Achtung! Spoiler für Skyfall direkt voraus! Wer
den dritten James Bond-Film mit Daniel Craig noch nicht gesehen hat und sich
nicht die Spannung verderben will, sollte spätestens jetzt umkehren und ins
nächstgelegene Lichtspielhaus marschieren!
Tja, ihr habt es so gewollt.
Der dritte Bond mit Daniel Craig in der Titelrolle hat ein
wenig auf sich warten lassen. Zwischen den beiden Vorgängern Casino Royale und
Ein Quantum Trost lagen zwei Jahre, nunmehr sind vier Frühlinge in den Herbst
gezogen. Das spiegelt sich in einigen personellen Punkten wider: Der Regisseur
ist Sam Mendes, der mit American Beauty 1999 einen fünffachen Oscargewinner
drehte, der Soundtrack wurde entsprechend von Thomas Newman geschrieben. Sein
bekanntestes Stück dürfte Dead Already aus besagtem American Beauty sein (hört
es euch an, ihr kennt es alle). Das ist insofern ein Novum, als in den
vorangegangenen Filmen immer David Arnold für die Bond-Musik zuständig war,
seit 1997, um genau zu sein, vorher hat Eric Serra, der Komponist für Das
fünfte Element bei GoldenEye sein Gastspiel gegeben. Den Wechsel kann man im
Film merken, der Soundtrack unterscheidet sich (für mein Ohr) deutlich von den
letzten anderthalb Dekaden. Und auch sonst führt der Film einige neue (und
alte) Dinge ein. Das fängt schon damit an, dass Craigs Bond eine komplett neue
Mission erhält: Die alte Geschichte mit finanzierten Terroristen und der
Quantum-Organisation liegt ad acta, stattdessen verfolgt Bond in der Türkei mit
einer MI6-Mitarbeiterin einen Killer (nicht ohne seinen materiellen
Kollateralschaden diesmal wegzulassen). Die Mitarbeiterin muss dann aus der
Ferne weiterkämpfen, während Bond einen Kampf mit dem Verfolgten auf einem Zug
austrägt. Der MI6 hört in seiner Hauptzentrale über Funk mit. Die Mitarbeiterin
zielt mit einem Gewehr auf die beiden, aber sie bewegen sich, so ist der Killer
kein leichtes Ziel. Sie zögert, den Abzug zu drücken, M gibt über Funk den
unmissverständlichen, direkten, gar scharfen Befehl, zu schießen. Die
Mitarbeiterin setzt die Anweisung ohne zu zögern um, trifft dabei aber Bond,
während der Killer in einem Tunnel verschwindet. Bond stürzt in die Tiefe in
einen Fluss. Allein in dieser Szene (die vor dem animierten Vorspann
stattfindet) werden einige Dinge zusammengesponnen, die später noch eine Rolle
spielen: M gibt die Anweisung, ohne Rücksicht auf Verluste abzudrücken und
riskiert damit den Verlust eines eigenen Agenten. In der Vergangenheit tat sie
das schon einmal, wie wir später feststellen. Bond wurde zwar schon vorher von
einer Kugel des Killers getroffen (in die rechte Schulter; wahrscheinlich aus
einer Glock 18 mit Beta-C-Magazin), aber der Schuss seiner Kollegin geht in die
Rumpfgegend. Die Kollegin verwendet einen sehr kurzläufigen AR15-Karabiner, quasi
eine subkompakte Lauflänge, was nicht gerade einem Scharfschützengewehr
entspricht. Das Zielfernrohr der Waffe hatte eine eher ungewöhnliche
Montierschiene, das Ganze sah so aus, als hätten sie vor Ort nehmen müssen, was
sie halt bekommen konnten. Ebenfalls fiel mir auf, dass es schon lange her sein
muss, dass Bond im Vorspann für tot erklärt wurde. Spontan fällt mir nur der
fünfte Film ein, Du lebst nur zweimal hieß der, als Bond seine Seebestattung
erhielt, um undercover ermitteln zu können. Denn natürlich gibt der den Löffel
nicht ab, wäre auch ein recht kurzer Bondfilm. Der Sturz ins Wasser gibt den
direkten Link in die animierte Sequenz, die mit Musik von Adele unterlegt ist.
Hier sehen wir einen Bond, der irgendwie orientierungslos ist und nicht so
genau weiß, was er tun soll. Nachdem der Film weitergeht, sieht man dann das
Gegenteil: Bond lebt, die Wunden sind mehr oder weniger verheilt, und wenn der
Rest der Welt einen vergisst und man ausreichend Geld und Alkohol am Start hat,
kann man sich den einen oder anderen Tag mit Betthupferln versüßen. Denn für
irgendwas muss sich die Schinderei schließlich gelohnt haben, wenn der
Heckenpenner, den man fassen wollte, entkam.
Der Urlaub muss irgendwann aber aufhören, und so tut Bond
etwas, was er laut Ms Aussage in Casino Royale nie wieder tun solle: in ihre
Wohnung einbrechen. Denn der gejagte Killer hatte eine Festplatte mit
haufenweise Namen von Undercover-Agenten. Und die wurde mittlerweile geknackt,
und jede Woche werden fünf Namen auf Youtube hochgeladen. Vorher wird von den
Villains aber eine Machtdemonstration verübt: Ms Laptop wird mit einem Virus
bespielt, der sich über sie lustig macht. Ein Datenzugriff über das
Hauptquartier (das wir zum ersten Mal überhaupt im Regen sehen) erfolgt, was
eigentlich unmöglich ist, und M gerät gerade noch rechtzeitig in einen Stau,
bevor sie zusieht, wie ihr Büro in die Luft geht. Wegen der Sicherheitslücke
zieht der MI6 in eine Backup-Zentrale um, wo Bond seine
Wiedereinstellungsprüfung ablegen muss. Wegen der Schrapnelle in seiner
Schulter fällt er durch (beim Doubletap auf dem Schießstand schießt Bond
zweimal am Kopf vorbei), aber M lässt ihm das, ohne sein Wissen, durchgehen, so
dass er eine Freigabe hat, die Leute, die die Festplatte haben, dingfest zu
machen. Dabei wird eine Figur eingeführt, anscheinend jemand, der für die
Sicherheit des Vereinigten Königreiches einige Verantwortung trägt, gespielt
von niemand Geringerem als Ralph Fiennes. Ihr wisst schon, Lord Voldemort.
(Wenn Voldemort für die Sicherheit des Vereinigten Königreiches verantwortlich
ist, sehe ich aber schwarz für die Insel. Die wird schneller absaufen als wir
„Norsefire“ sagen können.) Noch bevor Bond losreist, schneidet er sich die
Kugelteile aus der Schulter und trifft einen weitaus jüngeren Q, als wir ihn
sonst kennen. Q ist die Abkürzung für Quartiermeister gewesen (was wir im Film
auch erfahren) und er ist dieses Mal kein Technokrat, wie es Q und R, also
Desmond Llewelyn und John Cleese waren, nein, er sieht eher wie ein auf
Informatik spezialisierter Scarecrow aus. Passend dazu seine ruhige, aber durch
nichts zu beunruhigende Stimme. Er übergibt Bond seine Dienstwaffe. Ein paar
Modifikationen hat diese sich gefallen lassen: Klar ist es eine Walther PPK,
aber das Modell PPK/S, also den längeren Griff von der Walther PP, mit dem ein
Schuss extra reinpasst. Und die Waffe ist im Kaliber 9mm kurz, also .380 ACP.
Ein guter Umstieg vom bisher eher üblichen Kaliber 7,65 mm, welches zu
Spionagezeiten im Zweiten Weltkrieg angebracht war, heutzutage aber eher kaum.
Und ein Dermalsensor, der bezweckt, dass nur Bond die Waffe abfeuern kann.
Dieses Feature kam mir etwas hemdsärmelig eingefügt vor, spätestens an dem
Zeitpunkt, an dem es verwendet wird. Aber die Abteilung Q wäre nicht die
Abteilung Q, wenn sie Bond nicht genau die Ausrüstung geben würde, die er in
der Handlung braucht, gerade, als hätten sie das Drehbuch aufmerksam studiert.
Den folgenden Krempel können wir schnell durchgehen: Bond
fährt in den fernen Osten, findet den Killer, lässt ihn fallen, spürt die Frau,
die direkt gegenüber im Hochhauszimmer stand, in einem Casino auf, hebt
nebenbei vier Millionen Euro ab, trifft sie auf einer Privatyacht, nachdem sein
Gegner Bonds PPK/S nicht abfeuern konnte, spielt ihr die ganze Zeit vor, er
wäre der Killer (mit der Festplatte), nimmt sie dabei von hinten (ähm, das hab
ich jetzt nicht gesagt, oder) und steht dann auf einer verlassenen japanischen
künstlichen Insel dem Villain gegenüber. Ergänzungen: Im fernen Osten steht er
in Macau. Von der Stadt hab ich zum ersten Mal in Tuning TV gehört, dort haben
sie einen Bericht über die lokale Tuning-Szene gebracht und Christina Surer
erwähnte, dass dieser Ort genau richtig wäre, um eine Fortsetzung von 2 fast 2
furious zu drehen. So ähnlich kam es dann auch, der dritte Teil der Fast & Furious-Reihe
spielte in Tokio, also aus unserer mitteleuropäischen Sicht her gleich um die
Ecke. Und wenn auch der dritte Teil von F&F nicht dort spielte, so dann
eben der dritte Bond mit Craig. Und die künstliche japanische Insel: Über die
hatte ich vor ein paar Monaten einen Wikipedia-Eintrag gelesen. Und erst vor
wenigen Tagen wurde sie in einem Artikel auf cracked.com erwähnt (es ging um
unheimliche Orte). Hübscher Zufall.
Jedenfalls kommt jetzt der Villain herein (der mit dem
Festplattenauftrag). Der weiß natürlich gleich, wen er da vor sich hat, da er
ein ehemaliger MI6-Mitarbeiter war (was erklärt, wie er sich dort einhacken
konnte). Und wir erfahren sein Motiv: M hatte ihn verraten, also im Stich
gelassen, was ja am Anfang des Films bei Bond genau gleich abging. Das hat bei
ihm wohl so eine Mutter-Sohn-Traumatisierung, denn er spricht mit und über M
nicht wie mit einer Vorgesetzten, sondern wie mit seiner Mutter (mit der
Bezeichnung spricht er sie sogar an). Es schließt sich ein recht komischer
Dialog zwischen dem Villain und Bond an, bei dem man nicht so genau weiß, was
er nun mit Bond anstellen will (ob nun foltern oder … foltern, ihr wisst was
ich meine). Der Villain wird gespielt von Javier Bardem, was man hin und wieder
erkennt, wenn man No Country for Old Men vor Augen hat. Seht selbst:
No Country for Old Men
Skyfall
Damit scheint Javier Bardem der neue Alfred Molina zu sein. Auch
spanische Herkunft, auch solche Rollen, nur noch stärker. Da Bond einen
Peilsender am Mann hatte, kann der Villain dingfest gemacht und ins
Hauptquartier gebracht werden. An der Stelle hat alles wie in The Avengers
gewirkt, an dem Punkt, als Loki eingesperrt wird. In beiden Fällen wollten die
schweren Jungs genau dort hin. Um von dort aus unsere Protagonisten schachmatt
zu setzen. Der Villain bricht aus und erschießt beinahe M, die sich gerade vor
einem Ausschuss verantworten muss, wegen ihrer Methodik aus dem Kalten Krieg.
Bond trifft noch rechtzeitig ein, um den Anschlag zu vereiteln und mit M
unterzutauchen. Da der Ausschuss so eine Kommandoaktion niemals mitmachen
würde, überlegen sich die beiden, inoffiziell nach Schottland zu fahren, wohin
ihnen der Villain folgen soll (durch von Q gestreute Brotkrümel), um ihn dort
zu stellen. An dieser Stelle folgt das, worauf wir im Film schon eine ganze Weile
warten: der Aston Martin. Bond hat den DB5, den er in Casino Royale gewonnen
hat, in einer Garage geparkt. Damit haben wir dann das offizielle Bondauto im
Film abgehakt, auf den DBS müssen wir hier verzichten. Offiziell, weil es ja
auch das jeweils andere Bondfahrzeug gibt: In Casino Royale war das der zu dem
Zeitpunkt neue Ford Mondeo, in Ein Quantum Trost war das, öhm, entweder ein
Range Rover oder ein Ford Edge SEL, in Der Morgen stirbt nie war es das
Motorrad während der Verfolgungsjagd in Saigon, in GoldenEye, naja, der DB5
halt, in Stirb an einem anderen Tag ein 57er Ford Fairlane und so weiter.
In Schottland angekommen, sieht man einen Take, den man
vielleicht schon vorher in den Previews oder Trailern gesehen hat, mir kam er
jedenfalls bekannt vor. M und Bond stehen im Nebel und treffen kurz darauf bei
Bonds Kindheitshaus ein. Es trägt den Namen Skyfall. Daher der Titel. Man hört
den Begriff vorher bei einer Befragung, die Bond anlässlich seines
Einstellungstests durchgehen muss. Er antwortete mit „Ende“. Denn er hat das
Haus nie wirklich gemocht. Logisch, wenn man ein Waise ist und dann steht da
ein unheimliches altes Haus … Es steht leer, aber der alte Besitzer ist noch
da. Zusammen präparieren sie die Bruchbude à la Kevin allein zu Haus, denn sie
sind nur schwach bewaffnet: zwei Flinten und Bonds PPK. Die Szenerie erinnerte
stark an Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1, bei dem die Protagonisten
auch ständig auf der Flucht sind und ihnen nichts bleibt als zu improvisieren.
Wie es weitergeht, kann man sich denken: Die gegnerische
Truppe trifft mit HK-Sturmgewehren ein, mit der Improvisationsgabe wird der
Großteil ausgeknipst (wobei Bond die Waffen des Gegners einsetzen muss, denn
ihm geht die Schrotmunition aus), aber der Villain humpelt den fliehenden
Leuten, also M und der Hausbesitzer, der M ständig Emma nennt, hinterher. Bond
bricht derweil im Eis ein und findet so schnell nicht wieder raus (auch eine
Referenz an Heiligtümer des Todes, denn da passiert mit dem Gryffindor-Schwert
ja fast das Gleiche), befreit sich dann aber und kann den Villain in einer
kleinen Kapelle davon abhalten, M zu erschießen (und ihn gleich mit, denn er
will, dass sie beide durch die gleiche Kugel sterben). Das nützt aber nichts
mehr, denn, und das ist komplett neu, M trug einige Verletzungen von der
Schießerei beim Haus davon und stirbt in Bonds Armen. Das ist das erste Mal,
dass der Chef des MI6 in einem Bondfilm stirbt. Und, soweit ich weiß, ist das
auch das erste Mal überhaupt, dass ein Bond-Villain sein Ziel erreicht hat, in
diesem Fall der Tod von M. Das erste Mal, dass Bond sein Auftragsziel komplett
verfehlt.
Im Epilog ist Bond zurück in London. Seine Kollegin, die ihn
im ganzen Film hin und wieder unterstützte, wird ihm zum ersten Mal vollständig
vorgestellt: Eve Moneypenny. (Ihr habt sie doch auch vermisst, oder?) Ralph
Fiennes wird der neue Chef des MI6, und da sein Nachname ebenfalls mit M
beginnt, nennt er sich auch M. Er hat den nächsten Auftrag für Bond.
Nicht nur mit diesem Ende, sondern auch mit der generell
düsteren Stimmung des Films wirkt er in seiner Gesamtheit so, als hätte Christopher Nolan Regie
geführt. Mit der letzten Szene fällt es besonders leicht, eine Parallele zu The
Dark Knight Rises zu ziehen, denn die beiden Filme ähneln sich doch sehr. Eine
aus dem Nichts auftauchende Figur entpuppt sich als übermächtig und ist als
erste in der Lage, den Protagonisten nachhaltig zu schädigen, wobei wir auch
etwas über die verletzliche Seite des Antagonisten erfahren. Die Hauptfigur
wird immer wieder durch einen jüngeren Kollegen unterstützt, dessen Name erst
am Ende ans Licht gelangt. Beide Filme sind gewissermaßen ein Abschluss einer
Trilogie. Die Filmmusik liefert ähnliche Unterstützungspunkte für die Handlung und
das Feeling stimmt überein: Skyfall ist wie The Dark Knight Rises, nur vielleicht
eine Ecke besser. Großartiger Film, sage ich.
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