SPOILERWARNUNG FÜR FAST & FURIOUS 6
Der fünfte Teil der Fast & Furious-Reihe bewirkte, dass
die Charaktere aus den Vorgängerfilmen zusammenfanden. Das war notwendig, da
sich auf Grund der Besetzungsschwierigkeiten beim zweiten und dritten Film ein
Flickenteppich aus Handlungssträngen anbahnte, der den Hauptfiguren ein immer
größeres Netz an Kontakten gab. Entsprechend final war die Stimmung, und so
wirkte es auch, als der Abspann lief und von allen Charakteren die
entsprechenden Handlungsschnipsel aus den Vorgängerfilmen abgespielt wurden.
Wäre da nicht diese Szene gewesen ... Hobbs bekommt ein Fahndungsfoto, auf
welchem Letty abgebildet ist, die als tot gilt. Dieser Cliffhanger bildet die
Rechtfertigung, einen weiteren Film zu drehen, da das Universum eben doch nicht
abgeschlossen ist. Um genau diesen Fakt, das Wiederauftauchen von Letty, ist
der sechste Film konstruiert.
Wie soll man das bewerten? Ich als eingefleischter
F&F-Jünger habe zum Einen die Erwartung, dass diese Entwicklung nicht so
lahmarschig erklärt wird, wie man vermuten könnte. (Bei Crank 2 wurde
beispielsweise ein Schauspieler wieder ins Boot geholt, dessen Rolle im ersten
Film starb. Dieser Schauspieler verkörperte nun dessen Zwillingsbruder, der auf
Rache aus ist.) Zum Anderen sind die F&F-Filme nicht für die größte erzählerische
Tiefe bekannt. Es bestand also das ernstzunehmende Risiko, dass diese Umsetzung
unbefriedigend ausfällt und damit den ganzen Film überschattet.
Ein weiterer Punkt ist, dass die Filme der Reihe mit der
Zeit immer abgefahrener wurden. Ging es im ersten Teil noch um gewöhnliche
Straßenrennen und ein paar geklaute Videorecorder, kam es im zweiten Teil
bereits zum Ausheben eines Kartells. Im dritten legte man sich mit der Yakuza
an, beim vierten wurde eine mexikanische Drogenorganisation plattgemacht und im
fünften wurden mal eben hundert Millionen Dollar gestohlen. Beim fünften Teil
stellte sich der Effekt ein, dass es jetzt aber auch mal gut sei und die
Entfernung zur Liebe zu den Karren, die gefahren werden, bereits deutlich
gewachsen ist, so dass man den Vorwurf erheben könnte, dass sich die Reihe zu
weit vom Ursprung entfernt habe.
Von Sir Donnerbold las ich bei Twitter eine Bemerkung, die
ihr hier
nachlesen könnt. Zwar ist der Regisseur des sechsten Teils der gleiche wie seit
dem dritten, allerdings ist die Aussage angesichts der oben genannten Zweifel
berechtigt. Außerdem lässt die Behauptung, die Sir Donnerbold dem Justin Lin
unterstellte/nachwies/whatever, vermuten, dass der Film den Weg zurück zu den
Wurzeln weisen würde. Eine Vermutung, die ebenso berechtigt wie kühn ist.
Kurzum, der Film hatte viele Erwartungen meinerseits, und
die Erfüllbarkeit war eine große Unbekannte. An solchen Sachen ist der fünfte
Teil von Stirb langsam massiv krachen gegangen.
Dann hab ich ihn gesehen.
Welche kurze Bewertung kann ich vor dem Haupttext geben? Hat
der Film den Erwartungen standgehalten? Im Großen und Ganzen ja. Ich würde
sagen, er hat meinen Erwartungen zu 75 Prozent entsprochen. 25 Prozent wären
Stirb langsam fünf und hundert Prozent wären das, was ich mir von The Lone
Ranger erhoffe.
Der Film knüpft nahtlos an den Vorgänger an. Ein Dodge
Challenger und ein Nissan GT-R fahren durch Serpentinen. An den Lenkrädern Dom
und Brian. Zumindest denkt man, dass es nahtlos ist, denn im Vorgänger setzen
sie zu einem solchen Rennen an. In Wirklichkeit sind mehrere Monate vergangen,
denn sie fahren zur Entbindung von Mia, Doms Schwester. Am Ende des fünften
Teils war sie noch nicht in der Klinik, sie war einfach so schwanger. Später,
als wir Mia, Brian und ihren Sohn Jack sehen, fällt die Bemerkung, dass sie
zwar alles haben, nur eben kein Zuhause. Das ist der Ansatz, der mit
"Zurück zu den Wurzeln" gegeben wird: Die Geschehnisse der vergangenen
Filme haben dazu geführt, dass die Charaktere nicht mehr in die USA
zurückkehren können, ohne ins Gefängnis zu kommen. Dom geht es ähnlich, und er
kann nicht nur nicht zurück, sondern er hat darüber hinaus Letty verloren. Da
Hobbs nun wieder auftaucht und ein Foto von Letty mitbringt (und ihn demzufolge
nicht einbuchten will), muss Klarheit ran.
Die anderen Mitglieder des Teams sind auf der Welt verstreut
und genießen den Reichtum, den sie im fünften Teil gewonnen haben. Da Hobbs
eine aggressive Verbrechercrew stellen will (und zwar die, zu der Letty zu
gehören scheint), will er das komplette Team von Dom und Brian, die ihm dabei
helfen sollen. Tego Calderón und Don Omar sind dieses Mal nicht dabei
(wahrscheinlich, weil sie keiner findet) und damit fehlt das dynamische Duo,
welches sich dauernd gegenseitig piesackt. Könnte man denken. Denn diese Rolle
wird nunmehr von Roman Pearce (Tyrese) und Tej (Ludacris) übernommen. Was auch
gut funktioniert, schließlich ist Roman immer noch ein Plappermaul und hat,
obgleich mehrfacher Millionär, immer noch nicht seinen früheren kriminellen
Habitus abgelegt. Will sagen, er nimmt sich beim Essen immer noch stets das
erste Stück und packt sich noch eine zweite Getränkedose in die Hose, wenn sie
aufs Haus gehen. Sein dahingehender Part wurde im Vergleich zu den Vorgängern
ein wenig ausgebaut.
Der Gegenspieler ist dieses Mal ein Exsoldat, der nun
Militärkonvois überfällt, um sich eine Gerätschaft zusammenzubauen, mit der man
die Kommunikation eines Landes 24 Stunden lang lahmlegen kann. Diese
Möglichkeit will er meistbietend verkaufen. Sein charakterliches Profil ... im
Ernst jetzt, erwartet ihr so etwas wirklich? Ihr hattet fünf Filme und zwölf
Jahre Zeit, euch davon zu überzeugen, dass das eine untergeordnete Rolle
spielt. Irgend ein Kerl eben, der irgendein Motto in seinen Einsätzen
gebraucht. Und hochspezialisierte Technik. Als er das erste Mal im Film
verfolgt wird, kleben drei BMW M5 an ihm dran. Alle werden mit einem
Mikro-Kontrollsystem beschossen, welches man mit den ESD-Launchern aus dem
zweiten Teil vergleichen könnte. Die technische Versiertheit seiner Crew
bemerkt man daran, dass die Gerätschaften, die an den Fahrzeugen hängen und
diese lahmlegen, nunmehr deutlich kleiner sind als die ESD-Geschosse. Und wie
bei diesen gelingt es Brian, sie vom Fahrzeug wieder zu entfernen, bevor sie
aktiviert werden können. (Die anderen beiden Autos mit Tej und Rome an den
Steuern schaffen es nicht.)
Am Ende dieser Verfolgungsjagd stehen sich Dom und Letty
gegenüber. Und eine Einstellung erscheint, die wir aus den Trailern kennen:
Letty feuert ihre Waffe ab. Auf Dom. Damit ist das der Moment der Spannung. Ich
hatte vom Trailer die Erwartung, dass dieser Shot eine zentrale Frage aufwirft,
und zwar, wie es zu der Entfremdung kam.
(zehn Tage Schreibpause)
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