(zehn Tage
Schreibpause)
Der Shot ist also so im Film integriert worden, wie man es
aus dem Trailer erwartet. OK, das ist ein erster Meilenstein, den der Film
erfüllt hat. Man kann ja in einem Trailer zusammenschnippeln, was man will,
wodurch eine Erwartungshaltung geschürt wird, die der Film dann nicht halten
kann. In diesem Fall ist das nicht so.
Wie sieht es mit dem nächsten Meilenstein aus? Was ist mit
Letty geschehen? Im vierten Teil wurde verdeutlicht, dass sie von Fenix
erschossen wurde. (Mit der gleichen erzählerischen Technik, die uns Paul
Smecker in The Boondock Saints gebracht hat. Hübsches Stilmittel.) Und
tatsächlich hat Fenix einen Schuss abgegeben, nur dass er sich hier dazu
entschieden hat, den Wagen in Brand zu setzen und eine Explosion auszulösen.
Durch den physikalischen Schock hat Letty ihr Gedächtnis verloren und landete
in einem Krankenhaus. Dort wurde sie von ihrem Auftraggeber, Arturo Braga, der
auch den Mord angeordnet hat, aufgefunden. Er stellte fest, dass sie sich an
nichts mehr erinnern kann. Damit fällt für ihn der Grund weg, sie umzubringen,
da es dabei nur darum ging, keine Zeugen des eigentlichen Verbrechens zu
hinterlassen. Da er sich zudem in dem vorherigen Job von ihren Fähigkeiten
überzeugen konnte, fällt kurzerhand der Entschluss, sie weiterhin zu verwenden.
Dadurch landete sie in der Crew von dem Typen, um den es in diesem Film hier
geht.
Wenn nun jemand behauptet, man könne das anders und besser
lösen, dann lege ich keinen Einspruch ein. Wenn jemand behauptet, man hätte
Letty wiederbelebt, weil die Zuschauer sie wieder sehen wollten, dann lasse ich
das auch durchgehen. Bei Han dürfte es schließlich genauso gewesen sein (darum
brauchten wir auch drei Filme, um die Lücke zu Tokyo Drift zu schließen). Aber
ich wiederum nehme mir das Recht heraus, zu behaupten: Das hätte man auch viel
schlechter machen können. Beispiel Fenix: Er hat abgedrückt, weil er den
Auftrag hatte, Letty zu töten. Nichts anderes hat er mit dem Schuss
beabsichtigt. Man hat es also vermieden, im Nachhinein die Intentionen der
Figur zu ändern. Beispiel Braga: Er sagte im vierten Teil (in welchem Letty
mutmaßlich umgebracht wurde), dass es ihm nur ums Geschäft ginge.
Zwischenmenschliche Dinge wie Wut oder Aggression spielen also keine Rolle,
wenn er einen Mordauftrag vergibt. Darum versucht er auch nicht weiter, Letty
zu töten, als sie ihr Gedächtnis verloren hat, sondern bewertet die Lage neu
und kommt zum Schluss, dass sie ihnen tot weniger nützt als lebendig. Man
ändert auch hier nicht im Nachhinein den Charakter. Ordentlich gemacht, insbesondere
für das Genre.
Das alles erfahren wir etwas später. Brian muss sich mit
besagtem Arturo Braga treffen, um das alles rauszufinden. Dieser sitzt immer
noch im Knast, und da Brian selbst gesucht wird, muss er es riskieren, komplett
aufzufliegen. So lässt er sich zum Schein in den Staaten von seinen ehemaligen
Kollegen verhaften, und dann kommt es zur Braga-Szene. Somit gibt es ein
weiteres Cross-Linking zwischen den Filmen. Braga ist nach wie vor der gleiche
Charakter, und damit fügt sich die Letty-Erklärung nochmals harmonischer.
Wer die Vorgängerfilme nicht kennt, für den ergibt natürlich
all das nicht den geringsten Sinn.
Wer die Vorgängerfilme nicht kennt, sollte sich überhaupt
aus der ganzen Fast & Furious-Sache heraushalten. Es gibt Filmreihen, bei
denen blickt man auch durch, wenn man bei den Vorgängern erhebliche Lücken hat.
Ich hab Harry Potter Teil 6 im Kino gesehen und konnte mich nur an den zweiten
Teil wirklich erinnern. Den ersten und dritten hab ich auch bereits gesehen,
aber meine Erinnerungen waren bruchstückhaft. Dennoch hatte ich keine Probleme,
dem Film zu folgen. In der Fast & Furious-Reihe ist das anders, weil man
keinen durchgehend linearen Erzählstrang innerhalb der Reihe hat, und auch die
Biografien der einzelnen Figuren sind bei weitem nicht vollständig. So wissen
wir zum Beispiel immer noch nicht, wie Dom von Mexiko in die Dominikanische
Republik gelangte. Oder wie er Han kennenlernte. Was ich damit sagen will: Wenn
man die Vorgängerfilme nicht kennt, verliert man leicht den Überblick. Denn
dann weiß man nicht, warum welche Figur wie handelt, und dann macht der Film
automatisch weniger Spaß.
Und eine Sache noch: Bevor ihr euch jetzt durch die
komplette Reihe kämpft, solltet ihr euch fragen, ob ihr euch für Autos
interessiert. Diejenigen, die sich stark für das Thema interessieren, werden
das bereits wissen, aber für alle anderen gebe ich mal ein paar Beispielfragen.
Zunächst mal an diejenigen, die ein Auto besitzen: Könnt ihr sowohl Hersteller
als auch Baureihe auf Anhieb korrekt nennen? Wisst ihr, in welchem Land dieser
Hersteller beheimatet ist? (Wenn ihr Japan gesagt habt und sich herausstellt,
dass die richtige Antwort Südkorea oder China gewesen wäre, lasse ich das mal
gelten, denn so genau muss man es in dem Fall nun auch wieder nicht wissen.)
Könnt ihr mit dem Begriff "Viertaktmotor" etwas anfangen? Könnt ihr
"normale" Autos in die fünf traditionellen Klassen einordnen? (Diese
sind: Kleinwagen, untere Mittelklasse, Mittelklasse, obere Mittelklasse,
Oberklasse, daneben gibt es noch die Spezialsegmente Microcar, Geländewagen,
Sportwagen, Van bzw. Transporter und luxuriöse Fahrzeuge vom Schlage eines
Bentley oder Rolls-Royce, die noch über der Oberklasse anzusiedeln sind, weil
die fast ausschließlich in Handarbeit gebaut werden.) Wenn euch diese Begriffe
nichts sagen, dann ist das ein erster Hinweis darauf, dass das Thema Automobil
euch eher weniger betrifft oder ihr gerade am Anfang eurer Beschäftigung mit
dem Thema steht. Wenn euch Autos nicht interessieren, solltet ihr euch und allen
Fans der Reihe einen Gefallen tun und das Thema Fast & Furious zu den Akten
legen, denn alles Andere wäre für euch Zeitverschwendung. Die Reihe bedient in
erster Linie ein Nischenpublikum, zu dem ich mich selbst hinzurechne. Und
dieses Publikum ist gewillt, auch über die eine oder andere physikalische
Unzulänglichkeit hinwegzusehen. Am häufigsten wird das auf eine der letzten
Szenen in Fast & Furious 6 angewendet: Diese Szene spielt in der Nacht auf
einem Militärflughafen, und auf der Landebahn findet eine Verfolgungsjagd
statt. Daran sind mehrere Fahrzeuge beteiligt, ebenso ein Flugzeug, welches im
Begriff ist, zu starten. Während der Szene wird nicht gewendet, die Beteiligten
bewegen sich also geradeaus. Nimmt man die Erzählzeit und berücksichtigt man
die ungefähre Geschwindigkeit, kommt man auf eine Länge der Startbahn von knapp
30 Meilen (bzw. 45 Kilometer). Wer glaubt, das dem Film ankreiden zu müssen,
ist hier definitiv falsch, denn erstens wisst ihr sowieso nicht aus dem Kopf,
wie lang eine militärische Landebahn ist, und zweitens ist die Reihe bekannt
für gelegentliche Missverhältnisse zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit. Im
ersten Teil der Reihe sehen wir beispielsweise ein Dragsterrennen, von dem wir
annehmen können, dass es ungefähr zehn Sekunden dauert. Im Film selbst wird
daraus eine Minute. Das dürfte dem Dramatikbogen geschuldet sein, denn eine
Actionszene, die nach zehn Sekunden vorbei ist, ist nicht spannend. Und hier
gilt das Gleiche: Würde man dem Film für alles, was in der Szene passiert,
tatsächlich nur die Zeit geben, die ein Großraumflugzeug zum Abheben braucht,
wäre das ein Overkill und würde überhaupt nicht zum Film passen, denn dann wäre
es nach spätestens einer Minute zu Ende. Ihr könnt euch ja mal ein Let's Play
zum letzten Kapitel von Kane & Lynch: Dead Men ansehen. (FSK 18, PEGI 18) Wisst ihr was, da
ihr eh zu faul dazu seid, suche ich für euch eins raus. Schaut euch dieses
Video ab 7:20 an und seht, was man alles in so eine Phase hineinbringen kann.
Nicht viel.
Bei Star Wars hat man sich schließlich auch nicht darüber zu
beschweren, dass es im Vakuum keine Geräusche gibt oder dass so ein
Laserschwert physikalisch gesehen so gar keinen Sinn ergibt. Hier hat man eben
nicht zu mosern, wenn ein Flugzeug es in einer Viertelstunde nicht gebacken
kriegt, abzuheben.
Eigentlich wollte ich noch auf eine weitere Sache zu
sprechen kommen, und zwar den Bereich Familie und Heimat, den man insbesondere
bei den Torettos findet. Aber das ist genug Stoff für einen separaten Artikel.
Wenn ihr also den ewigen Kampf Dodge vs. Nissan so gerne
seht wie ich und mit der im fünften Teil eingeläuteten anderen Gangart von Fast
& Furious klarkommt und vor allem sehen wollt, wie die Lücke zum dritten
Teil der Serie geschlossen wird, dann schaltet ein. Wenn nicht, dann lasst uns
unseren Spaß.
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