gut. Das Haus hält innen, was es von außen verspricht. Sehe mir im Spiegel die Lippe an, der Verdacht bestätigt sich: an zwei Stellen aufgeplatzt. Ist aber nicht weiter schlimm und ganz normal, wenn man in der Kälte hockt ohne Lippenpomade. Hatte ich auch diverse Male auf dem Schulweg. Wische das bisschen Blut weg und geh dann wieder runter. Mache weitere Fotos. Lasse mir sehr viel Zeit. Nicht nur wegen der Nebenaktivitäten. Mache nicht nur Fotos, sondern entjungfere auch endlich das Skizzenbuch, welches bereits über einen Monat darauf wartet. Die Playlist in diesem Haus ist auch von Kennerhand ausgewählt. Ich habe den ersten Abspanntitel aus Kill Bill: Vol. 2 ausgemacht und Sinnerman von Nina Simone. Ein weiteres Beispiel dafür, dass eine kleingastronomische Einrichtung einen Titel aus der Auswahl für Besides spielt (zur Erinnerung, der andere war Empire oft he Sun - Country in der Kulturschmiede nach der Vernissage vom Skizzenfestival). Und irgendwas von Billie Holiday hatten sie auch. Genau so muss die Playlist sein. Ich bin zufrieden mit dem Moment.
Muss dann aber wieder los, weil ich, ehrlich gesagt, mich lieber von meinen Eltern abholen lasse als die Strecke mit dem Fahrrad zurückzufahren. Auch wenn ich den direkten Weg nehme und jetzt Rückenwind habe. Und es muss schon ziemlich extrem sein, wenn ich eine derart rücksichtslose und snobistische Variante bevorzuge. Frage daher nach dem nächsten Bahnhof. Befindet sich in Sassnitz. Das muss erst einmal ausgekundschaftet werden, bevor ich da noch zu spät hinkomme. Und es ist eine böse Steigung. Also eine, die man nicht sieht, aber spürt. Man wundert sich: Hey, wieso muss ich hier runter in den dritten gehen, wo doch eigentlich mindestens der fünfte angesagt sein müsste und ich die Steigung nicht mal sehen kann? Der Weg zum Ortseingang war dann aber doch kürzer als erwartet. Find ich gut. Auch wenn das dahinter nicht die Ideallösung ist, denn es geht größtenteils noch weiter nach oben. Um dann steil abwärts zu rasen. Bin mindestens eine Minute bei häufig angezogenen Bremsen nicht in die Pedale getreten. Nach wenigen Kurven sehe ich den Bahnhof. Die Abfahrtszeiten sind schnell besorgt. Ebenso die Fahrradkarte. Geldautomaten muss ich nicht mehr suchen, da ich mir den Fahrschein auch per Karte besorgen kann. Sehe einen alternativen Weg zurück, habe ohnehin nicht vor, das Gefälle, was jetzt eine Steigung ist, hinter mir zu lassen. Der ist zwar größtenteils auch Steigung, aber wenigstens keine unnötige wie vorhin. Die scheiss Wasserflasche ist seit zwölf Stunden leer, gebe sie bei Lidl ab und hole mir eine neue. Wieder zurück zu Peters. Kann mir nämlich denken, dass die das Kuchenbuffet erst später auspacken. Außerdem war ich mit den Fotos noch nicht fertig. Und wirklich: Es ist zwar noch nicht vollständig, aber immerhin vorhanden. Besorge mir ein Stück Himbeertorte und gehe nach draußen. Die Strandsession ist sowieso ins Wasser gefallen, dafür ist es zu wolkig und die Beleuchtung scheisse. Muss also improvisieren. Da kommt mir die Architektur ganz gelegen. Überlege, das Ganze potentiellen Fragestellern als Kunstprojekt zu verkaufen, was ja irgendwie auch stimmt. Es fragt keiner. Gehe auch nicht mehr zum Strand zurück. Die SD-Karte ist zwar noch lange nicht voll, aber ehrlich gesagt, habe ich auch keinen Bock mehr. Ich hab Fotos gemacht, und mehr als 46 kriege ich eh nicht da drin verarbeitet. Reicht also voll und ganz aus. Ich will einfach nur nach Hause. Packe alles ein und mache mich auf den Weg nach Sassnitz. Biege dann anders ab als es mir der Wegweiser nahelegt. Der Weg ist zwar bequemer zu fahren, aber es geht nicht so locker flockig bergab, ich muss bergab treten, um eine akzeptable Geschwindigkeit zu haben. Dieser beknackte Gegenwind will einfach nicht aufgeben. Wann sieht er endlich ein, dass es nun mal Widerstände gibt, die man nicht brechen kann? Den kurzen Abschnitt hoch zum Bahnhof schiebe ich. Ich kann mir das erlauben. Ich hab genug Strecke in den Knochen. Ich hab genug Zeit, um das zu machen. Karte gekauft, 11:05 fährt der. Er rollt an, die Leute steigen aus, die Leute steigen ein, ich schleppe mich in den Waggon und lasse mich kraftlos auf den Sitz fallen. Warte darauf, dass sich eine normale Körpertemperatur einstellt. Hab auf dem Weg hierher Cypress Hill gehört. Jetzt läuft gerade der dritte Titel vom Album Temples of Boom. Der passt genau zu dieser Stimmung. Graues Wetter, psychedelisch angehauchte Stimmung, Kopfschmerzen wie von einem Kater. Wie nach einem mittelmäßigen Trip bzw. auf dem letzten Stück davon. Den Kopf an die Scheibe gelehnt, als müsse sie diesen halten. Auch nach dem Losfahren noch. Irgendwann ist die Platte zu Ende und ich überlege, mcl anzumachen. Hab ich im Zuge der Vorbereitungen draufgepackt. Blöderweise muss ich erst noch die Playlist dafür erstellen, und zwar richtig rum, sonst spielt er die rückwärts ab. Und wav-Dateien spielt der keine ab, mit Skits wird es also nichts. Wie immer, wenn ich diese CD höre, denke ich, alles, was ich sagen musste, ist gesagt, ich muss nur auf die Reaktion warten. Es kann kein Ausbleiben erfolgen. Bei der CD muss einfach eine Reaktion kommen. Kann die CD aber nicht zu Ende hören, weil der Zug gerade mal 55 Minuten braucht. Dachte mir übrigens noch im Café, dass ich wohl noch in Stralsund zum Geldautomaten muss, weil das Geld nicht mehr für eine Fahrt nach Greifswald reicht. Will daher ganz besonders jetzt keine Verspätung dieses Zuges, weil mir dafür nur 13 Minuten bleiben. Das reicht zwar aus, weil die Bank da in der Nähe ist, aber jede Verspätung wäre fatal. Ich sehe direkt vor dem Fahrkartenkauf in Sassnitz nach, wie viel ich noch habe, es sind 5,60 €. Und, wie durch ein Wunder, finde ich in dem Wechselgeldschacht genau zwei Euro. Damit reicht es für die Rückfahrt. Durch diese zufällig gefundenen zwei Euro. Als hätte ich einen Engel.
In Stralsund dann, brauche ich also nicht zur Bank zu gehen, weil ich genug Pinke habe. Beim Aussteigen in Stralsund bin ich bei dem Titel von Angelo Badalamenti angelangt. Wenig später, im Zug, beim Titel von Linkin Park, beende ich die Wiedergabe, weil ich mal etwas Stille brauche. Fahre nach Greifswald. Komme in Greifswald an. Fahre im Regen nach Hause. War da keine drei Minuten draußen und die Hose ist durch.
Tja, das war die Reise. Dachte, ich hätte an den beiden Tagen achtzig, vielleicht hundert Kilometer zurückgelegt. Hab es gleich danach rechnergestützt nachgemessen, es war etwas über hundertdreißig. Es war dann also trotz mangelnden Rückweges dennoch in etwa so viel, wie ich spontan veranschlagt habe. Ich kann wirklich nur jedem raten, der so was vorhat: Macht das nicht. Zumindest keinem, der nicht mindestens einmal beim Giro d’Italia mitgefahren ist. Oder wenn ihr es machen wollt: Fahrt mit dem Zug, nehmt euch eine Gute Limousine™, also einen Viertürer mit Lederausstattung, Hinterradantrieb und Automatikgetriebe, oder geht notfalls zu Fuß, wenn ihr unbedingt Sport machen wollt. Alles ist besser als mit dem Fahrrad zu fahren. Ich hatte nicht mal die Motive gekriegt, die ich wollte. Am Strand in der Sonne. Im Wasser und als Capote. Ich habe andere Ergebnisse gekriegt. Machen wir das Beste draus.
Heidihei! Der erste Eintrag zu dem Thema, wegen dem dieser Account hier eigentlich besteht.
Eins aber vorweg. Wenn ihr jemals einen Tagestrip von geschätzten 120 km mit dem Fahrrad machen wollt, kann ich euch nur einen Rat ans Herz legen: Macht das nicht. Die Motivation war die, dass ich mit dem Fahrrad von Greifswald nach Sassnitz fahre, dort am Strand Fotos für die neue CD mache, danach bei Café Peters ein Stück Kuchen esse und dann wieder zurückfahre. Alles an einem Tag. Wieder zu Hause sein wollte ich spätestens gegen 22.00 Uhr. Aber zu den Geschehnissen.
Kurz nachdem ich mit meinen Ellis genau an diesem Strand war, reifte in mir der Gedanke, dort Fotos für besides zu machen. Ein konkretes Motiv hatte ich bereits im Kopf: Ich steh im Wasser mit kurzer Hose und halte in der rechten Hand Schlamm vom Meeresboden, der langsam wieder reintröpfelt, wie bei einer Sandburg. Und dann hatte ich noch die Idee, ein Foto zu schießen, welches das Titelmotiv von „Capote“ imitiert. Also so ungefähr. Für das alles hatte ich mir bei meinen Eltern bereits das Kamerastativ stibitzt. Nun wusste ich natürlich nicht, wie sich das Teil im Wasser verhält. Deshalb hab ich drei gelbe Säcke mitgenommen (na gut, eigentlich sind die grün, aber das klingt mir jetzt zu doof) und hatte nun vor, mir vor Ort ein paar Steine zu suchen, diese in die Tüten einzupacken und jede um einen Stativfuß zu wickeln, damit das Ding auch im Wasser geschützt stehen kann, ohne dass ich Schäden am Stativ befürchten müsste.
Da mir klar war, dass eine solche Tour nur an einem einigermaßen sonnigen Tag möglich ist, packte ich mir meine Badehose und Wechselsachen ein, damit ich mir vor der Session in der Ostsee den Schweiß vom Leib waschen konnte. Dazu dann ein paar Hemden und T-Shirts für das Shooting (verschiedene Outfits). Und diverse Plastiktüten, um die schmutzige Wäsche und anderen Kleinkram transportieren zu können. Zwei Flaschen Wasser, Tücher, Skizzenbuch, Stifte, blablabla. Als ich den Rucksack dann gepackt hatte, war er übel schwer. Einen Tag nach der Erkundung bin ich dann losgefahren, vorher hab ich mir entsprechende Mucke auf das Handy gepackt. Ich fuhr von Greifswald los und steuerte zunächst in einem Bogen Mesekenhagen an. Auf dem Weg dann schön Turbostaat und den Soundtrack von Death Proof gehört. Als ich in Mesekenhagen war, war mein T-Shirt bereits durch. Ich hatte nie geglaubt, dass das so schnell passieren würde. Und der Rucksack machte es auch nicht leichter. Im Endeffekt habe ich die Tour dann an diesem Punkt abgebrochen, zumal auch einzelne Schauer angesagt waren. Auf dem Rückweg hatte ich die Dropkick Murphys an. Wenn ich eher gewusst hätte, dass Dropkick Murphys hören und Regen so viel Bock machen, hätte ich das viel eher gemacht. Wieder zu Hause. Tour aufgeschoben, wird noch wiederholt.
Ich las mir die Wetterberichte in den folgenden Tagen durch. Ich wollte die Tour noch in der folgenden Woche absolvieren. Der Mittwoch schien mir der beste Tag zu sein, da ich da Zeit hatte und es da nicht regnete. Ich erleichterte meinen Rucksack um ein paar Kleidungsstücke und nahm nur noch eine Flasche Wasser mit, die ich genau wie mein Handtuch auf den Gepäckträger klemmte. Insgesamt muss das eine Erleichterung von ungefähr vier bis fünf Kilogramm gewesen sein. Zwischenstopp in Stralsund ist eingeplant, habe subversiv nach dem Schichtsystem von Mom gefragt, damit ich weiß, wann ich freie Fahrt habe. Dort will ich dann die Klamotten bügeln, denn die haben Einiges von ihrer Knitterfreiheit eingebüßt, und bei H&M nach einer Sonnenbrille suchen. Meine aktuelle ist noch kaputt und ich hab keine Lust, das Ding wieder mit Revell Bastelkleber zu reparieren. Darüber hinaus Wasservorräte auffüllen, was essen und die restlichen Karten ausdrucken. Ebenso Fotomotivinspirationen. Und von dort aus weiter nach Sassnitz, um dort die Fotos zu machen und dann wieder zurück. Einfacher Plan.
Eigentlich wollte ich um sieben aufstehen. Jedoch dauerte der Vorabend länger als erwartet, so dass es dann doch um neun wurde. Den ganzen Kram hatte ich mir bereits zurechtgelegt und packte meinen Rucksack. Losgefahren bin ich erst um halb elf. Recht spät. Zu ungefähr dieser Uhrzeit begann ich auch den abgebrochenen Trip. Aber ich fuhr los. Der erste Teil ging sehr sauber von der Hand, die erkundete Route hinter dem Ortsausgang, an der ich mich dann später nur an der Bundesstraße entlanghangeln musste, kam mir bereits viel kürzer vor. Dies lag nicht nur an dem erleichterten Gepäck, sondern auch an der zielsichereren Musikauswahl. Ich hatte wie vorher mein Handy mit diversen Titeln bestückt und meine Kopfhörer eingepackt, um meine Umgebung nicht allzu sehr über meine Scrobbels zu informieren. Ich begann mit Harm Rochel von Turbostaat.
Als ich in Mesekenhagen war, an der gleichen Bushaltestelle, an der ich die erste Tour abbrach, legte ich die erste Pause ein. Der Weg ging tatsächlich etwas schneller. Hier nutzte ich allerdings die Gelegenheit, die Hose zu wechseln. In den Jeans ist es scheisswarm geworden. In weiser Voraussicht hatte ich die kurze Hose ganz nach oben gepackt. Dann kam der Handtuchtrick zum Einsatz, den viele wahrscheinlich unter einem falschen Namen oder gar unter keinem Namen kennen, bei dem man sich das Handtuch geschmeidig oberhalb der Hüftregion um den Leib knotet, um so einen Sichtschutz zu erzeugen. Dann öffnet man die Hose und zieht sie aus. Dabei sollte man darauf achten, dass einem das Handtuch nicht herunterfällt, was leicht passieren kann, auch wenn der Knoten sehr fest gebunden ist. Insbesondere sollte man darauf achten, wenn, wie in diesem Fall, ein Herr an der Schwelle zu fünfzig Lenzen im Haus gegenüber hinter den Gardinen rumlinst unter dem Vorwand, die Fenster zu säubern. Und das, obwohl ich mich hinter der Haltestelle den Blicken zu entziehen versuchte. Die kurze Hose war schnell angelegt und das Wärmegefühl sogleich auf ein angenehmeres Niveau geregelt. Nach zehn Minuten Rast ging es weiter. Inzwischen sollte Westernhagen laufen, genauer gesagt dessen Album Williamsburg. Es ging wie vermutet weiter auf dem ruhenden Teil der Bundesstraße, auf der man auch als Fahrradfahrer bedenkenlos fahren kann, ohne Befürchtungen des ständigen Behinderns. Ohne damit gerechnet zu haben, wurde mehrmals die maximale Gangeinstellung verwendet, so dass ich schnell vorankam. Auch wenn ich mehrmals absteigen musste, weil, einige männliche Genossen werden diesen Effekt kennen, ein ergonomisch ungünstiger Sattel - und derer gibt es viele - nach einiger Fahrzeit ein sehr unangenehmes Gefühl im Schritt verursachen können. Ohne auf Details einzugehen, möchte ich allerdings darauf verweisen, dass dieses Gefühl vergleichbar ist mit dem, was man merkt, wenn man beispielsweise seinen Arm längerfristig von der Blutzufuhr teilabklemmt und ihn dann wieder in eine normale, durchblutbare Stellung bringt. Dies funktioniert genauso gut mit einem Teil des Armes oder bei Teilen des Beines. Von einer Überprüfung dieses Phänomens auf Wirksamkeit in der Kopfgegend wird abgeraten.
Nach zweieinhalb Stunden erreichte ich Stralsund. Der Weg zum Etappenziel erwies sich nicht als so vertraut, wie ich es eigentlich vermutete. Der alte Schulweg, den ich auf dem Fahrrad fuhr, kam mir so seltsam fremd vor, als wäre ich ihn nicht sieben Jahre lang fast jeden Tag hin und zurück gefahren. Als ich zu Hause ankam, war es bereits dreiviertel eins. Knapp eineinhalb Stunden verblieben, um die Zwischenstoppaktionen auszuführen, bevor die Frühschicht endete und ich dann mit einem Aufeinandertreffen und diesbezüglichen unnötigen Erklärungen rechnen musste. Ich musste dieses T-Shirt loswerden. Auf dem Balkon kurz mit Steinen befestigt und dann lostrocknen in der Sonne. Dann ab unter die Dusche. Vorher noch das Gesamtlayout des Bades feststellen. Ich wollte keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Währenddessen konnte der Rechner schon mal vorglühen. Beim Essen dann das Kartenmaterial, also der Weg auf Rügen und, als Zusatz, eine detailliertere Anfahrtskarte für Café Peters. Einer der zwei Gründe, weshalb ich dort war. Die Zeit ging schnell um, also musste ich mich beeilen und bei den zu bügelnden Klamotten eine Auswahl treffen. Das war nicht schwer, das weiße T-Shirt war noch einigermaßen knitterfrei und eines der schwarzen Hemden noch gut gelegt. Also nur drei Kleidungsstücke. Keine große Sache. Es war jedoch bereits nach zwei und ich musste zusehen, dass ich dort rauskam. Das T-Shirt hatte ich strategisch gut platziert, so dass ich dieses nicht vergaß, aber den Hut hätte ich beinahe vergessen. Jetzt fiel mir auch ein, dass ich die Maus gar nicht dabei hatte, die ich mir am Strand eigentlich tarantinoesk an die Schläfe halten wollte, als Revolverersatz. Und das Foto von Capote fehlte ebenfalls. Macht alles nichts, ich weiß, wie Capote aussieht.
Der Weg nach Rügen. Im H&M in Stralsund hatten sie genau dieselben Scheisssonnenbrillen wie in Greifswald, nur waren sie diesmal besser nach Damen- und Herrenbrillen getrennt. Im Stil offenbarte sich mir dieser Unterschied nicht. Die Sonnenbrillen in der Herrenabteilung hätten sich besser ein Stockwerk weiter unten gemacht oder bei den Regalen mit der Aufschrift „65plus“. Bereits auf der Anfahrt zur alten Rügenbrücke stellte sich ein mehr als bemerkbarer Gegenwind ein und auf der Brücke selbst war dieser so stark, dass ich sicherheitshalber einhändig fuhr, um meinen Hut festzuhalten. Dieser konnte zwar dank des festen Sitzes nicht so leicht abgeweht werden, sollte sich dieser aber einmal lockern, blieb keine Zeit zum Reagieren und er würde fortfliegen, was angesichts des dort nicht vorhandenen Korrigierraums in jedem Fall für den Hut fatal bzw. nass geendet hätte. Als ich auf Rügen ankam und um die Kurve düste, die den Rügener Radweg erst eröffnete, konnte ich mir zum ersten Mal ansatzweise ausmalen, dass mein Zeitplan korrigiert werden müsste. Insbesondere, da auf der Ausschilderung Putbus 46 Kilometer entfernt war, eine Strecke, die ich bis Sassnitz geplant hatte. Und der Wind, er hörte nicht auf. Ich kam kurze Zeit später an einer Gaststätte vorbei, die mich bereits mehrmals begleitete. Zum einen sind wir beim schulischen Kajakkurs einmal vom Dänholm hierher gefahren. Zum anderen war ich hier mal mit meinen Eltern essen. Ich glaube, das war in einem Herbst. 2008 oder 2009, ich weiß es nicht. Genau dieses Restaurant, oder besser gesagt dessen Außenbereich, hatte ich im Hinterkopf, als ich bei den Arbeiten zur Seite von „Widder wider Willen“ von Annett Louisan auf magna cum laude war. Dieser Außenbereich erinnert mich auch jedes Mal an die Eröffnungsszene von „Die fabelhafte Welt der Amélie“, in welcher im Außenbereich eines Restaurants der Wind unter die Tischbecke blies und die Weingläser auf diesem tanzen ließ. Hierher wollte ich um zwanzig Uhr zurückkehren und zu Abend essen. Wenig später begann der Sturm.
Es war zwar nur der Gegenwind, der einem auf offenem Land begegnet, wenn zwei Wetterfronten aufeinander treffen, aber auf dem Fahrrad ist dieser sehr nervig. Ich musste in einen derart niedrigen Gang schalten, von dem ich nicht einmal wusste, dass mein Getriebe da unten noch funktioniert. Die folgenden Stunden bis Garz und Putbus bedürfen eigentlich kaum einer Ergänzung. Es ging mit ständigem Gegenwind weiter. Ungekrönter Negativhöhepunkt dieses Teilstückes war das Ausweichen vor einem Traktor. Dieser kam langsam auf mich zu, ich wollte mich an den Wegesrand stellen. Nun hatte ich nicht bedacht, dass dieser nicht so eben ist, wie es einem das Gras suggeriert. Ich kippte ohne Gnade um. Und dieser Traktorfahrer fährt einfach auf das Feld, anstatt den Weg weiter zu benutzen. Haben die keine Blinker? Zu allem Überfluss stellte ich kurz danach fest, dass ich mit der Hand großflächig in Brennnesseln gepackt habe. Schöner Mist. Aber ich fuhr weiter.
Weit nach vier, fast schon fünf, vielleicht sogar nach fünf, lief ich in Garz ein. Durch eine zwar unbequeme, dafür aber effektive Abkürzung sparte ich dreizehn Kilometer, also geschätzt mindestens eine Stunde, ein. In Garz fand ich bei einem Bäcker Zuflucht, der meinen Magen erst mal beruhigen konnte. Zum Hieressen einmal Kokosecke und Bienenstich, zum Mitnehmen Ochsenauge. Ich wusste, der Hunger würde kommen. Aber ich musste weiter nach Putbus. Es waren nur noch neun Kilometer bis dorthin. Zumindest auf dem direkten Weg. Mit Zwischenstation in Kasnevitz. Es war 17.40 Uhr. Neben einem Subaru-Händler (bemerkenswert, ein Dorf mit Subaru-Händler) stand eine flache Abgrenzungsmauer, ich legte mich darauf hin. Auf der Karte überprüfte ich es erneut: Ja, ich habe mindestens die Hälfte der Rügener Strecke geschafft. Aber die Zeit ist sehr weit fortgeschritten. Nur noch zehn vor sechs. Selbst wenn Peters bis acht aufhätte, kamen mir Zweifel, ob ich das Stück Kuchen noch abgreifen könnte. Hauptsache die Sonne ist noch nicht vollständig weg, ehe ich angekommen bin. Nach ausreichender Erholung ging es weiter. Irgendwann lief ich in Putbus ein. Der Ort, an dem die Rügener Kabarettregatta stattfindet. Dieses Jahr unter anderem mit Horst Schroth und Arnulf Rating, beides bereits Gäste in „Neues aus der Anstalt“. Erst hier war mir eine Steigung zu heftig, so dass ich abstieg und das Fahrrad schob. Eine kleine Kapitulation. Ich sollte eigentlich nicht aufgeben, zumal ich es bereits so weit geschafft habe. Ich sehe nicht auf den Weg, der vor mir liegt, sondern auf den Weg, der bereits hinter mir liegt. Putbus geschafft! Auf nach Bergen. Ich habe den Scheiss-Radweg nicht gefunden, musste also über die Landstraße. Und ich war nun extra an einem Tag unterwegs, der außerhalb der Saison liegt, aber das … Man glaubt gar nicht, was für Gewohnheiten Autofahrer manchmal an den Tag legen. Für wenige Minuten bleibt eine Straße leer und dann kommt ein unfassbar langer Pulk an Autos. Das muss man sich einmal angesehen haben, sonst glaubt man das nicht. Auf diesem Weg dachte ich auch das erste Mal daran, dass ich es möglicherweise nicht vor Sonnenuntergang schaffen würde. Die schnellen Kurven und überhaupt der Weg zwischen Putbus und Bergen sind für einen Radfahrer die Hölle. In einer sehr engen Kurve erreichte ich wieder den Maximalgang und schlagartig wurde mir bewusst, wie gefährlich dieser Fahrzustand mitten im Wald in einer scharfen Kurve doch ist und ich war panisch darauf bedacht, dort rauszukommen. Und der Gegenwind. So viel Gegenwind kann es doch nicht geben. Kurz vor Bergen, man konnte die Kirche sehen, machte ich dann die ersten drei Fotos für diese Session.
In Bergen. Die Sonne steht schon reichlich tief. Es gibt zwei Wege aus Bergen raus: Die Landstraße, also den Weg, den ich ursprünglich wollte, der aber keine Fahrradunterstützung bietet, und der vom Navi empfohlene Weg mit Fahrradunterstützung und nur ein bisschen länger. Welchen nehme ich? Die Entscheidung fiel wegen der vorangegangenen Etappe leicht. Ich schob das Rad wieder hinauf. Diese Steigung ist selbst zu Fuß bemerkbar. Ich wusste nicht mehr so recht, wie es weitergehen würde. Da entdeckte ich ein Lokal. Und da dachte ich dann: Scheiss drauf. Ich werde es nicht vor Sonnenuntergang schaffen. Da kann ich mir auch Zeit lassen. Ich sah mir von außen die Karte an und wusste beim Eintrag „Steak mit Kräuterbutter und Bratkartoffeln“, dass das der richtige Ort war, wo ich verstanden werden würde. Genau das bestellte ich mir, dazu eine Spezi. Nun musste ich zwei Anrufe tätigen. Einmal bei BK anrufen, dass ich erst morgen zurückkomme (und bei meinen Ellis übernachte, was natürlich wegen der Entfernung utopisch war), und bei Ellis anrufen, ob morgen das Wetter wirklich so verregnet sein wird. Beinahe hätten sie es deswegen erfahren. Ich konnte meiner Mutter gerade noch so beibiegen, dass ich gerade unterwegs sei und dass ich nicht bei ihnen vorbeikommen würde (was ihnen BK am Telefon sagte). Glück gehabt. Aber ich werde es ihnen sowieso sagen, wenn die Zeit dazu harmlos ist und nicht so angespannt wie jetzt.
Als ich rausging, war die Sonne bereits untergegangen. Damit fiel der Fototermin für heute endgültig ins Wasser, und mein Entschluss festigte sich: Ich übernachte dort. Dazu muss ich aber erst mal hinfahren. Dies tat ich dann auch. In den letzten Stunden hatte ich keine Musik mehr gehört. Der positive Moment kurz vor Stralsund war schon längst verflogen. Und zwar hatte ich da gerade The Rocky Road to Dublin von den Dropkick Murphys gehört, und beim Sperren des Telefons war im Hintergrund ein vierblättriges Kleeblatt zu sehen, und genau in dem Moment sah ich auf der Straße einen Roadkill (Tier, welches auf der Straße zu Tode kam), und man mag es kaum glauben, es war ein Hase! Also ein Dead Rabbit! Ist das geil oder was? (Wer die über alle Maßen superbe Ironie dahinter nicht versteht, hat wahrscheinlich noch nie in kurzer Reihenfolge hintereinander Gangs of New York und Departed - Unter Feinden gesehen, beides Filme mit Leonardo DiCaprio, in denen es um Iren in den USA geht. Und beide von Martin Scorsese.) Derartige Euphorie konnte man jetzt vergessen. Um dem entgegenzuwirken, und um den verdammten Wetterbericht zu kriegen, machte ich das Radio an. Das geht auf dem Handy. Ich hatte es sehr lange an. Und es wurde sehr schnell sehr dunkel. Schon als ich aufhörte, das Rad durch den Ort zu schieben, holte ich die Lampen raus. Sie funktionierten tadellos. Im Radio kam Motivationsmucke, genau das richtige für jetzt. Beim Ortsausgang musste ich bereits ziemlich stark einbremsen, weil die Geschwindigkeit diesmal durch Gefälle stark anstieg, was bei beschissener Sicht im Dunkeln sehr ungünstig ist. Die Autofahrer an der Seite müssen sich gewundert haben, was der Kerl so spät abends noch dort an der Seite sucht. Dann kam ein langer Abschnitt. Im Wald führte eine Landstraße lang, am Rand ein Fahrradweg. Die Steigung war nicht ohne. Ich musste mal wieder niedrigste Gänge bedienen. Und der Weg läuft nicht einfach so an der Straßenseite entlang. Er wechselt gelegentlich die Straßenseite. In der Dunkelheit ist das nicht immer eindeutig zu erkennen. Daher kam ich dann auf einen tatsächlichen Waldweg, bei dem ich mir schon nach kurzer Zeit sicher war, dass ich, wenn überhaupt, lieber auf der Straße fahren würde. Da musste ein Seitenwechsel sein. Und es war einer. Dann auf der linken Seite weiter. Es hat ewig gedauert, aus diesem Wald rauszukommen. Aber irgendwann schaffte ich es: Ich sah wieder die Lichter der Zivilisation. Meine erste Rügenkarte hatte ich längst weggepackt, die Detailkarte, auf der man den restlichen Weg sehen konnte, war dran. Ich sage das jetzt, weil die große Karte genau jetzt nicht mehr zu gebrauchen war, weil Lietzow schon gar nicht mehr drauf ist. Ich stellte mich an ein Straßenlicht und dachte: Hey, es sind nur noch wenige Kilometer zurückzulegen, und dann kannst du am Strand mit dem Geräusch der Wellen pennen. Mittlerweile war es um neun. Und dann ging es in den nächsten Wald hinein. Die enormste Steigung. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal wirklich den alleruntersten Gang im richtigen Leben brauchen würde, aber es stimmt. Da brauchte ich ihn. Aber dann musste ich doch absteigen. Im Radio lief Nelly Furtado - Say it right. An der Stelle beschlich mich dann das Gefühl, dass ich mich fragte, wozu ich das alles hier eigentlich mache. Hat das alles einen Sinn, wenn doch keine Antwort kommt? Hat es einen Sinn, sich auf den physiotherapeutischen Effekt dieser Tour zu berufen, wenn sie von der Tour zur Tortur wird? Ma chère, gib mir Kraft. Ich trage sie immer bei mir, sie weiß es noch nicht (glaub ich). Auf dem USB-Stick, ohne den ich nicht das Haus verlasse, ist ein Bild von ihr. Als Bitmap, nicht als JPEG, das sollte es einem wert sein. Die Steigung hörte bald auf, ich konnte weiterfahren. Irgendwann gesellte sich der Weg zur Straße. So hat man immerhin eine bessere Orientierung. Der Wald löste sich langsam auf, bis wir wieder auf den offenen Badlands waren (verdammt, schon wieder dieses GTA San Andreas). Dann, große Fluchtbeleuchtung in der Ferne zu sehen. Sollte das das ausgemachte Ziel sein? Es kam eine Kreuzung. Sie wies Wege nach Sagard und Sassnitz und Binz. In Sagard gibt es ein ungarisches Restaurant, die machen da einen guten Gulascheintopf mit Schmelzkäse, das Zeug ist schön scharf. Sollte ich auch mal wieder hin. Ich bog nach rechts ab, auf die Lichter zu, Richtung Sassnitz. Dies war die Etappe, auf der der Gegenwind am unbarmherzigsten zuschlug. Was willst du von mir? Dass ich umkehre? Dass ich aufgebe? Aufhören! Aufhören! Verpiss dich, Wind! Die Lichter entpuppten sich dann als Bahntrassenbeleuchtung, nicht als Sassnitzbeleuchtung bzw. die Fähreneinfahrt. Bloß nicht das Radio ausmachen, das würde ich jetzt nicht mehr aushalten, in dieser zugigen Stille und Dunkelheit.
Ich fühlte mich einsam. Und es war eine unschöne Einsamkeit.