Jetzt mal im Ernst: Habt ihr was anderes erwartet? Die wichtigste Eigenschaft der Jugend ist doch wohl die, dass sie so verflucht jung ist. Es ist normal und sogar staatlich vorgesehen, dass die Jugend sich noch nie um eine Arbeitsstelle bewerben musste. Sie mussten nie einen Job erledigen, das ist gesetzlich festgelegt. Daher kennen sie das auch nicht, wissen nicht, was das alles mit sich bringt. Das einzige, was sie kennen, ist die Schule. Und die fordert in erster Linie. Die Lehrer kennen sie nicht privat, also bleibt die emotionale Ebene zu denen stets distanziert. Es kommt eher selten vor, dass Schüler von ihren Lehrern etwas einfordern können. Die Beziehung ist also eher einseitig. Und da ist es ja wohl mehr als logisch, dass man davon Ablenkung braucht, zumal die Ablenkung auch hübsch drapiert in Massen auftritt.
Die Leute haben einfach noch nicht die Lebenserfahrung, die ältere Menschen haben. Und außerdem haben sie noch mit einem heftigen Hormonschub zu tun. Der sagt ihnen: Genieß dein Leben und mach was du willst, denn besser wird es nicht. Live fast, love hard, then study oder so ähnlich. Klar, dass die das auskosten wollen. Und die, die sich darüber beschweren, wollen sich eigentlich nicht über die Jugend beschweren, sondern allgemein über Menschen, die so leben, weil sie selbst nicht nach diesem Modell leb(t)en.
Dann kommt wieder die Aussage: Die Jugend interessiert sich nicht für wichtige Dinge. Habt ihr es mal ernsthaft versucht? Die ganzen sogenannten Jugendsender senden zwar das, wovon sie glauben, dass die Jugend das sehen will. Aber damit bedienen sie doch nur eine Teilgruppe, nämlich eben diese Klischeejugendlichen, die sich alle möglichen Apps auf ihr Handy laden und der ganze Scheissdreck. Ja, da gibt es aber noch Andere. Um nicht zu sagen, einen Haufen Andere. Das Problem ist hier das gleiche wie mit den Künstlern: Diejenigen, die am lautesten schreien, werden zuerst gehört. Die Klischeejugendlichen gibt es, ja, das gebe ich zu, aber die vielen ruhigeren sind eben so ruhig, dass man sie nicht immer wahrnimmt. Ich wage sogar die Behauptung, dass einige diese nicht wahrnehmen wollen, weil sie auf den ersten Blick nichts Interessantes an sich haben. Typische Teilzeitaußenseiter eben. Normalos. Damit kann man kein Drrrama erzeugen (man muss das so schreiben, damit beim Leser die Wahrscheinlichkeit für die Wahrnehmung einer amerikanophonen Intonierung erhöht wird, also so ein rollendes arrrrrrrr). Mit anderen Worten, diejenigen, die sich darüber aufregen, sind selbst vorschnelle Schwachköpfe, die entweder schon immer griesgrämig dreinsehende Zeitgenossen waren oder aber in ihren Teenie-Zeiten bzw. in ihren Zwanzigern dauernd wütend einen Drink nach dem anderen bestellt haben. Mit viel Chinin, natürlich. Lohnt sich doch sowieso nicht, Maltose hinzuzusetzen, verursacht nur unnützen Karies. Oder heißt es "das" Karies? Ich bin im Moment nicht über das Genus von Karies informiert. Und weil derlei Schnapsleichen nie was Besseres zu tun gehabt haben, als sich über irgendjemanden aufzuregen, der nicht so ist wie man selbst (oder in diesem Fall wahrscheinlich sogar so ist, wie man selbst einmal war), gehen sie halt verbal auf die Altersgruppe los, in der sie gerade nicht sind. Besonders lustig wird das, wenn es sich dabei um Erwachsene in den 30ern und seltener in den 40ern handelt, denn die haben zwei Altersgruppen, über die sie sich aufregen können: die Alten und die Jüngeren. Ich sage die Jüngeren, weil der Ausdruck "die Jungen" trotz Voranstellung des hier gemeinten Gegenteils dennoch mit dem Begriff der nicht ausgewachsenen männlichen Bevölkerung verwechselt werden kann, also "die Jungs".
Wird über die Jugend gemeckert? Check. Wird etwas unternommen, um die angeblichen Missstände aus der Welt zu schaffen? Negativ. Es wäre möglicherweise interessant, wenn sich die ehemaligen Musiksender wieder in ebensolche umwandeln würden. Und dabei nicht nur Elektroscheiss spielen (was für eine tolle bloginterne Anspielung), sondern auch verstärkt und vor allem in abwechselnden Zeitintervallen Sparten machen. Einmal eine Stunde MTV Rockzone genügt dabei übrigens nicht. Ihr solltet auch mal den einen oder anderen Jazzabend machen und auch genialen alten Scheiss rotieren lassen. Diese unrealistischen kalifornischen Serien könnt ihr euch gelinde gesagt sonstwohin klemmen. Das überlasst mal lieber RTL2. Denjenigen, die sich wirklich dafür interessieren, aber keinen Internetanschluss zu Hause haben (was vor ein paar Jahren übrigens normal war), bleibt nur das Kabarett. Das ist für die Jugendlichen mehr oder weniger Unterhaltung (untrügliches Indiz: es gibt was zu lachen) und sie lernen dabei noch ein bisschen was für Sozialkunde. Bei mir war das jedenfalls so. Die ganzen Namen von den Ministern und deren Ämter hab ich mir am besten über "alles muss raus" mit Urban Priol und über Stenkelfeld gemerkt. Das war klasse.
Es fehlt die Ausbildung zur Selbstständigkeit. Das ist bei vielen, auch bei mir, ein ernstzunehmendes Problem. Wir brauchen mehr solche Typen wie Robin Williams in "Der Club der toten Dichter", wenn wir so was wie eine mehr oder weniger okaye Jugend (tolles Wort, nicht?) wollen, die nicht so aussieht wie Stefan George. Jetzt mal ernsthaft, ein Vertreter der Neuromantik kann doch nicht so grimmig dreinblicken. Für alle, die das Bild nicht vor Augen haben: Stellt euch vor, eurem Chef könnte man rein optisch eine gewisse Ähnlichkeit zu Hans Landa (abgesehen von der Frisur) und einen leichten Hang zur Misanthropie zugestehen. Und jetzt stellt euch vor, ihr hättet sein Auto zerkratzt und seine Frau hätte wegen euch mit ihm Schluss gemacht, und er weiß das alles. Und dann begegnet ihr euch auf dem Flur, und er sieht euch an. So sieht Stefan George aus. Okay, er hat zwar den ersten Weltkrieg abgelehnt, aber das ist so, wie wenn ich sagen würde, dass Gerhard Schröder auch den Irakkrieg abgelehnt hat. Das mag ja ganz nett sein, aber das ist nicht die ganze Person. Also: Wenn die Jugend sehr gut sein soll (was auch immer das heißen mag), dann macht aus ihnen selbstständige Menschen und hört mir bitte mit diesem Scheiss-Pessimismus auf.