Weshalb mache ich diesen Job? Weil ihn allein keiner machen kann, weil ich nicht nein sagen kann, weil die Chance, das Gespräch führen zu können, wenigstens nicht mehr Null ist … Seit Wochen denke ich an nichts Anderes mehr. Nicht an die Vorlesungen, nicht an die Klausuren, nicht mal an die DVD-Releases, die demnächst anstehen. Was im Übrigen mit Eclipse und Inception in meinen Augen ziemlich große Kaliber sind, nicht zu vergessen Micmacs. Mir geht nur dieses Gespräch durch den Kopf. Und die möglichen Szenarien, in denen ich scheitern könnte. Denn um das Gespräch führen zu können, muss ich sie beim Weihnachtskonzert treffen oder bei uns am Glühweinstand, und um da aufzukreuzen, muss sie auf jeden Fall zum Konzert, weil die Weihnachtsferien so doof bemessen sind. Ich kann also nur mit ihr sprechen, wenn sie rechtzeitig hier ist. Und das ist ein großes WENN. Und dann, wenn sie sich nicht überreden lässt? Ich weiß, dass meine Eltern wesentlich mehr Stress um die Ohren haben als ich. Aber aus meiner Sicht sind meine Sorgen von der Mentalität her schon existenzbedrohend.
Bin ich momentan zufrieden? Eigentlich nicht. Und das hat diesmal wirklich nichts mit der Uni zu tun und auch nicht damit, dass es in der Bude aussieht wie Sau. Es ist auch, dass ich gerade so gar keinen Bock auf Weihnachten habe. Der Rummel hat sich des Marktes bemächtigt, früher fuhren wir darauf ab, heute kann ich es nicht mehr sehen. Es ist wie ein ganz normaler Oktober, nur eben viel kälter und hier und da mit dem einen oder anderen Wasserkrümel. Die Weihnachtsindustrie greift um sich. Ich will keine in roten Pelz gehüllte halbnackt Fotomodels sehen. Auch keinen Weihnachtsrummel. Und erst recht will ich dieses verdammte Baugerüst da nicht mehr sehen. Allgemeine Depression. Auch auf dem Weg zum Bahnhof. Ich wollte mit dem Rad zu Strucki, dann wieder zurück und zu Fuß zum Südbahnhof. Weil der Reifen im Teich war, hab ich umdisponiert: Wieder zurück, Sachen gepackt und zu Fuß zu Strucki und von da zum Hauptbahnhof. Und ich hatte so was von keine Lust, über das Wochenende wegzufahren. Bin am Bahnhof angekommen. Sehe ein paar von meinen Kommilitonen, aber abgesehen von der Studienrichtung und dem Semester haben wir nichts gemeinsam. Wir haben noch nie ein Wort gewechselt. Ich weiß zwar, eine von denen hat heute Geburtstag, aber ich hatte jetzt keinen Bock, rüberzugehen und zu gratulieren. Ich wäre mir lächerlich vorgekommen. Ich hätte wahrscheinlich das gesagt, was Pierce Brosnan in „Remember me“ zu Robert Pattinson gesagt hat. „Du hast heute Geburtstag. - Ja. - Happy Birthday.“ Und es klang wie „Guten Appetit“. Ich bin ein Einzelkämpfer. Wenn wir aus unserem Studiengang ein bisschen älter wären und nicht mehr Studenten, sondern Kollegen, dann gäbe es von den vierzig Leuten vielleicht fünf, mit denen ich inzwischen per du wäre. Und das heißt noch nicht einmal, dass der Kontakt so dermaßen eng wäre. Der Zug kommt. Ich steige lustlos ein. Nehme den Sitzplatz direkt an der Tür. Der Schaffner müsste längst durch sein, ich bin hier also vor dem Zugriff sicher. Mache nur die Jacke auf, verspüre nicht das Bedürfnis, die Mütze oder die Handschuhe abzulegen, obwohl der Zug gut gewärmt ist. Sehe beim Bahnhof und im Waggon ein glückliches Pärchen. Gönne es ihnen mit schwerem Herzen. Während der ganzen beschissenen Fahrt mache ich nicht einmal den Mund auf. Rechne dafür folgende Aufgabe schnell aus: Der Weg ist in vier Teile geteilt durch die drei Bahnhöfe, die zwischen Greifswald und Stralsund liegen, durch zwei davon fahren wir durch. Die Etappe bis zum ersten Bahnhof betrage ein Drittel der Strecke. Wenn der Weg jetzt gleichmäßig auf die anderen drei Abschnitte aufgeteilt wird, welchen Anteil hat dann jeder Abschnitt am Gesamtweg? Falls es wen interessiert: Es sind zwei Neuntel oder anders gesagt ungefähr 22 %.
Erledige das, was ich im Laden machen soll. Merke wieder, was in diesem Laden für ein Pensum steckt. Das Bewältigen dieses Pensums macht mich nicht glücklich. Auch wenn man sagt, dass man sich besser fühlt, wenn man etwas geschafft hat, in diesem Fall ist es nicht so, genauso wenig wie die Zeit Wunden heilt (siehe hierzu besides - Third Session plus Fortsetzung). Ich bin demotiviert, und werde dann auch noch mit der diesmal dringenden Aufforderung zum Nebenjob konfrontiert, weil die fucking Krankenkasse den Beitrag mehr als verdoppelt. Da muntert mich auch die bereits bekannte Nachricht nicht mehr auf, dass der arschlecken-Wehrdienst Mitte nächsten Jahres ausgesetzt werden soll. Ich will in die Kälte, mich hinsetzen und einfach nur heulend weggehen. Und dabei nachdenken. Zähle ich den Krampf mit dazu? Nein, mache ich nicht, weil er nicht NUR von dem Thema induziert wurde, es war nur beteiligt.
Und es hört nicht auf mit den Hiobsbotschaften: Die größte Gruppe in sVZ, namentlich „FAAAHR DOCH DA VORNE DU SPAST!! - Wir fluchen im Auto“, ist endgültig Opfer eines Vandalismusanschlages geworden. Ich bin seit September, Oktober 2008 in der Gruppe unterwegs, schrieb regelmäßig was rein und bin in der Zwischenzeit zu einem der elf Moderatoren geworden. Dann kam das Löschen. Irgendjemand hatte alle Threads gelöscht, die einen Eintrag aus dem Jahr 2010 hatten. Also auch die Topthemen. Es gab ja nur zwölf, die das machen konnten, wir wussten nicht, wer das war, haben versucht, alles wieder aufzubauen, aber vor einer Stunde hab ich mich eingeloggt und musste feststellen, dass nicht ein einziger Thread überlebt hat. Es gab nur einen neugegründeten, und in dem ging es darum, dass die Mods sich darüber beschwerten, dass keiner mehr da war. Wir, unsere kleine Diskussionsrunde, die sich so langsam schon eingeschworen hat, hat eine neue Gruppe gegründet. Wir haben herausgefunden, dass unser Gruppengründer, der diesen Titel irgendwann mal geerbt hat, für das Verschwinden sämtlicher Threads verantwortlich war. Diese Gruppe, die mir so sehr am Herzen lag, ist nun nur noch eine Farce. War eine schöne Zeit. Aber diese ist nun weg. Kurzum, momentan gibt es nur noch eine Sache, die mich irgendwie wieder hochziehen kann. Ich will das Gespräch. Um jeden Preis.
There was never a Man like my Johnny … Peggy Lee - Johnny Guitar. Trifft den heutigen Tag von der Stimmung her ziemlich gut. Und viele davor auch.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen